Die Nacht – Ich bin Verloren



Es ist finster in mir. Die Straßen sind künstlich beleuchtet und von einem unnatürlichen Gelb erhellt. Doch in mir findet sich nur die Nacht. Laute Musik strömt aus den Clubs und Bars, hallt durch die leeren Straßengassen. Das Licht der Laternen wird von teuren Autos reflektiert, blank geputzt und eitel gepflegt. Besser umsorgt als viele sich um ihren Nachbarn kümmern. Feierfreude dringt aus jeder dieser kleinen Parallelwelten, in denen der Nacht zum Trotz getanzt und gedatet wird. Betrunkene Jugendliche schwanken aus einer Disco, der wütende Freund eines Freundes kurz hinter ihnen. Ich beobachte die Szene fasziniert … als sei ich kein Teil davon.

An anderen Tagen bin ich ein Teil dieses kleinen Mikrokosmos, stehe in Mitten einer Menschenmenge und tanze als gäbe es kein Morgen, mehr oder weniger gekonnt, meinen Blick über die Menschen streifend. Mehr als die Bewegung fesseln sie mich, ihre Unterschiedlichkeit. Ich frage mich, was sie bewegt, wer sie sind. Ob sie dasselbe fühlen oder etwas von Grund auf verschiedenes? Ich versuche aus ihren Bewegungen und in ihren Augen einen Gedanken zu erhaschen. Manchmal gelingt es. Und doch bin ich, anders als es meine verrückten Bewegungen vermuten ließen, nie wirklich Teil dieser Welt. Viele Menschen hier tragen Masken vor sich her. Andere legen eine Maske ab, die sie am Tag tragen müssen. Manche wollen hier endlich sie selbst sein, einen Teil von sich ausleben, den sie in der perfekten, hierarchischen Arbeitswelt nicht von sich preisgeben. Ob Maske oder nicht: Sie alle treibt irgendetwas hierher, bei jedem etwas anderes. Hinter der Oberfläche steckt stets irgendwo eine tiefe Sehnsucht, Bedürfnisse nach anderen Menschen, vielleicht gar einem Partner für die Nacht oder länger, oder auch nur ganz einfach nach Ablenkung oder dem körperlichen Drang sich richtig auszutoben.

Mich persönlich langweilt es. Nicht immer, aber insbesondere wenn es sich zu häufig wiederholt. Ich weiß nicht, ob ich der einzige Mensch bin, dem das so ergeht. Besser gefällt mir die Ruhe außerhalb des Trubels. Den starren Sternenhimmel über mir, unveränderlich blinkend, könnte ich stundenlang betrachten. Ein Stück Ewigkeit. So scheint es. So sah er schon aus als noch keiner hier lebte und so wird er aussehen, lange nachdem wir gegangen sind. Zumindest fast, zumindest in meiner Fantasie. Ein kalter Wind scheucht die Blätter auf, die auf der Straße liegen. Vergänglich ist dieser Moment und all die Menschen in all diesen Häusern. Sinnlos ihr wildes treiben, sinnlos meine unruhigen Gedanken. Nichts davon ist greifbar, nichts davon von Wert. Wissen sie es? Ich sehe es in manchen Augen. Oder bin ich der einzige, dem es so ergeht? Die flüchtigen Momente zerrinnen zwischen meinen Fingern. Waren sie je wirklich? Was macht sie real und was gibt ihnen Wert?


Glück ist ein Wunschzustand, der den Motor unseres Lebens mit Antriebsstoff versorgt. Das Versprechen nach Glück fordert die menschliche Seele heraus ihre Arme auszufahren und nach einer Zukunft zu verlangen, die es noch nicht gibt. Jeder Mensch hegt die Absicht sein Leben der Suche nach diesem Wunsch zu widmen und in vielen Fällen hierfür sogar große Opfer einzugehen. Das Unglück jedoch ist ein wesentlich treuerer Begleiter. Das Glück ist nie mehr als ein Moment. Oft sind Glücksmomente sogar Momente, die erst aus Schmerz geboren werden müssen, oder denen neuer Schmerz folgt, die vielleicht sogar Wurzel zukünftigen Schmerzes sind. Im Streben nach Glück tut der Mensch oft unglaubliche Dummheiten, die ihm in Zukunft großes Unglück bescheren. Alles für den Moment. Und am Ende des Moments nur eine noch tiefere Finsternis. Wie eine Droge jage ich dann zurück zum vermeintlichen Ursprung. Und am Ende vieler zerbrochener Glücksmomente bleibt nur ein bitterer Zynismus übrig.

Der Buddhismus definiert daher das Leben ganz als Leid, dem man sich entziehen muss. Er kapituliert vor der Vergänglichkeit und richtet alles Streben auf ein tiefes "Nichts". Der Hedonist versucht die Momente so eng aufeinander folgen zu lassen, um das davor und danach nicht sehen zu müssen. Doch es ist da. Ich sehe es. Ich kann es nicht ausblenden.

Und wo ist Gott in all diesen Fragen?

 

Wie Hiob rufe ich:

"Gehe ich nun vorwärts, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht. Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht."

 

Ist das also die letzte endgültige Antwort?

Ist sie das für Sie!?

 

 

 

Meine Geschichte geht noch weiter...

Autor seit 4 Jahren
13 Seiten
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