Solch ein Mensch - nennen wir ihn Mr. Filofax - ist einer, der perfekt mit Terminen jongliert und sich viel darauf einbildet, Doch Mr. Filofax, der Herr der Termine, ist nicht mein Lakai, nein, er bedeutet mir etwas. Er verfängt sich nie im Filigran der Terminverflechtungen, er lebt in dem kunstvoll geflochtenen Zeitgespinst wie eine Spinne, als hätte er das Kunstwerk aus Zeitfäden selbst gesponnen. Er bewundert mich, die Zeit, meinen Herzschlag, meinen konstanten Zeitfluss.

Was ich, die Zeit, so mag? Nun, ein Höhepunkt meiner Lust ist die Patentakte mit der Roskopf-Uhr von 1860. Zärtlich streiche ich über ihre vergilbten Seiten. Sie verwendet eine erste eigene Variante der Stiftankerhemmung um die Herstellungskosten zu senken. Georges Frédéric Roskopf – ich merke mir selten Namen - konnte dadurch eine Taschenuhr anbieten, die lediglich 20 Franken kostete, was dem wöchentlichen Lohn eines Arbeiters entsprach. Ab 1867 wurde die preisgünstige Taschenuhr "Prolétaire" mit nur 57 Einzelteilen verkauft.

Kannst Du überhaupt nachempfinden, was eine solche Taschenuhr für mich bedeutet? Sie durchschauert mich mit Ekstasen der Befriedigung, weil seit dieser Roskopf-Uhr immer mehr Menschen ihren Tag zeitmessen. Sie leben nicht mehr ungefähr, sondern Minuten genau. Sie gehören nun mir, der Zeit, mit Haut und Haaren. Vorbei die Zeiten, da die Menschen in den Tag hinein lebten, der nur grob von Hell und Dunkel, nur vom Geläut der Kirchturmglocken strukturiert wurde. Nein, ab der Roskopf-Uhr gehören auch einfache, weniger begüterte Menschen Minute um Minute mir. Ich schreite voran. Unerbittlich zuverlässig, Sekunde um Sekunde, man verlässt sich auf mich. Ich bin unentrinnbar allgegenwärtig. 

Ich, die Zeit, bin allgegenwärtig, und ich bewundere gerade im Stellwerk Schöneweide der Berliner S-Bahn die grüne Fahrtstreckentafel an der Wand über dem "Regiepult". Wenn ich ein Wohnzimmer hätte, ich würde sie mir als Kunstwerk über das Sofa hängen. Auf dem mit Sachverstand des in Metall gestrahlten Streckennetzes leuchten verschiedenfarbige Leuchtdioden im Rhythmus der Fahrtzeiten .

Ich lasse mich geschehen, ich ruhe in mir selbst, wie es es die Meister der Meditation ausdrücken. Der Mensch ist zwar "seines Glückes Schmied", doch er sollte sich dabei entkrampfen und mehr geschehen lassen. Komm, gib mir vertrauensvoll deine Hand und spüre, wie ich fließe und mein mir vorbestimmtes Flussbett durchströme, wie ich Hindernisse umfließe und einfach weiter fließe. Dein Lebensfluss ist mein Zeitstrom; verströme Dich, lass es geschehen. Wenn du alles Menschenmögliche getan hast, lass es geschehen, lass los und lass dich treiben, so wie ich es tue. Alles hat seine Zeit. Alles ist im Fluss.

Sprich mit mir. Ich bin mit Dir, in Dir, Du bist eingebettet in meinem Gezeitenstrom. Ich bin in Dir, immer und immerdar. Ich bin der Stecken und Stab, der Dich tröstet, wenn Du es zulässt. Ich habe alle Zeit der Welt!

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