Denkanstöße

Hin und wieder kann der Artikel eines Hobbyautors ausnahmsweise auch sehr persönlich geschrieben sein, zum Beispiel in Form eines offenen Briefes. Hier ist die Story.

Herzlieb hatte kürzlich für unsere Wohnung eine Frosch Figur gekauft. Frau Frosch mit Blümchen im Arm ist sehr süß anzusehen. Und damit die Figur nicht allein steht, haben wir gleich einen Froschmann dazugestellt.

(Bild: schreibspass bei Pagewizz.com)

Einen wirklichen Frosch sieht der Stadtmensch vielleicht zwei Mal in seinem Leben. Einmal als Kind im Zoo, im Terrarium. Dann irgendwo in einem Weiher auf einem Naturausflug. Frösche sind für den Stadtmenschen also weitgehend unbekannte Lebewesen.
Dabei sind sie uns so ähnlich, wie Sie im folgenden Text sehen werden. Und - sie haben eine verblüffende Fähigkeit: sie sind Propheten, und nicht nur bei der Wettervorhersage.

Katastrophen-Praxis

Wir lesen, mit zunehmender Dichte, in den Medien vom Artensterben. Es soll bereits die dritte oder vierte Welle dieses Megatodes auf dem Planeten sein. Vulkanausbrüche, Erdbeben und Kometeneinschläge haben den Planeten vor Jahrmillionen heimgesucht und die Saurier sowie zahlreiche andere Lebensformen vernichtet. Diesmal ist angeblich auch die Gattung Homo sapiens an der Reihe auszusterben. Der Klimawandel wird es richten, im doppelten Sinn.
Ein digitaler Künstler hat das finale Szenario in folgendem Bild sehr drastisch dargestellt:

Menschen und Tiere und Pflanzen sind gleichermaßen betroffen. Ameisen, Bienen und Bäume sterben. Frösche werden jetzt auch zunehmend dezimiert, in erster Linie durch industrielle Abgase, Klärwasser und Autoreifen. Genaue Zahlen sind nicht leicht zu erfahren, aber in diesem Zusammenhang tauchen zahlreiche Meldungen in Internet-Beiträgen auf.

Amphibische Kosten-Nutzen Theorie

Wofür ist ein Frosch "gut"?
Auf Anhieb hat nicht jeder Mensch darüber eine Vorstellung. Manche Völker essen sie, zum Beispiel die Franzosen. Deshalb nennen Amerikaner angeblich ihre transatlantischen Nachbarn auch gern "the frogs". Chinesen und allgemein Asiaten scheinen ebenfalls Geschmack an den Lurchis gefunden zu haben.

Welche Rolle spielen die Frösche, neben der Funktion als Nahrungsquelle, noch in der Natur?
Ich weiß es auf Anhieb nicht. Ein Blick auf die Wikipedia Seite zum Thema zeigt Unmengen von biologischen Daten (1). Das will ich aber im Moment alles nicht so genau wissen.
Nach mehreren Verlinkungssprüngen zwischen Wikipedia und Google komme ich auf das Thema Amphibien. Wieder wird eine Menge Biologie angeführt – und dann kommt das Netz zu meinem Punkt (2). Frösche dienen der Menschheit als Modellorganismen. Das heißt, wir benutzen sie, neben dem Nahrungszweck, als Versuchskaninchen.
Das erstaunt und erschreckt. Bei der Recherche für einen Beitrag über die Ameisen habe ich gelernt, dass der Mensch u.a. von deren Sozialverhalten, im angemessen Maße übertragen, profitieren kann. Können wir den Frosch nur zerlegen und für die medizinische Forschung studieren? Oder ist da noch etwas?

Es gibt noch etwas. Der Folgetext ist in zwei Blöcke aufgeteilt. Einmal werden die anatomischen und genetischen Gemeinsamkeiten betrachtet. Dann folgt ein Nachdenken über die Bedeutung im Märchen, die mir beim Querlesen aufgefallen ist.

Die Anatomie und die Genetik

Ist der Mensch ein naher Verwandter der Frösche? Es handelt sich bei beiden Spezies um Wirbeltiere. Eine Stufe unterhalb des Oberbegriffs gehören die Frösche zur Hauptgruppe der Amphibien, der Mensch zur Gruppe der Säugetiere. Die Körpergestalt weist in der Anordnung der Gliedmaßen frappierende Ähnlichkeiten auf.
Der genetische Code, die DNA, soll laut Forschungsberichten in zahlreichen Sequenzen übereinstimmen. Daher können Wissenschaftler an Fröschen recht gut neue Medikamente ausprobieren. Es gibt zwischen Fröschen und Menschen also recht enge biologische Entsprechungen. Vielleicht rührt daher, unbewusst, der Spruch: sei kein Frosch.

Anatomisch und genetisch gibt es also gewisse Ähnlichkeiten zwischen den beiden Wesen. Zumindest kann man daraus eine Art von Mitgefühl erwarten, wenn die armen Tiere aussterben. Aber da ist noch mehr …

Zum Märchen

Der Froschkönig wird von der Prinzessin wachgeküsst und mutiert zu einem attraktiven Prinzen.
So recht hat ein Kind den Sinn und den Hergang der Metamorphose vielleicht nie verstanden. Jetzt liest der Erwachsene im Internet, dass damit die enge Beziehung des Menschen mit der Natur gemeint ist. An dieser Stelle muss einer nun genauer nachdenken.
Wenn der Frosch die Natur darstellt und das Menschenkind die Natur küsst, dann hat der Frosch eine hohe symbolische Kraftwirkung für den Menschen.
Ich denke dabei an den Neurowissenschaftler Eric Kandel. Dieser stellt eine These auf, nach der die Betrachtung von Bilden eine entsprechende Wirkung auf die Vernetzung der Neuronen im menschlichen Gehirn haben soll.

Analog könnte dann das Lesen von Märchen eine in etwa gleich geartete Wirkung wie die Bildbetrachtung haben.

Der Froschkönig im Märchen stellt also im übertragenen Sinne die Natur dar. Der kleine Leser nimmt die Informationen in sein neuronales Netzwerk auf. Der erwachsene Leser setzt die Informationen klug im Leben um. Er handelt im Einklang mit der Natur, er herzt und küsst im übertragenen Sinn sogar die Natur. Und siehe da, die Natur erweist sich als Spiegelbild des Menschen.
Der Mensch freut sich, er hat seine Umwelt mit Freundlichkeit behandelt, das Klima geschont und die Ressourcen klug genutzt - und es gibt kein menschlich verursachtes Artensterben.

Multiple choice

Die Realität sieht etwas anders aus. Der kleine Mensch hat das Märchen gelesen, aber die Botschaft konnte er nicht dechiffrieren. Der erwachsene Mensch verursacht deshalb Fehlfunktionen in der Umwelt. Es ereignet sich ein Artensterben. Dieses ist schon voll im Gange, und Statistiken dazu finden sich in rauen Mengen.
Folgende Überlegungen könnten nun aufkommen:

  1. Die Natur hat alle -zig hundert Millionen Jahr ein Artensterben einkalkuliert. Es erfolgt ein Frühjahrsputz im Tier- und Pflanzenreich. Danach gibt es neue Wesen. Das Spiel des Lebens wird neu aufgestellt.
  2. Eric Kandel hat sich verkalkuliert. Die Betrachtung von Kunst, respektive das Lesen von Märchen, hat einen weitaus geringeren Impact auf das menschliche Handeln als vermutet. Oder es funktioniert beim Bilder ansehen, aber nicht beim Märchen lesen.
  3. Der Mensch denkt, aber setzt seine Einsichten nicht konsequent um. Frösche sind Botschafter der Natur, aber der Homo sapiens versteht die Botschaft nicht oder er setzt sich über sie hinweg. Frosch, Ameise, Amazonas-Urwald – alles kann weg. Irgendwie geht es dann doch weiter – oder auch nicht. Möglicherweise hat Homo sapiens die gedankliche Endlosschleife zu Punkt 1 im Kopf.

Eine neue Rolle für den Frosch – Funktion #3

Gehen wir in Gedanken noch einmal einen Schritt zurück und entwerfen ein anderes Szenario.
Der junge Mensch liest das Märchen. Der erwachsene Mensch kann die Botschaft sehr wohl dechiffrieren, aber er ignoriert sie. Er verschandelt die Umwelt, aber plötzlich fällt ihm das Froschsterben auf. Er denkt nach.
Hoppla, sagt der Mensch, der Frosch ist ein Symbol für die Natur und das Natursymbol stirbt. Ich glaube, ich muss etwas unternehmen. Und der Mensch denkt um und handelt differenzierter. Er dreht an den logischen Stellschrauben z.B. des Klimawandels, soweit dieser anteilig vom Menschen verursacht wird. Der Klimawandel wird moderater. Mensch und Frosch bleiben am Leben.

Somit hat der Frosch seine wirkliche, primäre Funktion gefunden.
Er ist nicht Nahrung und auch nicht Versuchsobjekt. Er ist ein Indikator, ein Frühindikator. Diese gibt es auch in der Wirtschaftslehre (3). So wie die Auftragseingänge in der Volkswirtschaft eine Auskunft über konjunkturelle Entwicklungen geben können, so vermitteln uns die Frösche Anzeichen für ein Ungleichgewicht in unserer Umwelt.

Der Frosch ist der Prognose-King im Bereich Natur und Umwelt.

Liebe Naturfreunde,

die Ameisen, die Frösche, der Mensch – wir gehören alle zusammen. Es muss uns doch allen leidtun zu sehen, wie diese schöne Natur, uns inbegriffen, vor unseren Augen zugrunde geht. Vielleicht leitet das kleine Gedankenspiel im Text noch einen weiteren Leser unter uns Naturfreunden zum Umdenken und zum Handeln an. Dann hat dieser Artikel seinen Zweck erfüllt.

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