Schon einmal einen Muslim im Erotik-Shop angetroffen?

 

Für den Fall, dass jetzt Verwunderung auftritt: Bringt in muslimischen Familien die Kinder etwa der Klapperstorch? Störche sind ja Zugvögel und kommen automatisch im Herbst und Frühjahr vorbei. Aber statt nun Geburtsstatistiken auszuwerten, empfiehlt sich ein Griff zu den Geschichten aus 1001 Nacht. Sofern es sich bei dem Exemplar nicht gerade um die familienfreundlich entschärfte Fassung aus Kindertagen handelt, sondern um eine originalgetreuere Übersetzung, offenbart sich eine Fülle orientalischer Sinnlichkeit, die dieses vorrangig als spannende Märchensammlung angesehene Werk als prickelndes Lesevergnügen Erwachsene fesseln lässt.

Der Koran ist gar nicht so genussfeindlich, wie er nur oberflächlich Informierten vorkommt. Wie die Bibel wird auch er gern von bestimmten Gruppierungen ihren Absichten gemäß interpretiert. Fundamentalisten mit rigiden Forderungen sorgen dafür, dass Außenstehenden der Islam als eine Religion voller Unterdrückungen erscheint. Sie verbinden damit vor allem eine Geringschätzung von Frauen, Zwangsheiraten und eine tabubehaftete Sexualmoral.

Dass letzteres gerade für das Christentum typisch ist, machen sich viele dabei nicht bewusst. In der christlichen Religion soll Sexualität nur der Fortpflanzung dienen. In der Praxis leben nur wenige danach, doch sind diese Aussage und mehr ein Grund dafür, dass im christlichen Kulturkreis Sexualität als Sünde problematisiert wird und für genug Neurosen sorgt. Der Koran dagegen steht dem Thema positiv gegenüber und betont das Vergnügen daran. Allerdings soll Sexualität nur in einer Ehe ausgelebt werden, wobei ein unerfreuliches Sexualleben auch für Frauen ein legitimer Scheidungsgrund ist.

Amsterdamer Nachtleben

 

Die Idee, einen Erotik-Shop aufzusuchen, dürfte für Muslime also gar nicht so abwegig sein. Das dachte sich in Amsterdam auch Abdelaziz Aouragh und eröffnete mit elasira.com den ersten Online-Erotik-Shop für Muslime. Die Frage nach der Notwendigkeit eines speziellen Angebots in einer Branche, die problemlosen Zugang zu ihren Artikeln bietet, ist rasch beantwortet: Die religiösen Gebote des Islam betreffen auch diesen Sektor. 

Es beginnt damit, dass ein Abbildungsverbot von Menschen besteht. Zwar wird dies längst gelockert gehandhabt, denn Passbilder in Ausweispapieren oder Fotos von Familie und Freunden sind bei Angehörigen des Islam seit langem Selbstverständlichkeiten. Anders verhält es sich hingegen mit Postern oder Filmen nackter Menschen. Der Islam verbietet bekanntlich außerdem den Genuss von Schweinefleisch sowie Alkohol. Schweinefett oder Gelatine als Produkt vom Schwein sind ebenso wie Alkohol häufig in Artikeln wie beispielsweise Gels oder Tinkturen enthalten, womit diese für Muslime nicht in Frage kommen. Beim Spezialversender ist von vornherein klar, dass solche Ausschlusskriterien bereits beachtet sind. Die Interessenten können ganz unbeschwert von solchen Hintergedanken stöbern.

Auf der Homepage von elasira.com laden zwei getrennte Eingänge in den Shop ein: links die Herren, rechts die Damen. Angesichts des Umstands, dass Arabisch, die Sprache des Propheten, von rechts nach links geschrieben wird, heißt es also: Ladies first. In beiden Abteilungen finden sich zahlreiche die Sinne anregende Parfüms, Gels und Cremes in mehreren Geschmacksnuancen, Massageöle, Duftkerzen sowie die Vorankündigung für ein baldiges Sortiment aufregender Wäsche. Wer jetzt eine Reihe von Artikeln aus dem Programm konventioneller Händler vermisst, sollte sich ins Gedächtnis rufen, dass Abbildungen und damit ebenfalls Nachgestaltungen menschlicher Körper und ebenso einzelner Teile davon nicht islamkonform sind. Andere neckische Spielzeuge und Kleidungsstücke jenseits von Wäsche folgen vielleicht demnächst – das Unternehmen ist schließlich weiter im Aufbau.

 

 

  

Abdelaziz Aouragh befand sich gerade auf einer Pilgerreise nach Mekka, als ihm die Idee zu seiner neuen Firma kam. In unmittelbarer Nachbarschaft heiliger Stätten traf er auf eine Boutique für Dessous, was ihn zu seiner Geschäftsidee inspirierte. Zurück in Amsterdam ging es gleich los. Im Nu sprach sich sein Unternehmen herum. Der zu schwache Server brach unter dem Massenandrang kurz nach dem Start erst einmal zusammen.

Moschee mit Minarett

Bereits vor dem Start der Homepage brodelte die Gerüchteküche und der Inhaber sah sich damals mit Drohungen jener Muslime konfrontiert, die Sexualität mit Pornografie gleichsetzen. Daher suchte er über einen in den Niederlanden aktiven Imam das Gespräch mit Islam-Gelehrten aus Saudi-Arabien, deren Bestätigung der Rechtmäßigkeit seines Tuns religiösen Eiferern den Wind aus den Segeln nimmt. Seit feststeht, dass seine Artikel "halal" sind – also den religiösen Geboten des Islam entsprechen – nahmen die Drohungen deutlich ab.

Verschwiegene Türen

 

 

Dennoch: Ob seine Kunden verheiratet sind, weiß der Shop-Betreiber nicht. Sein Imam konnte ihn allerdings beruhigen: Er ist für das Seelenheil seiner Kunden nicht verantwortlich. Allein Allah straft nach dem Tod moralische Verfehlungen.

 

 

P. S.:

Was gut ist, findet irgendwann Nachahmer, und so gibt es nun auch in Deutschland einen entsprechenden Anbieter unter sevencan.de. Dennoch sollte in diesem Artikel dem weltweit ersten Shop-Inhaber der Vorzug gegeben werden: Als Initiator und weil dessen Werdegang als Pionier auf einem neuen Geschäftsfeld eine erzählenswerte Geschichte für sich ist.

 

P. P. S.:

Sollte jemandem dieser Artikel über ein an sich potentes Thema zu brav sein: Mir sind die Pagewizz-Kriterien geläufig und ich möchte ein Löschen vermeiden. Das Thema an sich finde ich interessant, und nichts weiter als eine Erweiterung des Lese- und Erkenntnis-Horizonts ist hier mein Anliegen. Wer enttäuscht sein sollte: weitersurfen oder "Daumen runter" vergeben. ;o)

Textdompteuse, am 11.10.2011
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Bildquelle:
Eigenwerk (Romantische Tagesausflüge am Valentinstag)

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