Früher war das Waisenmädchen Anna ein fröhliches Mädchen. Doch allmählich wurde sie immer ruhiger und introvertierter, bis sie kaum noch mit jemandem spricht. Meist sitzt sie deshalb fernab der anderen Kinder und zeichnet. Gleichzeitig leidet sie an Asthma, weshalb ihre Pflegemutter Yoriko sie über die Sommerferien zu Verwandten am Land schickt. Zunächst ist Anna wenig begeistert von der Stille und dem Alltagstrott, in den ihre Gastgeber verfallen sind. Doch bei ihren Streifzügen durch die Gegend geschieht Wundersames: Hinter dem Fenster einer alten Villa am See erblickt sie ein blondes Mädchen ihres Alters, das von ihrer zurückhaltenden Art nicht abgeschreckt ist.

Im Gegenteil: Marnie, so ihr Name, freundet sich rasch mit ihr an, wobei sie ihr das Versprechen abnimmt, niemandem von ihrer Freundschaft zu erzählen. Langsam entwickelt Anna wieder Freude am Leben, was hauptsächlich der fröhlichen Marnie zu verdanken ist. Doch ganz offenbar trägt sie ein Geheimnis mit sich – ebenso wie jene alte Frau, die Tag für Tag die Villa malt. Als Anna Marnies Geheimnis herauszufinden beginnt, muss sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Eine Vergangenheit, die möglicherweise in eine bessere Zukunft führt, so sie es selbst zulässt.

Berührender Animationsfilme: "Erinnerungen an Marnie"

Hört man die Schlagworte "Japan" und "Anime", tauchen in den meisten Köpfen ganz automatisch Bilder von grellen, lauten Actionmachwerken auf. Das ist allerdings so unfair, als würde man die gesamte amerikanische Filmindustrie auf "Transformers" reduzieren. Der 2014 produzierte Animationsfilm "Erinnerungen an Marnie" könnte als Paradegegenbeispiel des Stereotyps gelten. Mit seiner ruhigen, dennoch stets stringenten Inszenierung spricht der Film jüngere, wie auch gesetztere Zuschauer an. Erzählt wird basierend auf Joan Robinsons Jugendroman "When Marnie Was There" die Geschichte einer vereinsamten Außenseiterin.

Angesichts der computeranimierten Blockbuster muten die ganz traditionell handgezeichneten Bilder fast schon anachronistisch an. Dieser technologische Backlash passt perfekt zur bittersüßen Sentimentalität des Filmes: Wenn Anna während der Schulpause abseits der spielenden Schulkameradinnen auf der Bank sitzt, zeichnet und räsoniert, dass sie sich selber hasst, fühlt man sich durchaus an ähnlich gelagerte Coming-of-Age-Dramen erinnert. Nun wäre es zwar der einfache, allerdings auch viel zu einfache Weg, Anna eine Freundin finden und somit ihre Außenseiterrolle überwinden zu lassen.

Nachvollziehbare Gefühle einer Außenseiterin

Die wundersame Wandlung über Nacht wäre zu simpel und kurz gedacht. Wie bereits die langsame Persönlichkeitsveränderung eines ganz normalen, fröhlichen Mädchens hin zu einer verbitterten, einsamen Außenseiterin, bedarf es auch im Umkehrprozess einer gewissen Zeitspanne, um wieder zu den Menschen zurückzufinden. So ruhig "Erinnerungen an Marnie" auch daherkommt: Der fast zweistündige Film wirkt bisweilen sogar zu kurz, um all die angerissenen Themen zu verarbeiten. Beispielsweise fühlt sich Anna ungeliebt, nachdem sie entdeckt hat, dass ihre Pflegemutter für sie Geld vom Staat erhält. Ist sie lediglich ein Mittel zum Zweck der Geldbeschaffung? Anhand solcher Fragen, die mehrfach aufgeworfen werden, erkennt man, dass "Erinnerungen an Marnie" kein harmloser Zeichentrickfilm für Zwischendurch ist.

Es handelt sich vielmehr um ein ernsthaftes Drama, das sich mit sehr erwachsenen Themen auseinandersetzt. Denn auch wenn die Protagonistin ein Mädchen ist, lassen sich ihre Einsamkeit, ihre Wut, ihr Selbsthass sehr leicht nachvollziehen. Wie schwer muss das, was ein Erwachsener kaum verarbeiten könnte, für einen unsicheren, jungen Menschen wiegen?

Niveauvolles Coming-of-Age-Drama auch für jüngere Zuschauer

Besonders gelungen ist die Charakterisierung Annas: Weder wird sie als Mobbing-Opfer beschrieben, noch als völlig hilfloses Mädchen, dem die Sympathie des Zuschauers gelten muss, weil sie ungerecht behandelt wird. Tatsächlich ist sie ein unsicheres Mädchen auf dem verstörenden Weg zur jungen Frau, das seinen Platz in der Gesellschaft sucht und zwangsläufig aus ihrer Unreife heraus verletzende Worte sagt. Diese Facette des Heranwachsens nicht zu verheimlichen zeugt von Mut, etwa wenn Anna ein korpulentes Mädchen öffentlich beschimpft, was letztendlich Ausdruck ihrer Ohnmacht gegenüber einer ihr fremd gewordenen Welt ist.

Hinter den ernsthaften Themen steckt freilich die Magie des Geheimnisvollen nicht zurück. "Erinnerungen an Marnie" ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft, die sich nicht in Allgemeinplätzen erschöpft. Freundschaft, so muss Anna feststellen, ist kein simples Geschenk, sondern muss erarbeitet, verdient, jeden Moment lang neu erkämpft werden. Wie diese Freundschaft visuell als auch erzählerisch umgesetzt wird, hat schlichtweg eine Klasse, die vielen anderen Filmen zu diesem Thema fehlt. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, weshalb dieses wunderschön animierte und fesselnd erzählte Anime kein großer Kassenschlager wurde: Leicht verdaulich und nebenher konsumiert ist anders.

Wer sich auf ein ernsthaftes Coming-of-Age-Drama mit interessanten Charakteren, einer bisweilen mystischen Hintergrundgeschichte und komplexen Themen einlassen kann, sollte "Erinnerungen an Marnie" eine Chance geben. Auch für jüngere Zuschauer ist das Werk hervorragend geeignet und wird gewiss Stoff für so manche tiefergehende Konversation liefern.

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