K 278

Die Entwicklung der K 278 begann eigentlich bereits 1960. Man wollte ein neues Konzept, eine neue Konstruktion für dieses U-Boot. Es sollte eine Novität auf den Weltmeeren sein. Die USA und die Sowjetunion werden in der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre von Un- und Störfällen in den Atomkraftwerken geradezu heimgesucht. Meist aber ebbt die Berichterstattung ab. Es soll kein Zweifel an der Atomkraft entstehen.

Die noch junge NATO - das Gegenteil zum Warschauer Pakt - beschäftigt sich mit der von der USA entwickelten Nuklearstrategie der Massiven Vergeltung und stellt US-Mittelstrecken-Raketen in Großbritannien auf. In der Türkei werden US-Raketen vom Typ Jupiter aufgestellt und zwar gleich 26 davon. Auch in Italien wird diese Type zu zwei Staffeln installiert. Die USA begann 1960 mit der Lieferung der seegestützten Polaris-Raketen und die NATO beriet über den Vorschlag des NATO-Oberbefehlshabers Norstad, eine multilaterale Atomstreitmacht aufzustellen. Die Strategie der NATO zwang die UdSSR auch zum Ausbau der sowjetischen Nuklearstrategie.

K 278 in der Werft 402

K 278 in der Werft 402 (Bild: https://www.pinterest.com/p...)

Плавник

In dieser Zeit hinein, entschied man sich in der UdSSR, das Projekt "PLAWNIK Nr. 685" zu beginnen. Plawnik bedeutet so viel wie Finne, Flosse. Die Entwicklung des sowjetischen Atom-U-Bootes K 278 dauerte bis 1978. Damals schien der Plan so ausgereift, dass der Entwurf mit der neuen Technologie auf Kiel gelegt werden konnte. Man begann mit Bau des Prototyp in der Werft von Sewerdowinsk, der den Beinamen "Komsomolyets" erhielt, und 1983 vom Stapel lief und 1984 in den Dienst gestellt wurde. Комсомольцы, Komsomoltsy, sind "Mitglieder des Komsomol". Der Komsomol war die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei, der KPdSU. Diese marxistisch-leninistische Massen-Jugendorganisation war 1918 gegründet worden und bestand zu über sechzig Prozent aus Frauen. Der Komsomol nahm am Bürgerkrieg teil. Der Komsomol startete auch mehrere Aktionen, darunter auch freiwillige Arbeitseinsätze an Samstagen, internationale Bildungsarbeit und der Bau des Kreuzers "Linininskij Komsomol", des ersten atombetriebenen U-Bootes der Sowjetunion.

Der Schicksalstag

Das Boot, an dem man 24 Jahre lang entwickelt und sechs Jahre gebaut hatte, wurde als Zweihüllenboot mit sieben Abteilungen ausgeführt. Der aus Titan bestehende Druckkörper ließ nur schwer feindliche Ortungen zu.

Am 9. April 1989 befand sich die K 278 Комсомолец in der Norwegischen See. Das Boot befand sich in nicht allzugroßer Tiefe, als im Heck des Bootes ein Hochdruckluftleitungsventil platzte und austretendes Öl Feuer fing. Zwar konnte das Ausbreiten des Feuers gestoppt werden, in dem die Schotten geschlossen wurden, doch das Feuer und der Rauch gelangte durch die Kabelschächte im Boot vorwärts. Es kam zu einem Systemausfall und in der Folge auch zu einem Versagen des Sicherheitssystems. Es gelang der 64 Personen starken Mannschaft, das Boot aufzutauchen, doch das Feuer breitete sich durch das Druckluftsystem aus. Teile der Besatzung verließen zwar das Boot, mussten aber feststellen, dass die Rettungskapsel mit giftigen Gasen und Wasser gefüllt war. 

Die Mannschaft hatte noch um Hilfe gefunkt, bevor die Bootshülle zerriss. Es waren auch schon Rettungsflugzeuge vor Ort, die Rettungsinseln abzuwerfen. Die Opferbilanz dieses Unfalles lässt offene Fragen: 42 Besatzungsmitglieder starben während und nach dem Unglück. Unterkühlung als angegebene Ursache. Norwegen hatte erklärt, das Boot wäre leicht per Luft und See erreichbar gewesen, doch man hatte offenbar seitens der UdSSR kein Interesse an einer Unterstützung der Rettungsmission.

Titan, was ist das eigentlich?

Titanium wurde schon im 18. Jh. entdeckt und zwar fanden fast zeitgleich ein Engländer und ein Brite das Element, das nach einem griechischen Gott benannte Titan (Ti). Es gelang, aus dem Erz metallisches Titan zu gewinnen – und zwar in dem eine Stahlbombe mit Titantetrachlorid mit Natrium auf über 700 Grad Celsius erhitzt wurde. Es dauerte weitere zwanzig Jahre, bis ein luxemburgischer Metallurg den nach ihm benannten Kroll-Prozess entwickelte und patentierte. 

Hauptvorkommen des Erzes sind Australien, Skandinavien und Nordamerika, sowie im Ural und in Malaysia. Der Herstellprozess ist aufwendig und teuer, rund 200 mal teurer als Rohstahl. Titan besitzt eine hohe Reaktivität und reagiert (brennt) auch mit reinem Stickstoff. Titan in Pulverform ist pyrophor. Mechanische Eigenschaften lassen sich durch geringfügige Legierungszusätze erheblich verbessern.

Modell der "Komsomolec" aus Karton (Bild: https://1.bp.blogspot.com/-...)

Untersuchungen fanden Plutoniumaustritt

Das Boot sank auf eine Tiefe von 1.858 m in einem der fischreichsten Gebiete der Welt. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass das Boot zwei Nukleartorpedos und acht konventionelle Torpedos trug, als es sank. Darüber hinaus wurde ein acht Meter großes Loch im Torpedoraum festgestellt, das man sich nicht erklären konnte. Dieses schien von einer Explosion herzurühren. Die durch Taucher 1994 erstellte Analyse stellte den Austritt von Plutonium-239 aus den Gefechtsköpfen fest und man versiegelte den Torpedoschacht, da sonst eine ökologische Katastrophe drohte. Plutonium ist ein sehr giftiger Stoff und würde der Fischerei Milliardenverluste bescheren. Eine Bergung konnte damals, Mitte der 90er Jahre noch nicht ins Auge gefasst werden, die Gefahr dass die Hülle dabei brach, war zu groß. Daneben wurde durch Wasserproben 2019 Cäsium-137 Aktivität in unterschiedlicher Ausprägung nachgewiesen. Die austretenden Mengen verdünnen im Meerwasser schnell. Die Strömungen verteilen die Last so elegant, dass man nur schwer von Bql-Belastung pro Liter zu Bql-Belastung in den Nahrungmitteln gelangt, die mit Grenzwerten versehen sind. Messungen in La Hague haben ergeben, dass die Meeresbewohner sich zB von Seegras ernähren, das aber auch nicht flächendeckend kontaminiert ist und sich ungleichmäßig ausbreitet. Außerdem fressen Meeresbewohner unregelmäßig, so nimmt ein Tier mehr, das andere weniger auf. Dieser Umstand gereicht den Umweltverschmutzern zum Vorteil, denn radioaktiver Müll in Fässern wäre längst verboten.

 

Epilog

Der 7. April 1989 war für 42 Besatzungsmitglieder zum Todestag geworden, die arktische See zu ihrem Grab. Nur vier davon wurden Opfer von Flammen und Rauch. Der überwiegende Teil der Mannschaft starb, während sie im eiskalten Nordmeer vor der Küste Norwegens auf Hilfe wartete. Auf Hilfe durch ihre eigenen Kollegen, ihre Vorgesetzten oder der Hafenaufsicht in Bolshaya Lopatka in Zapadnaya Litsa.

Wenn man sich frägt, worin nun die Novität im Design dieses U-Boot-Typs lag, wird man die Antwort erhalten, im Tragen von unterschiedlichen Torpedos und Raketen mit variierenden Gefechtsköpfen. Und damit war sie ganz Kind ihrer Zeit.

Etwa zwei Monate später, am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer eingerissen, die von 1961 bis 1989 bestehende DDR, beendete ihr Dasein. Die Mauer galt als ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen West- und Ost-Deutschland und ermöglichte es den Machthabern, West-Berlin hermetisch abzuriegeln. 2014 wurde der Jahrestag des Mauerfalls mit 6.880 weißen Ballons gefeiert - zwischen 7. und 9. November.

Weiterführende Links

 Комсомолец-Desaster

https://www.cia.gov/library/center-for-the-study-of-intelligence/csi-publications/csi-studies/studies/95unclass/Montgomery.html

 

Video Soviet Mike Class

https://youtu.be/qkBDnZqNwIQ

https://www.youtube.com/watch?v=ZNRo0ats9oE

 

 

Комсомолец lässt sich nur schwer einheitlich übersetzen - die Schreibweise wird üblicherweise mit Komsomolets oder Komsomoletz übersetzt.

deepsee, am 09.10.2020
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Bildquelle:
Dynamia V./pcmod.pl (Die Kursk - 20 Jahre Sinken und Bergung des einstigen Sowjetstars)
Dynamia Verlag (c) 2020 (Kriegsmunition an den Küsten)
Curtis Reese/Dynamia Verlag (c) 2020 (Unsink Sub)
Dynamia Verlag ft. Wikipedia (Abwracken, aber richtig)

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