Du findest es ungewöhnlich, dass ich, die Zeit, zu Dir spreche wie ein Mensch? Für gewöhnlich personifiziert ihr Menschen nur die Kraft allen Ursprungs, die ihr als Gottvater vermenschlicht. Aber die Zeit - wozu soll das gut sein? Im Dialog mit dem vermenschlichten göttlichen Kraftfeld empfindet ihr Trost und Geborgenheit, und das verleiht euch Kraft und vermittelt "göttliche" Weisheiten. Wenn ihr so wollt, es sei euch gegönnt.

 

So abwegig wäre es also nicht, mich, den göttlichen Zeitfluss, auch zu personifizieren. Doch warum, um Gotteswillen, solltest Du das tun? Nun, ich bin Gottes Zeitplan, also ein Teil von ihm, und du lebst in mir. Du bist für mich gemacht, meine göttlichen Vorgaben steuern dein Leben. Wenn du mich als Dialogpartner vermenschlichst, dann versuchst du mich besser zu verstehen, im Zwiegespräch mit mir gewinnst du hilfreiche Einsichten in den Zeitablauf. Du kannst dann sehen wie ich meinen Taktstock schwinge und Dir den Rhythmus vorgebe, der Deine Wahrnehmung in Datenpakete taktet. Dein Informationsfluss ist von mir komponiert, du spielst meine Noten und schwingst dich in meinem Rhythmus. Ich bin der große Dirigent, der um Harmonie mit seinem globalen Orchester ringt. Meine göttliche, allumfassende Umarmung wiegt dich wie Maria ihr Jesuskind, wie die alles gebärende Gottesmutter, aus deren Schoß auch du geboren wurdest. Das kann dich trösten, stark machen.

 

Was habe ich nicht, was Gott nicht auch hat? Du könntest mir entgegnen, dass ich nur der Vorhof zum Ursprung der Schöpfung bin. Klar, Du bist ja ein Mensch, also willst du nur mit der letzten Instanz sprechen, Dir geht es ja schließlich um die ganze Wahrheit. Du willst wie ein wissbegieriger Archäologe allen Dingen auf den Grund gehen und nicht bei den vorletzten Grabungsschichten aufhören. Du kannst halt nicht anders - alles oder nichts.

 

Mensch, mach dich nicht lächerlich. Du und die letzte Wahrheit! Merkst du nicht, dass du vor der wortedröhnenden Maske des Zauberers von OZ stehst, eingeschüchtert durch die zischenden Dampfventile. Wenn du Glück hast, siehst du hinter der Maske das Männlein an den Dampfhebeln rumhampeln. Und das Männlein ist die Kopfgeburt eines orkanumtosten, bewusstlosen Mädchens. War's das? Du wirst nie die Mutter aller Schlachten schlagen. Hinter dem Vorhof kommt wieder ein Vorhof mit einer weiteren Gottesvision. Mensch, der du bist, lass es sein und bescheide dich. Nimm mit mir Vorlieb, ich bin ebenso gut wie jeder andere. Ich habe den Vorteil, dass ich leichter zu händeln bin als eine Gottesvision, die man für alles Elend dieser Welt verantwortlich machen und daran verzweifeln kann. Man nennt das dann "Er hat den Glauben an Gott verloren" oder man sagt "Er zweifelt an Gott".

 

Ihr Menschen habt seit jeher versucht mich zu personifizieren. Ich weiß zwar nicht um eure Gebete, denn solche sind mir noch nicht zu Ohren gekommen. Aber um mit mir besser klar zu kommen, behauptet der Volksmund "Die Zeit heilt alle Wunden", ich höre die Bitte "Schenk mir deine Zeit" oder die Feststellung "Zeit kann grausam sein", obgleich ich mir keiner Schuld bewusst bin. "Die Zeit totschlagen" geht nun aber wirklich zu weit! Diese wenigen Zitate beweisen, dass es zumindest eine unbewusste Personifizierung der Zeit gibt. Deshalb mein Angebot an Dich: Mein Angebot an DICH: Dialogisiere mich! Ich, die Zeit, bin ganz Ohr.

 

Autor seit 6 Monaten
11 Seiten
Laden ...
Fehler!