Die Realität einer mittelalterlichen Schlacht

Um diese Frage zu beantworten ist es sinnvoll, sich ein wenig mit der Realität einer solchen Schlacht zu beschäftigen. Eröffnet wurde sie meist mit Fernwaffen, also Bögen, Armbrüsten, Wurfmaschinen und später den ersten Kanonen. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich als Fußsoldat in einer der vorderen Schlachtreihen. Im Idealfall wissen Sie durch ein entsprechendes Kommando, dass gerade eine Salve abgefeuert wurde. Während sie den Kopf gesenkt halten prasseln bereits die ersten Pfeile auf Ihren Helm und ihre Schulterpanzer. Vereinzelt sind Schreie zu hören, wenn ein Projektil die Lücke in einer Rüstung findet. Von weiter weg werden Kommandos gebrüllt. Da Sie sowieso keinerlei Überblick über das Geschehen haben, konzentrieren Sie sich aber lediglich auf die nächste Umgebung. Sie sind derart eng von Kämpfern umgeben, dass Sie sich nur noch im Verband bewegen können. Plötzlich ertönt der Befehl, sich auf einen unmittelbar bevorstehenden Reiterangriff vorzubereiten. Kurz darauf bebt die Erde. Am anderen Ende des Schlachtfeldes haben sich die gegnerischen Ritter in Bewegung gesetzt, eine eng geschlossene Reihe aus Pferden und schwer gepanzerten Elitekämpfern, die Lanzen auf Ihre Reihen gerichtet. Die erste Reihe hält den Schildwall geschlossen, aber der Aufprall ist dennoch schrecklich. Die Männer vor Ihnen werden von Lanzen durchbohrt oder von den großen Streitrössern zu Boden geworfen. Die Pferde sind darauf trainiert, um sich zu beißen und ihre Hufe bestmöglich als Waffen einzusetzen. Am liebsten würden Sie fliehen, aber die Männer hinter Ihnen drängen sie immer weiter nach vorne. Sie beißen die Zähne derart fest aufeinander, dass der Zahnschmelz der Belastung nicht mehr standhalten kann. Es ist heiß, der Boden ist schlüpfrig von Blut und Schlamm. Sollten sie zu Boden gehen, werden Sie entweder die Pferde der Ritter oder Ihre Kameraden zu Tode trampeln. Sie bekämpfen den Gegner erbittert, aber langsam erlahmt ihr Schwertarm und Sie können den Schild kaum noch oben halten. Die Ritter lassen sich nicht stoppen, immer mehr Kämpfer fallen. Plötzlich bricht Panik aus. Die Formation löst sich auf und Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich der Flucht anzuschließen. Egal wie viele Ihrer Kameraden bis zu diesem Zeitpunkt gefallen sind, jetzt nimmt die Tragödie erst richtig ihren Lauf. Mit dem Rücken zum Feind ist Ihre Einheit leichte Beute für die Berittenen, die die fliehende Armee nun vor sich her treiben und bis auf wenige Ausnahmen vernichten.

Ein derartiges Szenario hätte sich beispielsweise bei der Schlacht von Muret 1213 abspielen können, in der eine zahlenmäßig weit überlegene Armee durch die Wucht eines Reiterangriffes vernichtend geschlagen wurde. Der beschriebene Verlauf ist nur ein Beispiel einer mittelalterlichen Schlacht. Es verdeutlicht aber insbesondere die Schlagkraft der Ritter im hohen Mittelalter. Doch auch auf diese konnten sich die Feldherren des Mittelalters nicht immer verlassen. In vielen Schlachten, insbesondere im 100-jährigen Krieg zwischen England und Frankreich, unterlagen diese hervorragend ausgerüsteten und ausgebildeten Kämpfer gegen zu Fuß kämpfende Armeen.

Warum waren Schlachten gerade im Mittelalter so unberechenbar?

Warum waren Schlachten gerade im Mittelalter so unberechenbar?

Im Grunde war eine offene Feldschlacht im Mittelalter ein Glücksspiel. Es gab derart viele Unwägbarkeiten, dass der Ausgang weder zu Beginn noch im weiteren Verlauf feststand. Diese Tatsache macht bereits deutlich, dass die kriegführenden Parteien nur in Ausnahmesituationen das Risiko einer solchen Schlacht eingingen. Dies konnte sowohl eine besonders aussichtslose Lage sein, in der keine andere Wahl blieb, als auch die Vermutung, auf jeden Fall siegen zu können. In der Regel verlegte man sich darauf, Landstriche zu verwüsten und Städte zu belagern. Dabei konnte es zwar immer zu Scharmützeln kommen, die ganz großen Schlachten blieben allerdings aus.

Darstellung der Schlacht von Grandson: Es ist bereits der Versuch zu erkennen, einheitliche Formationen beizubehalten.Darstellung der Schlacht von Grandson: Es ist bereits der Versuch zu erkennen, einheitliche Formationen beizubehalten.

Das Feldschlachten derart unberechenbar und relativ waren, steht in einem nicht unerheblichen Gegensatz zu der Kriegführung in Antike und Neuzeit. In beiden Epochen schreckten die Feldherren in der Regel nicht davor zurück, mit ihren Armeen offen gegeneinander anzutreten. Der Grund hierfür ist wohl in der besseren Organisation und Ausbildung der Armeen zu suchen. Ob griechische bzw. makedonische Phalanx, römische Legion oder napoleonische Armee, sie alle hatten einen jahrelangen und strengen Drill gemeinsam. Es handelte sich um einheitliche Systeme, die perfekt funktionierten und bei denen sich der Feldherr vor allem auf einen gewissen Standard an Disziplin verlassen konnte. Dazu kommt eine einheitliche Kommandostruktur, samt Offizieren und Unteroffizieren. Die Lehnsaufgebote des Mittelalters und auch die Söldnerkompanien des späten Mittelalters waren im direkten Vergleich sehr viel uneinheitlicher ausgebildet, ausgerüstet und besaßen sehr unterschiedliche Gründe, überhaupt in den Krieg zu ziehen. Erst gegen Ende des Mittelalters gab es ernsthafte Versuche, einheitliche Grundsätze zu schaffen. Hier war es vor allem der burgundische Herzog Karl der Kühne, der für seine Söldnerarmee detaillierte Vorschriften verfasste. Was im Training wohl gut funktionierte, konnte allerdings auf dem Schlachtfeld noch nicht optimal umgesetzt werden. Karl begab sich im Vertrauen auf seine Armee bei mehreren Gelegenheiten in Feldschlachten, die allesamt katastrophal endeten.

Schlachten im Mittelalter - kein alltägliches Ereignis

Letztlich ist die Anzahl der Schlachten im Mittelalter weit geringer, als uns das bestimmte Darstellungen glauben lassen wollen. Kein Herrscher war gerne dazu bereit, sein Heer leichtfertig zu riskieren. Es war weit sinnvoller, den Feind durch Raubzüge und Verwüstungen zu Zugeständnissen zu zwingen. Zu großen Kämpfen kam es vor allem dann, wenn es keine andere Möglichkeit gab oder wenn die Befehlshaber überzeugt davon waren, gewinnen zu können. Hier spielte häufig das Vertrauen auf Gott eine entscheidende Rolle. Nicht selten wurde der Ausgang einer Schlacht zudem als Gottesurteil gewertet. Dass sich gerade in der Historiographie viele Darstellungen von Schlachten finden lassen ist ein weiteres Zeichen dafür, dass es jeweils besondere Ereignisse waren. Im Mittelalter wurde grundsätzlich nur das aufgeschrieben, was als besonders wichtig erachtet wurde. Auch sollte bedacht werden, dass zwischen den einzelnen Schlachten zum Teil relativ große Zeitabschnitte liegen.

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