Auch noch sanfte Hügelausläufer südlich der Grenze: Slovenien. Im Winter Skigebiet. (Bild: https://kraji.eu)

Veränderungen

Franz Jordan, der kleine Sohn der Familie Jordan, die sich nahe der Eltern von Maria eine Existenz aufgebaut hatten, wurde nach Kriegsende praktisch über Nacht zum Bewohner des Staates Slowenien-Kroatien-Serbien und das aufgrund der Grenzziehung, die das kleine Dörfchen Süssenberg zu Sladki Vrh werden ließ. Der Erste Weltkrieg und die Konsequenzen der Niederlage führten dazu, dass die Schule fortan einen slowenischen Oberlehrer erhielt und Franz sich nicht mehr recht einfügen konnte, wurde er doch Franzischek (verm. František) genannt und fühlte sich nicht angesprochen. Es folgten Schläge mit dem Rohrstock. Dann, als der Sohn mit "Spanischer Grippe" angesteckt nach hause kam und auch den kleinen Bruder ansteckte, der diese Erkrankung nicht überlebte, entschieden die Eltern (der Vater war inzwischen aus dem Krieg heimgekehrt), den Hof zu verlassen, über die Grenze nach Österreich zu gehen und sich eine neue Existenz aufzubauen.

 

Mit einer gehörigen Portion Glück schafften sie es 1921 bei einer Großbauernfamilie in der Südsteirischen Gegend Mureck Aufnahme zu finden. Sie wurden von ihm in dessen Dienste genommen und erhielten Unterkunft. Doch schon bald stellten sie fest, dass es auch auf dieser Seite der Grenze nicht leicht ist, denn eine Zeitlang hieß es "das war wohl nicht so, bei Euch drüben", was die Neuankömmlinge, die sich endlich zuhause fühlten, die Sprache des Bürgermeisters und in der Schule wieder verstanden, befremdete.

 

Die Jahre vergingen und die Kinder wuchsen heran. Sie arbeiteten noch immer für Unterkunft und Essen. Ein Kind wurde dem Ehepaar geboren: Johanna. Und insgeheim regte sich der Wunsch, eigene Wohnräumlichkeiten zu besitzen. Dazu fehlte ihnen aber das Geld, das ja praktisch zur Gänze der Bauer verdiente. Eines Tages erfuhren der inzwischen herangewachsene Franz und sein Vater von einer zu vergebenden Mäharbeit, die bei einem Bauern zu haben waren, wenn sie sich schnell meldeten. Sie würden in aller Früh mähen, kämen aber noch zurecht zu ihrem Tagewerk auf dem Hof. So sagten sie zu und – weil man die Sensen selbst mitbringen musste – nahmen sie die Sensen mit, die sie ohnehin jeden Tag in der Hand hatten. Doch am letzten Tag der Mahd, flog die Sache auf und der Bauer stand breitbeinig auf seinem Hof, während die beiden Mäher eintrafen. Er verjagte sie umgehend von seinen Ländereien.

Schon in den nächsten Tagen zogen sie mit ihrem Leiterwagen und den Käferbohnen, die sie noch von Marias Mutter hatten, weiter und hatten erneut Glück im Unglück: Sie konnten in der Nähe von Ehrenhausen einen Bauern finden, der ihnen ein Haus vermietete und sie als Tagewerker anstellte, um ihm die Miete zu zahlen. Es war ihr erstes eigenes Zuhause.

Maria, die sich mit einigen Säcken Käferbohnen zu einem Händler aufmachte, kehrte zurück mit Stoff, Garn und einigen kleinen Weinreben, die ihr Mann kritisch in Augenschein nahm. Er stellte fest, dass es ein eigenes Grundstück sein sollte, wenn Weinreben gepflanzt würden, da erschien wenig später, wie ein Wink des Schicksals, deren Tochter Johanna, die ihre Löhne ausbezahlt bekommen hatte und meinte, das Geld sollte angelegt werden, denn es wird bald nicht mehr viel wert sein. (...)

 

Was sind Käferbohnen?

Die Steirer lieben Käferbohnen. Sie werden vorzugsweise gekocht und als Salat verzehrt, enthalten viel Kohlenhydrat aber nur wenig Fett, daneben aber Mineralstoffe und reichlich Vitamin. Die Käferbohne ist keine günstige kleine Bohne - für die Steirer ist sie die Königin aller Bohnen und man genießt sie mit Zwiebel, Paprika und Kernöl an einem Rindfleisch. Ein typisch streirisches Mahl. 

Allerdings wird die Bohne (landwirt.com).Bohne auch in der experimentellen Küche immer beliebter: Käferbohnensuppe und -strudel oder gar -pürree sind schon auf Speisekarten in der Gegend zu finden gewesen. Den Namen erhielt sie wegen der dunklen Fleckerl an der Oberfläche. Käferbohnen gibts zur Erntezeit auf dem Markt zu erwerben und in Dosen ganzjährig. Aber ein echter Feinspitz genießt sie in einem der Restaurants an der Südsteirischen Weinstraße zu einem echten lokalen Tröpferl Weißwein. 

 

 

Zur Autorin

Evelyne Lorenz studierte an der Pädagogischen Hochschule und an der Universität Klagenfurt. Sie ist Jahrgang 1950 und stammt aus Graz.

Evelyne Lorenz schuf einen Roman, der aus sechs Gesprächen aufgebaut ist, die die Kapitel jeweils einleiten. Es ist eine ältere Dame, die sich mit der Autorin nahe der Grenze mit der Spaziergängerin trifft und auf einen Tee eingeladen wird. Daraus ergibt sich ein Gespräch über die Geschehnisse in der Gegend am Beginn der vergangenen 100 Jahre.

Das Buch "Die Käferbohnenfrau" von Evelyne Lorenz erschien 2018 im Verlag Keiper und wurde verfilmt. Regie führten die Autorin selbst und Günter Simmerl Co-Regisseur. Das Werk wurde bereits unter dem selben Namen 2011 veröffentlicht und unter dem Beifall der politischen Amtsinhaber und der Öffentlichkeit vorgestellt. (Leider konnte ich kein Exemplar finden.)

Neben "Die Käferbohnenfrau" entstanden auch "Das neunte Land", ein Roman über das Burgenland und "Hinterhof Bassena", die die Geschichte der jungen Anna Amalia erzählt, die als Gesellschafterin einer Gräfin in Triest, einen grazer Künstler kennenlernt. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist, macht sie sich auf, ihn zu suchen – und findet ihn: Verheiratet und mit drei Kindern.

 

Autor seit 2 Jahren
123 Seiten
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