1995 – das Jahr, in dem sich die Monsterwellen zeigten

Die Ölbohrplattform Draupner E ist eine Plattform wie viele andere auf der ganzen Welt. Draupner E steht in der Nordsee – einem viel befahrenen Meer, das bestens bekannt und erforscht ist.

Im Jahr 1995 jedoch wurde die Plattform in der wissenschaftlichen Welt plötzlich berühmt und die Nordsee zeigte ein Gesicht, das man bis dahin noch nicht kannte. Zu verdanken ist dies dem Umstand, dass moderne Ölbohrplattformen mit Sensoren für die Höhe des Wellengangs ausgerüstet sind. Diese Sensoren sind als Sicherheitseinrichtung gedacht. Wird der Wellengang zu hoch, werden auf der Plattform zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Zur Wissenschaftlichen Dokumentation sind sie nicht gedacht.

Als jedoch diese Sensoren eines Tages eine einzelne Welle von gigantischen sechsundzwanzig Metern maßen, erbrachten sie damit den ersten unwiderlegbaren, objektiven Beweis für die tatsächliche Existenz eines Mythos – der Monsterwellen, oder auch Freakwaves.

Als sei das nicht schon aufregend genug für die Wissenschaft und beunruhigend genug für Schiffbauingenieure, ereignete sich nur wenige Monate später im gleichen Jahr ein weiterer Vorfall mit einer Monsterwelle. Das weltbekannte Kreuzfahrtschiff Queen Elizabeth 2 wurde auf einer Überfahrt nach New York von einer gigantischen Welle getroffen. Die Welle soll fast dreißig Meter hoch gewesen sein und doch überstand es das Schiff. Es war nach dem Treffer zwar beschädigt, aber noch manövrierfähig. Jedes kleine Schiff hätte das Ungetüm mit ziemlicher Sicherheit vollkommen zerstört. Höchstwahrscheinlich handelte es sich bei diesem Ereignis aber nicht nur um eine einzelne Monsterwelle, sondern um eine Variante, die man "die drei Schwestern" nennt. Dabei folgen drei Freakwaves in extrem kurzen Abständen. Diese Annahme ergibt sich aus den Aussagen einiger Crew-Mitglieder und aus Daten einer nahegelegenen Wetterboje.

Wie häufig sind Monsterwellen überhaupt?

In Geesthacht bei Hamburg befindet sich das Institut für Küstenforschung. Hier machte man sich im Jahr 2001 erstmals an die Erforschung der Frage, wie häufig Freakwaves überhaupt auftauchen. Immerhin schreiben Schätzungen von Experten den Monsterwellen um die zweihundert Verluste großer Schiffe innerhalb der letzten zwanzig Jahre zu. So selten können sie angesichts der Größe der Ozeane und Weltmeere im Verhältnis zu einzelnen Schiffen also nicht sein.

Um den Monsterwellen auf die Spur zu kommen, bedienten sich die Wissenschaftler der Wettersatteliten der ESA. Diese können mit Radar die Oberfläche der Meere abtasten und beim Auftreten von Wellen genau messen, wie hoch diese sind. Das Ergebnis war gelinde gesagt schockierend:

In einem Beobachtungszeitraum von nur drei Wochen wurden zehn Wellen mit einer Höhe von über fünfundzwanzig Metern dokumentiert. Das war erheblich mehr als man erwartet hatte. Monsterwellen sind also keine Ausnahmen. Sie können jederzeit und in jedem Weltmeer einschließlich Nord- und Ostsee entstehen.

Mittlerweile wurden die Monsterwellen weiter erforscht und es wurden einigen begünstigende Faktoren für ihre Entstehung ausgemacht. Ein hohes Risiko besteht, wenn Wellen auf starke Strömungen oder Wasserwirbel treffen und in der Nähe von Sandbänken. Die mathematischen Modelle, die zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung dieser Wellen herangezogen werden müssen, sind hoch komplex und bedienen sich teilweise sogar quantenmechanischer Ansätze.

2008 wurde ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe die Wahrscheinlichkeit von Monsterwellen in einem definierten Gebiet berechnet werden soll. Die Überprüfung dieses Modells steht bisher noch aus, doch seine Bestätigung wäre von unschätzbarem Wert für Reedereien und Versicherungen, könnten so doch die riskantesten Schiffsrouten erkannt und umgangen werden. Immerhin liegt nach einer Vorhersage dieses Modells die Wahrscheinlichkeit einer Monsterwelle normalerweise bei einer von zehntausend normalen Wellen, wohingegen an sogenannten "Hotspots", also Orten mit ungünstigen Verhältnisse ein Verhältnis von drei zu tausend auftreten kann.

Bereits heute ist die Gefahr durch Monsterwellen nicht zu unterschätzen. Zunehmend rückt aber die Frage in den Vordergrund, ob und wie der voranschreitende Klimawandel das Auftreten von Freakwaves künftig beeinflussen könnte. Nach Ansicht vieler Forscher ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Meereserwärmung und die damit einhergehende Veränderung der großen Meeresströme auch einen Effekt auf die Häufigkeit der Monsterwellen haben könnte.

Reedereien und Versicherungen tun also gut daran, weiterhin Geld und Zeit in die Erforschung dieses Naturphänomens zu investieren.

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Rene_Junge, am 02.10.2012
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Bildquelle:
johannes flörsch (Wie finde ich die Sternschnuppen der Perseiden 2016?)
Karin Scherbart (Wie macht man einen Regenbogen selbst?)

Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
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