Ablassen, zulassen, überlassen: Drei Aspekte eines Wortes

Gelassenheit ist in aller Munde, jeder glaubt zu wissen, was es meint. Wirklich? Ist Gelassenheit ein Zustand, eine Fähigkeit, eine Haltung, eine Lebenseinstellung? Viel einfacher ist es zu sagen, was gelassene Menschen nicht sind: nicht hektisch, nicht gestresst, nicht übereilt.

Thomas Strässle greift auf sein linguistisches Handwerkszeug zurück und zerlegt den Begriff in seine Bestandteile:
Ge-lassen-heit. Im Mittelpunkt steht lassen. Und schon treten drei Bedeutungsaspekte zutage: Man kann von etwas lassen, im Sinn von loslassen. Das können äußere Umstände sein, in denen man sich gefangen fühlt. Oder innere Zwänge und Leidenschaften. Es kann aber auch verstanden werden als den anderen sein lassen im Sinn von gewähren lassen. 

Und die dritte Variante: sich auf jemanden verlassen, sich hingeben, anvertrauen. Na, fangen Sie schon an nachzudenken, in welchem Sinn Sie am ehesten gelassen sind? Sehen Sie, so ging's mir auch.

Diese drei Aspekte markieren jedenfalls den weiten Bedeutungsraum von Gelassenheit. Es gibt übrigens kein Wort in einer anderen Sprache, das der Gelassenheit genau entspricht. Die Wortliste möglicher Synonyme ist lang. Kein Zweifel: Das Wort Gelassenheit hat einen Klang, der lange nachhallt. 

Dem Begriff und seiner Entstehung auf der Spur

Sie wirbeln mit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse: Die tanzenden Derwische im Islam verkörpern diesen Zustand der Ausgeglichenheit und Selbstvergessenheit, den auch abendländische Mystiker suchten, um eins mit Gott zu werden. Meister Eckhart (1260–1328), seines Zeichens Dominikaner-Mönch und als solcher auch Gelehrter, nahm in seinen Predigten das Wort Gelassenheit immer wieder in den Mund. Ihm ging es vor allem ums Loslassen, um die Distanz zum Hier und Jetzt.

Meister Eckhart ist die erste Station bei Thomas Strässles Rundgang durch die Philosophiegeschichte. Fünf Jahrhunderte später hat Arthur Schopenhauer (1788–1860) die Gelassenheit dort verortet, wo der Mensch sich die Zeit nimmt, sein Dasein wie ein Zuschauer zu betrachten, und gerade nicht mit dem täglichen Agieren und Reagieren beschäftigt ist. Friedrich Nietzsche (1844–1900) beschäftigte die vornehme Gelassenheit, eine Mixtur aus Mut, Einsicht, Mitgefühl und Einsamkeit. Und Martin Heidegger (1889–1976) stellt die Frage, wie der Mensch die Technik nutzen kann, ohne von ihr völlig vereinnahmt zu werden. Er plädiert für ein gleichzeitiges Ja und Nein, für eine Gelassenheit zu den Dingen.

Ich habe mich um Philosophie bisher nicht weiter gekümmert. Zu abstrakt, dachte ich. Und war dann erstaunt, zu welchen Einsichten Schopenhauer & Co. verhelfen, wenn sie zu einem Thema wie Gelassenheit befragt werden – vor allem, wenn ihre Thesen so verständlich und nachvollziehbar aufbereitet sind, wie das Thomas Strässle gelingt.

Um Mitternacht: Literarische Spurensuche

Gelassenheit kann auch nerven: Vor allem, wenn sie demonstrativ vor sich hergetragen wird – diese biedere Gelassenheit, die durch nichts erschüttert werden will und mit Lethargie und Teilnahmslosigkeit Hand in Hand geht. Karl Philipp Moritz kritisierte das schon im 18. Jahrhundert als "kalte Gelassenheit". Nicht umsonst wird der Schriftsteller dem "Sturm und Drang" zugerechnet, einer Zeit, die gegen die kühle Vernunft der Aufklärung rebellierte. Goethes Leiden des jungen Werther ist ein typisches Produkt dieser Epoche. In dem Roman verkörpert Charlottes Verlobter Albert diese biedere Gelassenheit, die den unglücklich verliebten Werther zur Raserei bringt.

Die Romantiker suchten die Gelassenheit in der Nacht. Wie Eduard Mörike, in dessen Gedicht "Um Mitternacht" die Nacht ans Land steigt, um an der Grenze zwischen dem Heute und Morgen innezuhalten. Währenddessen erzählen die glucksenden Quellen ohne Unterlass vom "heute gewesenen Tage". Wer in der Schule das Lyrikinterpretieren hasste, kann hier entdecken, wie toll das sein kann, wenn's gut gemacht ist. (Hier das Gedicht zum Hören.)

Gelassenheit jetzt und heute: ein Megatrend

Der Philosoph Peter Sloterdijk (Jahrgang 1947) hat in unserer heutigen Gesellschaft eine Gelassenheitskultur ausgemacht. Denn in Zeiten digitaler Infokanäle und Netzwerke geben sich alle freiwillig selbst aus der Hand: Sie lassen sich informieren, lassen sich unterhalten, lassen sich behandeln und beraten. Wir lassen also jede Menge zu, so die These, um uns Dinge gezielt zu Dienste zu machen. So weit, so gut. Der Haken dabei: Wir haben es nicht immer im Griff, in welchem Maß wir uns dem Etwas-mit-sich-machen-Lassen aussetzen. Wer sich ständig informieren lässt, wird auch mit Informationen überflutet, die ihn gar nicht interessieren. Und plötzlich wird man von allen möglichen Dingen in Anspruch genommen und steckt mitten im Hamsterrad.

Ganz am Ende seines Buches erteilt Thomas Strässle seinen ersten und einzigen Ratschlag: Wenn sich der Einzelne zu sehr eingespannt fühlt "in permanente Zwänge des Etwas-mit-sich-machen-Lassens", gilt es, die eigenen "Aktivitäts-Passivitäts-Bilanzen" individuell neu zu berechnen. Keine Angst: Ansatzpunkte dazu hat Thomas Strässle bis dahin bereits in Hülle und Fülle geliefert.

PS: Doch noch ein Ratschlag zum guten Schluss

PS: Zu einem weiteren Ratschlag ließ sich Thomas Strässle in einem Interview mit dem Deutschlandradio hinreißen. Dort sagt er:

Etwas am praktikabelsten, worauf ich gestoßen bin, stammt eigentlich von Friedrich Nietzsche, der nämlich sagt: Gelassenheit setzt voraus, dass man sich selber Werte setzen kann. Werte, die man nicht von anderen übernimmt, sondern die man selber gesetzt hat. Und das ist, glaube ich, wenn man sich das mal überlegt, eine der wesentlichen Voraussetzungen der Gelassenheit, sich selber Werte setzen zu können.

Moderatorin: Was genau ist denn damit gemeint?

Dass man sich selber bewusst ist, was einem wichtig ist und was nicht, wozu man bereit ist und wozu nicht, welche Prioritäten man setzt, worauf man seine Energien verwendet, welche Interessen man ausbilden will und welche nicht, und so weiter. Also dass man sich selber überlegt, was bedeutet mir eigentlich was, worin investiere ich was, worauf verwende ich welche Energien und Interessen.

Fotos: Uschi Dreiucker/Bearbeitung: Heimo Cörlin, Andreas Genz, CIS (alle www.pixelio.de),
3D-Mond: Heimo Cörlin mit Marble

Mondstein, am 10.06.2013
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