Unverhofft kommt oft

Alles fing mit einigen Segelschiffen an, die den Seeweg von Europa nach Indien finden wollten. Auf dem Weg lag ein bisher unbekannter Kontinent – Amerika. So ein Zufall, könnte man sagen.

(Bild: Steveph)

Allerdings gibt es nachdenkliche Menschen in der Welt, die die Entdeckung Amerikas mit anderen Augen sehen. Für sie gibt es keinen Zufall. Alles ist vorbestimmt. Man kann allerdings Ereignisse "erahnen". Was heißt das?

Berühmte Beispiele für "erahnte Lösungen"

"Keine Ahnung zu haben" bedeutet nicht notwendigerweise die Abwesenheit von Faktenwissen. Im Zusammenhang mit den philosophischen und psychologischen Überlegungen zum Thema "Zufall" kann die Abwesenheit von Ahnung gleichgesetzt werden mit der Unmöglichkeit, Ereignisse intuitiv wahrzunehmen.
Umgekehrt kann der Ahnung auch eine überraschende Einsicht folgen. Und von solchen Vorfällen gibt es zahlreiche Beispiele in der Geschichte der Entdeckungen und Erfindungen (*).

 

Give me six. Warum wird Kohlenwasserstoff als Verbindung immer sechseckig dargestellt?
Der deutsche Chemiker August Kekulé hat die sechseckige Ringform der Legende nach "im Traum gesehen". Was ist ein Traum? Ein Bewusstseinszustand in einer Phase von geringen äußeren Anregungen. Warum hat Kekulé diese Formel überhaupt gesehen? Er hat, im Wachzustand, intensiv danach gesucht.

Alexander Fleming war ein britischer Bakteriologe, der durch Zufall entdeckte, dass sich am Boden einer Nährlösung ein Schimmelpilz entwickelt. Später führte diese Zufallsentdeckung zur Herstellung des antibakteriell wirksamen Medikamentes Penicillin (*).

Auch die Erfindung des Teebeutels verlief anders als vom ursprünglichen Verwender geplant. Tee in Jutesäckchen sollte das Gewichtsproblem von Teetransporten in Blechdosen lösen. Was taten einige Anwender. Sie tauchten die Transportbeutel mit dem Tee darin in heißes Wasser. Der Teebeutel war erfunden (*).

Was bedeutet dies für die Fragestellung nach dem Wirken von Zufall und Bestimmung?
Die Beispiele könne die Annahme unterstützen, dass es in dieser Welt glückliche Zufälle gibt. Man muss allerdings Indien suchen wollen, um Amerika zu entdecken.

von nichts kommt nichts (Bild: Adelements)

Meinungen zur freien Auswahl

So viele unerklärliche "Zufälle" lassen die Forscher dieser Welt natürlich aufhorchen.

Philosophie. Die Philosophen waren die Geisteswissenschaftler der alten Welt. Im Abendland stehen die Griechen für die Erfindung des formalen Denkens. Sie erfanden die Logik. Logik bedeutet folgerichtiges Denken (*).
Nun ist leider das Unerklärliche von Zufallsereignissen genau nicht mit Kausalitäten erklärbar (*). Was tun? Man behalf sich mit der Einführung der Metaphysik. Metaphysik überschreitet die Erklärungsversuche der beobachtbaren physikalischen Welt durch die Einführung des "Sein".
Was ist das Sein? Eine Wirkungsweise jenseits von Raum und Zeit, die alle Erscheinungen und Vorgänge der wahrnehmbaren Welt durchdringt und diese formt. Hier taucht zum ersten Mal der Begriff der Transzendenz auf. Dinge, die mit den fünf Sinnen nicht erklärt werden können und auch verstandesmäßig nicht erfassbar sind, werden als transzendent bezeichnet. Sie wirken jenseits der sinnlichen Wahrnehmung (*).
Dies ist ein interessanter Ansatz, der sich bei den westlichen Mystikern und den östlichen Weisheitslehren vielfach wiederfindet. Augen zu – und Lösungen intuitiv finden. Bei den Erkenntnissen der Quantenphysikern wird dem Leser dieser Ansatz in veränderter Form wieder begegnen.

Mathematiker, Psychologen und Soziologen haben der Diskussion ihre Sicht des Themas hinzugefügt.

How can I be sure ...

... in a world that is constantly changing?

Die Highflyer im Kreis der Zufallsforscher bilden im Moment die Vertreter der neuen Physik, wenn auch mit unterschiedlichen Denkansätzen. Die Ergebnisse eines Experimentes im Mikrokosmos lassen sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Alle Möglichkeiten sind in "vielen Welten" ständig verfügbar. Sie äußern sich nur im jeweiligen Moment des Experimentes in einer entsprechenden Ausprägung.
Was bedeutet diese Sichtweise für den interessierten Suchenden? Alle Vorgänge sind demnach vorbestimmt. Alles geschieht jederzeit überall gleichzeitig. Das Individuum nimmt nur seinen Ausschnitt der unendlichen Möglichkeiten in einem bestimmten Moment seines Lebens wahr.

Der Alltagsmensch steht verblüfft vor diesen Äußerungen. Erst trifft ihn das Nicht-Wahrnehmbare in der transzendentalen Metaphysik der alten Weisen. Metaphysik ist nicht jedermanns Sache. Da braucht man etwas Handfesteres. Wissenschaftliche Ergebnisse sind nachprüfbar.
Nun erschrecken ihn die modernen Forscher, denen man doch alles glauben kann, mit der Erkenntnis von einer festgefügten Ordnung von Ereignissen, die einer strengen Abfolge unterworfen sind. Wo bleibt der Mensch mit seinem freien Willen?

Kant e.a. - mögliche Schlussfolgerungen

Besonders die Postulate der Quantenphysik stellen den modernen Durchschnittsmenschen nun vor ein Problem mit seinem Weltbild von der freien Willensentscheidung. Es wird behauptet, dass die Welt, in der wir leben, in eine große Ordnung eingefügt ist. Allerdings kann der Mensch die kleinsten Bausteine der Materie oder die entsprechenden "Wellen" eines Ereignisses nicht mit eigenen Augen wahrnehmen. Wissenschaftler können diese Vorgänge im Mikrokosmos allerdings berechnen.

Die Wissenschaftler können ihre Sichtweisen also mathematisch beweisen. Das ist gut zu wissen. Nur - von den circa acht Milliarden Menschen auf der Welt ist nur ein verschwindend kleiner Teil als ausgebildeter Quantenphysiker tätig. Daher bleiben die Erkenntnisse dieses Forschungsbereiches weitgehend – eine Glaubenssache?

Immanuel Kant hat für unseren westlichen Kulturraum eine Brücke vorgeschlagen. Auf der einen Seite des gedanklichen Ufers steht der freie Wille. Hinter dem Abgrund des Unerklärlichen wartet am anderen Ufer der Determinismus, das fest vorgegebene Schicksal. Nur, wie kommt man dahin?

(Bild: strecosa)

Just say No.

Die Brücke heißt Verweigerung. Wenn der Mensch die äußeren Erscheinungsformen vom Wesentlichen trennen kann, dann ist er frei in seinen Entscheidungen. "Mensch, werde wesentlich", so brachte der deutsche Dichter Lyriker Angelus Silesius die Lösungsformel auf den Punkt. Die innere Stimme, das Bauchgefühl, weist den Weg.

Die asiatische Kultur ist in diesem Punkt radikal. Man spricht vom Irrtum des Intellekts (prahya aparadha), das heißt, dass der Denkvorgang als Reflexion auf eingeübte Erfahrungen betrachtet wird. Für die Follower der Fraktion um René Descartes stellt dieses Weltbild eine große Herausforderung dar, denn sie stellen das Denken über alles in der Welt (cogito ergo sum).
Im indischen Kulturbereich dagegen wird die intellektuell erfahrene Welt als "maya" (Sanskrit), als Schleier, bezeichnet. Der Mensch fällt auf diesen Schein herein und vergisst das dahinter stehende Sein.

Descartes vs Shankara. Freiheit aus Denkarbeit versus Ungebundenheit aus innerer Erfahrung - wie kommt man aus der Bredouille?

Aus der Ruhe folgt die Erkenntnis

Mit dem Rückzug in die inneren Welten reduziert sich das Ausmaß der äußeren Sinnesreize. Das Gehirn, das gesamte Nervensysteme, beschäftigt sich im Zustand tiefer Ruhe mit dem Baumaterial, das in ihm vorhanden ist. Das Ergebnis heißt – Intuition. Das eigene Erfahren ersetzt das diskursive Denken. Neue Einsichten in Zusammenhänge entstehen spontan. Kekulés Benzolring und eine Karibikinsel bei Amerika tauchen auf.
Der freie Wille fügt sich mit seinen Einsichten in eine möglicherweise vorbestimmte Abfolge der Ereignisse ein. Dem spontan Handelnden gehört die Welt.

Fazit. Freier Wille, Zufall und Ahnung vs Vorbestimmung

Was kann von diesen Informationen als Wissenswertes bleiben?
Die Physiker sagen, wir sind den Zufallsereignissen der physikalischen Welt unterworfen.
Die Weisen lehren uns, auf Ahnungen zu hören, die aus dem Gebet und ähnlichen Ritualen entspringen.
Was kann der Einzelne tun? Vielleicht öfter einmal eine intensive Pause machen und - auf sein Bauchgefühl hören …

(Bild: gabio)

Autor seit 2 Jahren
181 Seiten
Laden ...
Fehler!