Der Choker

"Is Oma gestorben?" Diese Frage bekam ich schon des Öfteren von (und ja, fast ausschließlich männlichen) Kollegen im Büro zu hören, wenn ich eines dieser bildschönen Gothic-Schmuckstücke trug, die man Choker nennt. Natürlich wissen diese Leute über den kulturellen Hintergrund der filigranen Halsketten so gut wie gar nichts und wenn, dann höchstens mal aus dem Westernbereich, wo man die Indianerketten aus Knochenröhrchen und Halbedelsteinen ebenso bezeichnet. Diese würde man vermutlich aber höchstens zum Fasching und bestimmt nicht im Alltag tragen.

Der Begriff "choke" bedeutet übersetzt "würgen", weil diese Ketten sehr eng um den Hals getragen werden. In meinen Augen ein recht uncharmanter Begriff für ein so elegantes Geschmeide. 

Schmuck mit langer Geschichte

In Europa tauchten solche Schmuckstücke bereits im 15. Jahrhundert auf - also lange vor der heutigen Gothicszene. Sie waren besonders in der viktorianischen Zeit als Trauerschmuck beliebt. Viele Gemälde aus dieser Zeit zeigen die Damen mit diesem Gothicschmuck im ihren Hals. Choker bestanden bzw. bestehen bis heute aus Perlen oder Edelsteinen kombiniert mit Spitze und Seidenbändern. Noch heute werden sie größtenteils in liebevoller Handarbeit hergestellt. Die kostbarsten Varianten waren natürlich an adeligen Hälsen zu finden.

In Bayern und Österreich kamen ähnliche breite Bänder aus Samt als "Kropfband" in Mode. Den Ursprung dieses weniger schönen Begriffes findet man im Salzburger Land, wo der Jodmangel oft zu Kropfbildungen führte. Diese Bänder sollten die Operationsnarben verdecken und wurden mit einer kleinen Brosche zusätzlich verziert.

Heute gehören diese eng anliegenden Halsbänder noch immer zur traditionellen Trachtenmode im süddeutschen Raum und sind ein notwendiges Accessoire für jedes Dirndl - wie man auf dem Oktoberfest in München leicht feststellen kann. Auch hier gibt es prachtvollere Ausführungen für die Festtags- oder Brautkleidung.

Ob daraus später das Collier entstand, lässt sich heute nicht mehr sagen. Heute werden beide Begriffe vermischt. Auch das Collier zählt im allgemeinen heute zu den Gothicschmuckstücken. 

Von der Gothicszene adoptiert

In der Gothicszene ist der Choker als Schmuckstück für die Damen nicht mehr wegzudenken. Hier ließ man sich aus der besagten viktorianischen Zeit und der dunklen Romantik inspirieren. Angeblich sollte das Halsband die schönen Ladies damals auch vor Vampirbissen schützen! Die überwiegende Farben bei Chokern in der Gothicszene sind Schwarz und Violett, die Farben der Trauer und der Transformation.

Für mich ist dieser Gothicschmuck nicht nur Ausdruck von Kultur und Lebensgefühl, sondern man kann ihn hervorragend auch zur Alltagskleidung wie Jeans und Bluse kombinieren. Es ist eigentlich schade, dass sich so wenige Damen heute trauen, ein außergewöhnliches Schmuckstück anzulegen. Dabei kommt man gerade darüber oft mit fremden Menschen ins Gespräch. Und dumme Bemerkungen wie "Is Oma gestorben?" sollte man entweder ignorieren oder beantworten mit "Ja, schon das zweite Mal in dieser Woche!" 

 

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