Die Carrera Bahn

Eine geniale Idee zur passenden Zeit

Ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass der Nürnberger Hermann Neuhierl seine Carrera Bahn auf den Markt brachte. Bewegte bzw. »ferngesteuerte« Spielzeuge gab es bereits, so etwa die Modelleisenbahn, die nicht nur um den Weihnachtsbaum ihre Runden zog, sondern schon bald technikbegeisterte Anhänger fand. Mit der Carrera Bahn etablierte sich schnell ein neues Spielzeug, das deutlich rasanter war und zudem neben dem Spielerischen auch einen gewissen sportlichen Aspekt aufwies. Den sportlichen Touch machte schon die Bezeichnung aus, schließlich nannte der Sportwagenhersteller Porsche seine besonders sportlichen Modelle »Carrera«, als Anlehnung an das Straßenrennen in Mexico, die »Carrera Panamericana«. Das Auto erlebte ohnehin in den 1960er Jahren einen enormen Aufschwung und das Ziel der meisten war es nicht nur ein eigenes Auto zu besitzen, sondern zudem ein möglichst schnelles. Geschwindigkeitsbegrenzung gab es noch nicht. All diese Faktoren zusammen waren mit Sicherheit der Garant für den Erfolg der Carrera Bahn, die schon bald in zahlreichen heimischen Hobbykellern stand und die Jahr für Jahr unter den Weihnachtsbäumen als Weihnachtsgeschenk lagen – meist für Jungs, aber auch Mädchen fanden durchaus daran Gefallen.

Wie so oft in der Industriegeschichte, ist der erfolgreichste Hersteller nicht unbedingt auch der Erfinder. Dies trifft im Falle der Autorennbahn auch auf Neuhierl zu. Denn bereits 1911 gab es in den USA die Lionel-Bahn, auf der ebenfalls Modellautos ihre Runden auf Schienen zogen. Doch die Zeit schien noch nicht reif für dieses technische Spielzeug gewesen zu sein. Kein Wunder, schließlich hatten noch die wenigsten Haushalte einen Stromanschluss. Aber auch hierzulande, wurde in den 1930er Jahren von deutschen Firmen Versuche auf diesem Gebiet gestartet, mit etwas ähnlichem Erfolg zu haben.

Firmen wie Märklin, Kellermann oder Tipp & Co. sind hier zu nennen. Richtige Rennen gegeneinander anstelle eines reinen »Fahrbetriebs« wurden aber erst ab 1957 möglich. In diesem Jahr brachte Scalextric, ein englischer Hersteller, die Autorennbahn auf den Markt, die mit unabhängigen Handreglern ausgestattet war, mittels derer die Rennwagen einzeln von den »Fahrern« gesteuert werden konnten. Zur Führung diente, wie noch heute bei den meisten Rennbahnen, ein Schlitz in der Mitte der Schiene. Daher hießen diese Bahnen bzw. das Rennen in England auch Slotracing (Schlitzrennen).

Von dieser Erfindung begeistert, entwickelte dann Hermann Neuhierl seine Carrera Bahn, die sich dadurch auszeichnete, dass sie mit einem Dreileitersystem für die Stromversorgung der kleinen Rennwagen ausgestattet war. Dies ermöglichte nicht nur zwei Autos auf einer Spur zu verwenden, sondern ebenso einen Fahrtrichtungswechsel. Ein umfangreiches Sortiment an Zubehör, das optional verbaut werden konnte, macht die Bahn bis heute attraktiv. Egal ob Boxengasse oder Rundenzähler, Presseturm oder Streckenposten, die Augen von Vater und Sohn leuchteten gleichermaßen.

 Aus dem typischen und begehrten Weihnachtsgeschenk für Jungen entwickelte sich schnell ein echtes Hobby dem sich auch viele erwachsene Männer leidenschaftlich hingaben und hingeben. So stehen Carrera Bahnen heute nicht mehr nur im Kinderzimmer sondern haben sich einen festen Platz im Hobbykeller erobert, wo gestandene Männer beim Bierchen sich mit Kumpels ein Rennen liefern.

Carrera und die Konkurrenz

Auf der Erfolgsspur wollten viele Hersteller fahren – für die meisten eine Sackgasse …

Nach dem schnellen Erfolg von Carrera, liebäugelten mehrere Hersteller mit eigenen Systemen, um am großen Rennen auf dem Markt der Autorennbahnen teilzunehmen. Der Spielwarenhersteller Faller beispielsweise, brachte im Jahr 1963 seine AMS heraus, die im bekannten Maßstab 1:87 (Modelleisenbahn H0) gefertigt wurde.

Zunächst sollte sie tatsächlich auch eher eine Ergänzung zur Modelleisenbahn sein, aufgrund des verlockenden Erfolgs von Carrera wurde sie aber zur eigenständigen Autorennbahn weiterentwickelt. Allerdings hatte Carrera zu dem Zeitpunkt die Nase bereits so weit vorn, dass Faller sprichwörtlich nur hinterherfuhr. Ebenso erging es Firmen wie Stabo, Fleischmann und anderen. Heute zum Kultobjekt avanciert und damals auch mit einer festen Anhängerschaft, gab es eine Autorennbahn von Märklin, namens »Märklin Sprint«, doch letzten Endes musste auch diese Produktion eingestellt werden. In der DDR hetzten statt Carrera-Rennwagen Wartburgs und Melkus um die Wette, hergestellt vom Pressformwerk (Prefo), die neben Werkzeugen eben auch Spielwaren herstellte.

Aber auch Neuhierl machte sich selbst Konkurrenz. Immer raffinierter sollte es werden, insbesondere wohl auch deshalb, weil immer mehr Erwachsene sich für die Autorennbahn begeisterten. Nicht nur dass stetig neue Technik in den Autos verbaut wurde, so dass derjenige, der eine Chance haben wollte, in diese neue Technik investieren musste, sondern auch das Bahnsystem sollte modernisiert werden. Am einschneidensten war wohl die Entwicklung der »Carrera Servo«, deren Grundgedanke durchaus faszinierend war. Nun konnte die eigene Spur verlassen werden, wilde Überholmanöver aus dem Windschatten heraus gefahren werden und es wurde noch mehr Geschicklichkeit gefordert. Die Begeisterung war anfänglich groß, doch schnell blieb der Erfolg wieder aus. Was großartig klang, war doch eher ein Flop. Schließlich gewann der, der sich einfach an die äußere Spur heftete und sicher entlang der Leitplanke ins Ziel fuhr, wer überholte, lief hingegen Gefahr dabei aus der Kurve und unters Sofa zu fliegen. Eine Vielzahl von weiteren Entwicklungen schadeten dem Unternehmen dann mehr, als es ihm nützte und entsprechend schwand allmählich die Anhängerschaft.

Heute gehört die Carrera Bahn wieder zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken

Stadlbauer brachte die Rennbahn zurück unter den Weihnachtsbaum und in die Kinderzimmer

Nach einer langen Durststrecke übernahm 1999 Stadlbauer die Carrera Bahn und brachte sie dorthin, wo sie viele Jahre für den Beginn einer Leidenschaft sorgte, unter den Weihnachtsbaum. In der Tat, gehört die Carrera Bahn heute trotz elektronischer Konkurrenz wieder zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken, was sicherlich mit daran liegt, dass die Faszination daran nie ganz verschwunden ist, sich der Hersteller nun aber wieder auf die wesentlichen Elemente konzentriert, nämlich auf spannende Rennen ohne zu viel technischen und experimentellen Schnick Schnack. Seit 2004 gibt es zwar auch das digitale System, das durchaus begeisterte Rennfahrer findet, doch am weitesten Verbreitet ist noch immer das alte System, inzwischen als Zweileitersystem auf dem auch »Slotcars« anderer Hersteller fahren können. 

Mit der Entwicklung der »Carrera Go!« ist dem Hersteller ein echter Coup geglückt. Diese Bahnen sind sehr günstig, häufig sogar in Discountern zu bekommen und beliebig erweiterbar. Durch den kleineren Maßstab als die »Profi-Bahnen« sind sie besonders beliebt, da sie wenig Platz benötigen, von Kindern leicht aufzubauen sind und einfach in der Handhabung sind. Sollte ein Fahrzeug trotz ausgesprochener Robustheit dem wildern Fahrstil des Sprössling nicht standhalten, ist eine Neuanschaffung auch nicht so schmerzlich, zumal es auch günstige Produkte von Drittanbietern gibt.

Während der Autor diese Zeilen schreibt, spürt er schon wie es in seinen Fingern, insbesondere im Daumen kribbelt und merkt, dass es endlich mal wieder Zeit wäre, nicht nur über die Carrera Bahn zu schreiben, sondern diese auch aufzubauen. Jetzt muss er sich nur noch einen rechtfertigenden Grund überlegen, um der ehelichen Aufsicht wohlgesonnen zu bleiben …

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