The Cassandra Crossing

 

Die erste Frau, die wir in diesem Film wahrnehmen, ist die Ärztin Elena Stradner (Ingrid Thulin). Sie ist in der WHO beschäftigt und wird von Colonel Mackenzie der US-Streitkräfte um Mithilfe ersucht. Möglicherweise eine ehemalige Ostagentin, denn sie entspricht einem (in russischen Filmen öfter vorkommenden) Typ: Blond, kompetent, modisch und zeitlos. Ihr Auftritt ist ruhig und sachlich, sie trägt den weißen Arztkittel, kaum Accessoires. Sie verliert einen menschlichen Patienten und kuriert einen Hund.

 

Die nächste weibliche Rolle, die wir erkennen ist Susan (Knight Rider-Bösewichtin Ann Turkel), die in einer Gruppe junger Leute reist, die offenbar über Geldprobleme verfügt. Springt doch ihr sonnenbebrillter Freund auf den Getränkeautomaten los, um ihm Kleingeld zu entlocken. Sie freut sich wie ein Kind, als Hermann, ein mit allen Wassern gewaschener Bahnkunde, es mit einem Trick schafft, den Automaten zu knacken. Das heftige Performen eines musikalischen Stückes verhindert elegant eine Ticketkontrolle.

 

Erst dann wird uns Jennifer Rispoli-Chamberlain (Italo-Diva Sophia Loren) vorgestellt. Sie ist damenhaft in Mantel, Stiefel und Hut gehüllt und kommt zu spät zum Zug, weil sie dem Konterfei ihres Ex-Manns auf dem Cover eines Magazins noch einen Bart malt (… sich über ihn lustig?). Über mangelndes Durchsetzungsvermögen kann sie sich nicht beschweren: Man hilft ihr in den fahrenden Zug und ist sich ihrer Reize durchaus bewusst. Wenig später moniert sie sich mit einem Drink ins Abteil ihres Mannes, um ihm zu eröffnen, dass sie ein neues Buch geschrieben hat. Sie entspricht dem Typ einer tüchtigen, berufstätigen Ehe- bzw. Ex- Frau. Es dürfte in deren Ehe auch unschöne Szenen geben, keiner der beiden ist aber richtig unglücklich ihres Wiedersehens. Sie bemerkt, dass der Zug nicht im Bahnhof hielt und informiert ihren Ex-Mann – es ist noch Nähe da, er ist ihr erster Ansprechpartner.

 

Es ist ein junges Mädchen (Fausta Avelli) am Zug, das mit ihrer Großmutter reist.Sie beobachtet, sammelt Eindrücke. Man ist nicht wirklich nett zu dem Mädchen, man unterstellt ihr Lästigkeit, obwohl sie brav ist. Will man ihre kindliche Neugier dämpfen?

 

Aber es ist auch eine deutsche Diva am Zug, Madame Dressler (Ava Gardner). Eine Billionärsgattin, deren Mann in Waffen macht. Sie reist mit ihrem – heute würde man vielleicht "Toyboy" sagen - jugendlichen Freund. Warum nicht mit ihrem Mann?

 

 

"Get the food für the baby!"

 

Eine Fülle an unterschiedlichen Frauen in verschiedenen sozialen Rollen. Eine Ärztin im Dienst, eine freche, gebildete Arztgattin, die sich gegen eine "Wegschiebung und Verkleinerung" wehrt, aber auch eine Vertreterin der Seite der Kampfstoffprodzenten. (Ist sie es noch oder hat sie die Fronten gewechselt?) Starke Rollen allesamt, auch wenn der Rosenkrieg der Chamberlains seine Opfer forderte, vielleicht auch der der Dresslers. Vieles können wir an dieser Stelle nur ahnen. Die Hauptrolle haben aber, hüben, wie drüben – also in der IHO als auch im Zug – Männer inne. Frauen sind ihre hilfsbereiten Unterstützerinnen, Helfer in der Not, verlässliche Personen.

Toxic Skies

 

 

Auch hier ist die erste Frau, die uns gezeigt wird eine blonde Ärztin, Tess Marten (Anne Heche). Im Gegensatz zum vorigen Film hat sie die Hauptrolle und behält sie auch innerhalb des gesamten Films. Sie zeigt sich als Teamplayer, fürsorgliche Medizinerin und forschende Wissenschaftlerin. Die moderne Frau, die uns eigentlich als zu jung für eine solche Position erscheint, verzichtet auf eleganten Schnickschnack. Ihr Outfit, ihre Accessoires sind funktionell. Sie trägt kaum Make-Up, braucht sie auch nicht, aber eine Brille. Modisch wirkt sie unkonventionell, in ihrem hellen Anzug, Bluse und Umhängetasche, wenn sie nicht in der Krankenhauskleidung unterwegs ist.

 

 

Die nächste weibliche Rolle hat die Krankenschwester Emily. Sie ist in klassischem Blau gekleidet. Sie wird hinzugezogen, wenn der Zusammenhang recherchiert wird. Sie hat keinerlei Hemmungen, ihre Meinung kundzutun. Sie ist sich ihrer Rolle bewusst und die Ärzte haben keinerlei Barriere, ihr ihre Kompetenzen zuzugestehen. Im Gegenteil, Arzt und Nurse werden für das Teamwork von Tess gelobt.

 

Patient 1, der von diesem tückischen Erreger heimgesucht wird, ist eine junge Frau. Sie ist aber nicht sehr aussagefreudig. Patient 2 ist eine Studentin. Sie ist etwas aussagefähiger. Sie führt Tess auf die Spur zu Corbyn, gesteht aber auch, dass sie Angst hat. Es sind noch zwei weitere Patienten betroffen, ehe wir der Masse an namenlosen Patient/innen gegenüberstehen. Von diesen beiden Patienten (3, 4) ist ebenfalls eine weiblich. Werden sie wieder gesund?

 

 

Zwischen-Fazit

 

Tess (Toxic Skies) wird nicht einmal von ihrem Exmann zum Schweigen aufgefordert, kämpft nicht mit der Waffe im Anschlag, schrieb kein Buch. Aber eigentlich ist ihre Seite auch die der Dr. Stradner (Cassandra Crossing), die der WHO. Verglichen mit ihr ist Tess mit ihren Patienten (in direktem)) persönlichen Kontakt, es ist kein Verhör. Und mit fortschreitender Filmdauer, immer mehr auch mit den Vertretern des Militärs. Um nicht in Panik zu geraten, wenn ein Mann im Auto einer Frau den Mund zuhält, gehört eine gewisse Abgeklärtheit. Aber "Captain Jack" scheint noch am ehesten die Parallele zu Colonel Mackenzie (Cassandra Crossing) zu sein.

 

Die hektische unruhige Kameraführung verleiht dem Film eine beiläufige Note, nimmt aber dem Charakter der Tess viel von ihrer Deutlichkeit. (Man denke nur an die Nahaufnahmen der Diva Dressler!) Es ist der Blick eines Menschen, dem die Kamera teilweise folgt. Wenn der nicht auf Dinge fällt, bekommen wir sie auch nicht mit. Und besonders aufmerksam sollte man auch zuhören, wenn Major Stein mit Tess spricht, denn er "empfiehlt", dass sie das Krankenhaus nicht verlässt. Sie setzt sich aber darüber hinweg.

Paragraph 78

Die erste Frau, Lisa (Anastasiya Slanevskaya) die wir sehen ist Mitglied eines sechsköpfigen Einsatzteams. Sie ist es, die dem General ein einsatz-internes Detail mitteilt. Daraufhin wirft sie, gemeinsam mit den anderen das Handtuch. Offenbar gibt es noch ein anderes Problem, das selten ausgesprochen wird: Der Kommandant hält sich für den Besseren, auch privat. (Falls es privat überhaupt gibt?)

 

 

"Hast du die Korrektur vorgenommen?"

 

Als nächstes wird uns eine Labor-Mitarbeiterin (unbekannt) gezeigt, deren Namen wir nicht erfahren. Wir wissen aber nicht, ob sie Ärztin ist. Sie ist schlank, trägt grüne Labor-Uniform und ist in einem "graugrünen" Labor tätigt. Sie wundert sich über den Methionin-Wert. Hat das Viren-Dokumentationssystem einen Virus? Gibt es unterschiedliche Standards?

 

Aus irgendeinem Grund finden wir die Soldatin, Lisa, beim Kommandanten der Einheit wieder, der sich nicht nur generell, sondern insbesondere gegenüber ihr, unverschämt verhält. Es ist die Art zu sprechen, herablassend, derb und – nicht ehrlich, wie er sich selbst vielleicht charakterisieren würde - sondern düster schwarzmalend. Diese Art, die sich aus einer tiefen Verachtung für jeden zu speisen scheint, lässt die Realität für das Umfeld, auch für Lisa, zu einem düsteren Ort werden. Sie steht am Ende von drei Jahren Ehe, in denen sie sich für diesen Pessimisten Gudvin entschieden hat. Sie ist in der Lage, sich zu wehren, vielleicht ist sie es auch schon durch die Ehe gewöhnt. Sie trinkt, wie man es den Mitgliedern der Streitkräfte in der sowjetischen Armee geraten hat. Und dieses Umfeld scheint ihr nicht passend, um auch Kinder zu haben. Wer kann's ihr verdenken, sie lebt eine dauerhafte Ausnahmesituation?!

 

 

Sex und Geschlechterklischees als offen eingesetzte Kampfmunition ...

 

Die Situation in der die Einheit wieder zum Einsatz kommt, könnte am ehesten mit einer Art von Weiterführung der Isolation gedacht werden. So als hätte der downgelockte Zug, der die Leute beinhaltet, ob kontaminiert oder nicht, in einer geheimen Operation geendet und nun müsste "jemand" die Reste der "Operation" säubern. Nur ist es ein Labor. Die inzwischen kurzgeschorene Schönheit wirkt jünger. Was blieb, ist die nahezu selbstverständliche sexuelle Gier der Männer der sie ausgesetzt ist, die mehrfach zu vergewaltigungsähnlichen Situationen führt, die Privatleben und Beruf vermischt. Man könnte dieser personifizierten Arroganz Guvins bei jedem Satz, den er spricht eine reinhauen, denn sie wirkt wie gesprochene Gewalt, die mit handgreiflichen Gesten untermalt wird. Und damit ist Gudvin dominant. Die anderen Rollen richten sich nach ihm. Ist da Platz?

 

 

in einem unfairen Kampf

 

Nach Ankunft im Stützpunkt wird Lisa von anderen Soldaten in der Dusche überfallen. Man fragt sich, ob es keine getrennten Duschräume gibt? Aber die gesamte Wiedervereinigung läuft mit dem unterschwelligen Tenor: Die Frau ist stört uns nur. (Sogar Skiff, der Lisa in der Dusche rettet, ist nicht wirklich bereit, sich für sie einzusetzen.) Die absurdeste Situation von sexueller Gewalt aber zeigt sich, als das Team die Laborantin findet, die sie für tot halten und ein Mitglied dieser "Eliteeinheit" sagt, er wolle nur sehen "wie heiß die Kleine ist". Als ob deren wahnwitzige Geilheit auch vor (Schein)Toten nicht halt macht.

 

 

Fazit

 

Aus den Ärztinnen der beiden vorigen Filme ist wieder ein Arzt geworden. (Müsste sonst einer der Herren auch noch dieser gegenüber sexuell übergriffig werden? Nein, er muss eine Respektsperson bleiben!) Während frühere Filme sich mit dem Thema Frau beschäftigten, um diese in verschiedenen Positionen von scheinbar Männern vorbehaltenen Organisationen zu zeigen, zu integrieren, beschäftigt sich dieser Film mit den Problemen, die dadurch entstehen und mit dem Denken der Männer, das deutlich macht, dass Frauen dort einfach nichts verloren haben. Es wirkt, als empfänden sie es als Gebotsbruch in der ihrer Religion. Es kommt vermutlich auch zum Sex zwischen Männern auf dem Stützpunkt. Warum also nicht Frauen ganz gleich behandeln, egal wessen Ex-Frau sie ist? Das Wollen einfach vorausgesetzt. Wie es scheint vermischt sich mitunter die im Krieg leider zeitweise noch angewandte Massenvergewaltigungsstrategie mit Allmachtsphantasien und man unterscheidet nicht mehr, ob die Frau Freund oder Feind ist. Ob sie Teil eines Teams ist. Ein Reiz muss sofort befriedigt werden. Was ist "Elite" daran?

Nachwort

Die Ausgangslage hinkt ein wenig. Zwischen dem ersten der Filme und dem letzten liegen über dreißig Jahre. The Cassandra Crossing (Treffpunkt Todesbrücke) entstand 1976 und die anderen beiden erschienen in den 2000ern: Paragraph 78 2007 und Toxic Skies (Containment) erschien um die selbe Zeit, 2008. Die Persönlichkeiten darin entsprechen aber durchaus der zeitgenössischen Darstellung, die immer weniger persönliche Eigenheiten aufweisen. Vielleicht werden die Filme künftger Generationen nur noch Hinweise auf Tätigkeiten, Fähigkeiten, Hobbies und Persönlichkeitsmerkmale der darin gezeigten Personen enthalten. Frei nach dem Motto: Was wir zu Lebzeiten hätten tun sollen, anstelle uns gegenseitig zu jagen und zu töten ...

deepsee, am 07.12.2020
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Bildquelle:
Dyn. 2020 (Paragraph 78 - Spiel des Todes)
Dynamia (c) 2020 (Containment) (Toxic Skies)
Dynamia, 2020 (Treffpunkt Todesbrücke) (The Cassandra Crossing)

Autor seit 4 Monaten
43 Seiten
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