Die Krone Habsburgs

Es waren zwar nur rund 4 Mio. Ukrainer, die die beiden Gebiete Galizien und Lodomerien unter Habsburgischer Krone vereint hatte, dennoch schienen sie bis zum Tod des Kaisers friedlich und zufrieden zusammenzuleben. So zumindest ist der Eindruck, wenn man Joseph Roths literarischen Schilderungen glaubt. Mit dem Zerfall des Habsburgerreichs begannen aber auch schon wieder die Streitigkeiten und Konflikte. Man hatte nämlich ob der verklärten Liebe zum Kaiser übersehen, dass sich Galizien im 19. Jh. nicht wie erwartet entwickelt hatte und auch die Befreiungsaktionen von 1848 hatte nicht wesentlich zur Verbesserung der Situation der Bauern beigetragen. Die Polen waren wirtschaftlich führen, die Ostgalizier wanderten aus, denn die Industrialisierung benötigte weit weniger Arbeitskräfte, als vorhanden waren. Und das, obwohl es in Drohobyc und Boryslav zu Erdölabbau kam, was die Monarchie in der damaligen Welt zum drittgrößten Öl-Förderer werden ließ.

Unter der Habsburger Monarchie galt Freiheit in der Religionsausübung. Dies umfasste auch das Judentum, das sich entfalten konnte. In den ukrainischen Gebieten war allerdings der Einfluss der Priester, insbesondere der Dorfpopen enorm, die in ihren eigenen Volkssprachen verfasste Broschüren herausgaben. Anders in der Ostukraine, wo die Volkssprache nur wenige beherrschten.

Im Wiener Reichsrat galt seit den 1860ern das Kurien-Parlament, das mit einigen Erweiterungen 1907 ein freies, allgemeines und direktes Wahlrecht ausformte, das zwar kein Wahlrecht für Frauen vorsah, aber schon sehr ausgeklügelt war. Dennoch geriet es unter Kritik, denn ein ruthenischer Kandidat musste für ein Mandat doppelt so viele Wählerstimmen auf sich vereinen wie ein polnischer Kandidat, was demnach zu einer Ungerechtigkeit in der überregionalen Stimmenaufteilung entlarvte. Das bedeutete, dass der Anteil der Ruthenen im Reichsrat nicht dem Bevölkerungsanteil entsprach. Die folge waren Unruhen. Die Diskussion um ukrainischsprachigen Universitäten. Daneben galten die "Galizischen Wahlen" sinnbildlich für Wahlbetrug, so berühmt-berüchtigt waren die Manipulationen seitens der polnischen Administration. Kandiaten wurden gedisst und – irgendwann – erreichten sie auch die Wahlzentrale in Wien, die über die Verfassungsmäßigkeit zu befinden hatte.

 

1908, konkret am 12. April, erschoss der ruthenische Student, ein Sozialdemokrat der Ukrainischen Partei, den galizischen Statthalter Graf Andrej Potocki und begründete dies mit den Wahlverstößen und dem damit verbundenen Unrecht, für den er Potocki verantwortlich machte. Nun musste Wien handeln, das sich bis dahin mit dem "Schein der Legalität" zufrieden gegeben hatte. Wien lenkte seine Aufmerksamkeit auf Galizien und reformierte das Wahlrecht in ein erweitertes Sejm-Wahlrecht, Errichtete eine ukrainische Universität und sah damit den Forderungen der Ruthenen genüge getan, die im Ausgleich von 1914 Erwähnung fanden. Zu einer Teilung kam es nicht. Aber auch die anderen Punkte wurden nicht mehr umgesetzt, denn der Erste Weltkrieg stand bereits bevor. Die Ukrainischen Nationalisten radikalisierten sich und ließen zunehmend Gewaltbereitschaft erkennen, was den Blick für etwaige Alternativen einengte. Daneben entwickelten sich andere Lager, etwa russophile Intelektuelle, die sich als Großrussen sahen und die zwischen den Sprachen fließend wechselten. Auch kontrollierten Russophile im ausgehenden 19. Jh bereits das kulturelle Vereinsleben, Organisationen und beeinflussten so die Bevölkerung. Dem gegenüber stand die österreichisch-galizische Behördenlandschaft, die ihrerseits im Untergrund agierende Gruppen beobachtete.

So rückständig man das habsburgische Galizien auch betrachtete, so wesentliche Errungenschaften gab es dort. Die Habsburger installierten ein flächendeckendes Volksschulwesen und kodifizieren das Ukrainisch. Die Ukrainische Bevölkerung übte sich in demokratischen Fragen, Parteienwesen, Verbänden und Meinungsbildung, was wiederum für die Übernahme von Ämtern von Bedeutung war. Daneben wurden die Klassenzimmer mit Schülern aus Polen und der ukrainischen Bevölkerung beansprucht, was sich positiv auf deren Verständigung auswirkte und Freundschaften förderte. Und selten ist etwas so langlebig, wie eine Freundschaft aus Kindertagen.

Kriegserklärung und russischer Aufmarsch

Österreich erklärte Serbien am 28. Juni 1914 den Krieg und dies hatte auch Folgen für die ukrainischen Länder unter Habsburgs Krone. In der Monarchie herrschte Ausnahmezustand. Und bereits Mitte August wurde Ost-Galizien zum Aufmarschgebiet russischer Truppen. Offenbar wollte man nun die Teilung des Kronlandes mit Waffengewalt erwirken.

 

Die Bevölkerung war recht bald stark eingeschränkt, obwohl die Monarchie umfangreiche Vorbereitungen getroffen hatte. Die Zensur, das vorübergehende Aussetzen des Reichsrates, die Lebensbedingungen veränderten sich durch die einsetzende Inflation, Arbeitszeiten wurden verlängert, der Lohn gekürzt – taten das Ihre und dennoch war der Krieg eine willkommene Abwechslung für die ukrainischen Aktivisten. Die ukrainophilen hatten einen Ukrainischen Hauptrat installiert, die sich prohabsburgisch verstanden. Der "Holovna Ukrains'ka Rada" arbeitete mit dem Bund zur Befreiung der Ukraine zusammen (Sojuz Vyzvolennja Ukrainy, SVU), der mit Mitteln aus Wien finanziert wurde.

 

Indes marschierten in Ost-Galizien russische Truppen ein und begannen das gewohnte Leben der Bevölkerung zu irritieren. Es kam zu Verhaftungen von "Unruhestiftern", man spürte national Aspirationen auf und in arbeitete intensiv an der strukturellen Angliederung, denn dies war erklärtes russisches Kriegsziel. Die Einführung der russischen Sprache in den Amtsstuben führte zu Empörung bei den polnischen Beamten, die umgehend auf stur schalteten und sich hartnäckig gaben.

 

Man setzte daher Personal der russischen Besatzer ein, die sich zwar im Land nicht auskannten, weil sie aus russisch-ukrainischem Hinterland stammten, aber den polnisch-schreibenden und sprechenden Verwaltungsbeamten zeigten, wo "es langging". Die Besatzungszeit war besonders von der "Aufrechterhaltung der Ruhe" gekennzeichnet, was ein kleiner Vorgeschmack auf das, was da eintreten könnte, wenn die Russophilen ihre Bedingungen durchsetzten, darstellte. Die Verfolgten wurden zum Teil deportiert und als "illoyale Ukrainer", ins Lager Thalerhof, überstellt, einem Auffanglager dienenden Gelände mit nahem Flugbetrieb schon im Ersten Weltkrieg. Als auch die Mittel in Kriegszeiten knapp waren und Flüchtlinge im "Hungerwinter" 1917 einfach erfroren oder an Unterernährung starben. So wurde das Lager Teil der ukrainischen Opfermythologie. Die österreichische Literatur umfasst auch einige Arbeiten aus diesen Tagen, womit sie an Repressionen erinnert, die in diesem Zusammenhang geschahen.

 

Exekutivkomitee

In den Ländern installierte sich indes das "Exekutivkomitee des Rates vereinigter gesellschaftlicher Organisationen". In Kiev wurden Soldaten- und Bauernräte gegründet. Ihr erklärtes Ziel waren soziale Reformen und Frieden. Des weiteren wurde im Frühjahr 1917 der Central'na Rada, der Zentralrat gegründet, und 1908 folgte die Gründung der "Gesellschaft der ukrainischen Fortschrittler", die "Tovarystvo Uraȉns'kych Postupovciv".

 

Dem Zentralrat schlossen sich bald eine Menge Organisationen an – auch die Gewerkschaften und Parteien, die widerum Sozialrevolutionäre und -demokraten in sich versammelten. Die Ausrichtung zeigte deutlichen Linksdrall. An der finanziellen Lage scheiterte die Ausarbeitung von Alternativen. Man verfolgte die Idee des "Einen und unteilbaren Russlands". Die nationalen Autonomiebestrebungen wurden damit hintangestellt.

 

Zentralrat

Im Oktober 1917 siegten die Bolschewiken in Petrograd. Im November gründete der Zentralrat die Ukrainische Volksrepublik UNR. Allerdings als Teil der russischen Föderation. Doch für diese junge Republik hatte man nur wenig Begeisterung, wie auch der Zentralrat noch nur wenig Macht hatte.

Am 7. November, im sogenannten 3. Universal, wurden Maßnahmen zur "radikalen" Reform beschlossen, denn Großgrundbesitzer, Kirchen, Klöster sollten entschädigungslos enteignet und das Land an Bauern verteilt werden. Damit stieß man auch die Sympathisanten weg, die bislang mit einer unabhängigen Ukraine-Idee kokettiert hatten und über Besitz verfügten. Es kam zum 4. Universal, in welchem die Unabhängigkeit der UNR vom Sowjetrussland proklamiert wurde.

 

Die Monarchie hatte mit Einfluss auf die Region geliebäugelt, aber verloren. Der Hungerwinter 1917/18 führte zu einer Ernährungskrise erschreckenden Ausmaßes, der zur Unterzeichnung eines "Brotfriedens" führte, denn der Frieden würde die Getreidelieferungen wieder anlaufen lassen. Allerdings hatte man sich zu einer Fehlkalkulation hinsichtlich des Leistungsvermögens der Landwirtschaft hinreissen lassen, was eine Erwartung an viel zu hohen Mengen der Landwirtschaft führte.

 

1918 wurde der UNR deutsche und österreichische Militärhilfe geleistet. Die Roten Garden bedrängten auch die junge Ukraine. Und da es im Rahmen der Friedensverhandlungen zu einer Interessenskonflikt kam: Lenin wollte Frieden, Trockij nicht, wurde durch die Besetzung der Ukraine die Sowjetregierung zurück an den Verhandlungstisch geholt. Es wurde der "Friede von Brest" zwischen Moskau und Berlin unterzeichnet.

 

Skoropad'kys Regierungszeit

 

Der Het'man, der vom April bis November 1918 die Geschäfte führte, wurde wieder abgesetzt. Bis dahin war er aber mit sämtlichen Ehrbekundungen versehen und allen militärischen Ehren beim deutschen Kaiser Wilhelm II. empfangen worden. Er wurde mit seinen Truppen zurückgedrängt, schließlich entmachtet und ins Exil geschickt, wo er sich bis 1945 aufhielt. Er starb in Folge der Verletzungen eines Bombenangriffs, wie es heißt.

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