Das Grundproblem - wie lese ich eigentlich?

Um ein Referat vorzubereiten oder eine Hausarbeit zu schreiben, müssen schon mal ein paar hundert Seiten an Text durchgeackert werden – mindestens! Wer da noch ohne Konzept und alles Wort für Wort liest, ist schnell hoffnungslos verloren, denn mehr als 24 Stunden hat der Tag ja nicht und auch Augen und Hirn sind nur begrenzt strapazierbar.

Was soll man aber tun, wenn doch alles so wichtig ist? Einen Speedreading-Kurs besuchen? Kann man machen, muss man aber nicht. Vieles lässt sich nämlich schon durch eine andere Herangehensweise an Texte verbessern, vereinfachen und damit beschleunigen.

Um herauszufinden, was man anders machen könnte, muss man erst mal wissen, wie man es bisher gemacht hat. Wie also liest Ottonormalverbraucher? Da hat man nun also ein Buch in Händen, das für den aktuellen Zweck, wie etwa die geplante Hausarbeit, offenbar genau richtig ist. Und jetzt? Nun, die meisten Menschen würden das Buch aufschlagen und mit dem Lesen beginnen. Und schon sind die Weichen in Richtung Zeitverschwendung gestellt.

 

Die Fragen an den Text - Die Leseintention oder: Was will ich wissen und wieviel?

Wer sich nicht ganz genau darüber im Klaren ist, was er von dem Buch überhaupt erwartet, wird nur mäßigen Nutzen daraus ziehen können und viel Zeit verschenken. Die Erwartung, die man an ein Buch hat, nennt man Leseintention und diese kann sehr unterschiedlich sein. Man kann zum Zeitvertreib lesen, man kann sich vornehmen, alles aus dem Buch zu verstehen und zu behalten oder man kann ganz spezielle Fragen an den Text haben. Im Falle einer Referatsvorbereitung oder wenn es eine Hausarbeit zu schreiben gilt, dann hat man ja eigentlich schon die Frage an den Text. Sie ist identisch mit dem zu behandelnden Thema.

Wenn das Thema lautet: "Das 20. Jahrhundert im Zeichen der Ideologien", dann lautet die Frage an den Text zum Beispiel: "Welche Ideologien waren im 20. Jahrhundert beherrschend?" oder: "Wie wirkten diese Ideologien auf das allgemeine auf die Weltpolitik aus?" Wenn man aber überhaupt erst einmal nach einem Konzept für ein Referat zu diesem Thema sucht, dann könnte man auch fragen: "Welche Schwerpunkte setzt dieser Text und kann ich diese Schwerpunkte auch für meine Gliederung benutzen?"

Fachbücher bieten Orientierungshilfen - nutzt sie!

Jetzt werdet ihr vielleicht sagen: Schön und gut, aber warum sollte ich schneller lesen, nur weil ich weiß, was ich von dem Text erwarte? Kürzer wird der Text dadurch ja nicht.

Dazu ist anzumerken: Ein Buch hat ein Inhaltsverzeichnis! Wir gehen davon aus, dass es das nicht umsonst hat. Was kann es und also nützen? Einiges! Möglicherweise enthält das Verzeichnis schon erste Hinweise darauf, ob ihr euch einige Kapitel nicht komplett ersparen könnt. Wenn ihr nämlich lediglich einen Überblick über die wichtigsten Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts und die daraus resultierenden Grundprobleme anstrebt, dann könnt ihr euch Abschnitte ersparen, die laut Inhaltsverzeichnis auf sehr spezielle Fragen eingehen oder die sogar einen Ausflug in benachbarte Themenbereiche machen. Wer weiß, was er wissen will und vor allem, was er nicht wissen will, der findet im Inhaltsverzeichnis auf jeden Fall erste wertvolle Orientierungshilfen.

Manche Bücher haben neben dem Inhaltsverzeichnis auch noch ein Sachverzeichnis, ein Ortsverzeichnis und ein Personenverzeichnis oder zumindest eines davon. Wenn man sich neu in ein Thema einarbeitet, kann man schon an solch einem Verzeichnis, in dem die Seiten auf dem der jeweilige Begriff vorkommt feststellen, welche Begriffe, Namen und Orte für dieses Thema offenbar zentral sind. Wenn nämlich im Sachregister hinter dem Begriff "Marxismus" 50 Seitenzahlen aufgelistet sind, hinter "Anarchismus" aber nur zwei, dann könnt ihr davon ausgehen, dass der Marxismus in diesem Buch offenbar wesentlich zentraler thematisiert ist, als Anarchismus. Plant ihr übrigens eine Hausarbeit zum Thema Anarchismus, seid ihr aufgrund eurer Vorüberlegungen und dank des Studiums des Sachregisters fein raus: Ihr werdet nur zwei Seiten lesen, anstatt das ganze Buch durchzugehen. Finden sich dann an den bezeichneten Stellen auch noch weiterführende Fußnoten, habt ihr schon Anhaltspunkte für eine weitergehende Recherche an der Hand.

Die unterschiedlichen Register liefern euch also wichtige Schlüsselbegriffe des Buches. Diese können durchaus auch wichtige Schlüsselbegriffe für euer ganz spezielles Thema sein und sollten notiert werden, damit ihr später mehr dazu recherchieren könnt. Rationelles Lesen bedeutet nämlich nicht nur, schneller mit einem Text fertig zu werden, sondern auch, schneller weiterführende Informationen in Texten aufzuspüren.

Artikel in Fachzeitschriften und Sammelbänden - 80% der Information stecken in 20% des Textes

Bei kürzeren Texten, wie etwa Aufsätzen in Fachzeitschriften, fehlen solche Register natürlich und auch ein Inhaltsverzeichnis ist nicht immer zu finden. Trotzdem kann man sich auch hier bereits vor der eigentlichen Lektüre einen Überblick verschaffen, indem man eventuelle Zwischenüberschriften beachtet oder indem man bereits in den einleitenden Sätzen nach Hinweisen sucht, wohin der Text vermutlich führen wird. Darüber hinaus solltet ihr auch wissen, dass für die meisten Texte gilt: 80 Prozent der Information stecken in 20 Prozent des Textes. Besonders hoch ist die Informationsdichte dabei am Anfang und am Ende eines Absatzes. Deshalb ist es durchaus möglich, von einem Text zunächst nur alle Absatzanfänge und Schlüsse zu lesen, um dann am Ende für sich selbst zusammenzufassen, was man da gerade gelesen hat. Enthält diese Zusammenfassung bereits alles, was ihr wissen wolltet, dann braucht ihr den restlichen Text nicht mehr lesen und wieder habt ihr Zeit gespart. Ansonsten müsst ihr fehlende Informationen noch einmal intensiver suchen.

Vielleicht probiert ihr diese Tricks ja gleich mal an einem dicken Wälzer aus, den ihr schon lange lesen wolltet, weil er wichtig für euer Studium ist. Viel Spaß und Erfolg dabei!

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Rene_Junge, am 02.09.2012
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Bildquelle:
Reisefieber (Wo kann man Tourismus studieren?)

Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
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