Wick-ed Games

Dabei hält sich das Regie-Duo Chad Stahelski und David Leitch nicht erst mit großartigen Charakterzeichnungen ab. Alles, was man über John Wick erfahren muss, sind zwei Dinge: Erstens, dass er seine jüngst verstorbene Frau über alles liebte. Zweitens, dass er ein ehemaliger Auftragskiller ist, mit dem man sich nicht anlegen sollte, falls man Wert auf einen funktionierenden Blutkreislauf legt. Für den Tod seiner an einer heimtückischen Krankheit dahingeschiedenen Frau kann niemand etwas. Der Zorn des Trauernden wird aber von Iosef (Alfie Allen), Sprössling des Mafia-Bosses Viggo Tarasov (Michael Nyqvist), geweckt.

Nachdem ihm von Wick erklärt wurde, dass sein zugegebenermaßen extrem cooler Mustang unverkäuflich sei, fühlt sich Josef in seiner Ehre gekränkt. Kurzerhand macht er Wicks Wohnung ausfindig, schlägt diesen nieder und entwendet ihm die begehrte Karre. Das hätte ihm Wick wohl noch durchgehen lassen. Doch Josef begeht einen schweren Fehler, indem er Wicks Hündchen vor seinen Augen totschlägt. Ein Hündchen, das ihm seine Gattin postum zum Andenken geschenkt hatte. Mit ein paar väterlichen Hieben in die Magengrube macht Viggo seinem arroganten Filius klar, was er angerichtet hat: Wick hat einst für ihn gearbeitet und war der Beste seiner Branche, bis er sich zur Ruhe setzte. Und ausgerechnet diese Killermaschine hat Josef reaktiviert!

Zwar versucht der Mafio-Boss noch, die Sache gütlich aus der Welt zu schaffen, stößt bei Wick jedoch auf taube Ohren. Ein bis auf den letzten Mann ausgelöschtes Killerkommando macht Viggo und Josef bewusst, in welchen Schwierigkeiten sie sich befinden. Kann ein auf Wick ausgesetztes Kopfgeld etwas bewirken? Immerhin wecken die zwei Millionen Dollar allerlei Begehrlichkeiten skrupelloser Killer, darunter Wicks Freund Marcus (Willem Dafoe) sowie die schöne Miss Perkins (Adrianne Palicki). Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt, wobei nicht ganz klar ist, wer die Katze und wer die Maus ist …

Ex-Killer John Wick hat ein Hündchen zu rupfen

Vom Besuch eines Fast-Food-Restaurants verspricht man sich keine liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten, sondern gibt sich mit einem Hamburger oder Fritten zufrieden. Eine ähnliche Erwartungshaltung sollte man für "John Wick" mitbringen. Der mit gut 20 Millionen Dollar minimal budgetierte (zum Vergleich: 20 Mio. reichen nicht einmal als Gage für die meisten Topstars) Rache-Thriller ist das Äquivalent zu einem gut herausgebratenen Hamburger: Schmeckt und macht kurze Zeit satt. Überraschen kann "John Wick" an keiner Stelle: Egal, wie man den 100 Minuten langen Actioner auch dreht und wendet, er ist und bleibt ein B-Movie. Ein stylish in Szene gesetztes B-Movie.

Andererseits: Erhofft man sich von einem solchen Film ernsthaft einen philosophischen Unterbau? Auffällig ist höchstens, dass Wicks Frau an einer Krankheit stirbt, anstatt von Bösewichten ums Eck gebracht zu werden. Natürlich kann man darüber spotten, weshalb ausgerechnet die Ermordung eines Hündchens den Killer aus dem Ruhestand zurückholt. Aber: Erstens war es ein süßes Hündchen, und zweitens hängt Wick mit ganzer Seele daran, da es ein persönliches, allerletztes Geschenk seiner verstorbenen Frau ist. In diesem Kontext ergibt sein Auszucken durchaus Sinn.

Nüchtern betrachtet handelt es sich bei der Ermordung des Hündchens lediglich um ein den eigentlichen Plot in Schwung bringendes Handlungselement, damit der Film nicht anderthalb Stunden lang zeigt, wie Wick um seine Frau trauert, Kaffee zubereitet und trüben Gedanken nachhängt. Das könnte vermutlich nicht einmal Robert De Niro spannend rüberbringen. Ein jüngerer Robert De Niro, denn seit Jahren ist der Star, der einstmals mit Leuten wie Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola zusammenarbeitete, eifrig damit beschäftigt, seinen Ruf mit Rollen in möglichst dämlichen Filmen nachhaltig zu ramponieren. Ein guter Freund sollte ihm mal stecken, dass er damit aufhören kann, er hat's längst geschafft.

Sympathieträger Keanu Reeves

Als Antithese könnte man Keanu Reeves nennen, der in, sagen wir, Filmen höchst unterschiedlicher Qualität stets sein Bestes gab und gibt. Er mag in Punkto Schauspielkunst einem De Niro nicht das Wasser reichen können, doch als Sympathieträger ist er unschlagbar. Mit der unterschätzten, weil clever inszenierten SF-Komödie "Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit" zeigte Keanu erstmals so richtig auf. Was folgte, war eine erstaunliche Actionkarriere, die mit "Speed", nun ja, Geschwindigkeit aufnahm und mit seiner Darstellung des Neo in der "Matrix"-Trilogie ihren Höhepunkt fand. Mit dem ihm auf den Leib geschneiderten Action-Vehikel "John Wick" könnte ihm nach einer Reihe von Flops die Rückkehr in die Riege der Topstars gelingen. Trotz bescheidenen Einspielergebnisses zeigt er das, was er am besten kann: Den nice guy spielen, dem man die Daumen drückt, selbst wenn er tatsächlich ein bad guy ist.

Denn irgendwie gerät seine dunkle Vergangenheit in den Hintergrund, wenn man ihm zusieht, wie er haufenweise Mafiosi wegpustet. Dabei war doch Wick selbst ein skrupelloser Killer. Bloß, dass das den Zuschauer nicht mehr interessiert: Zu sympathisch ist Keanu, zu nachvollziehbar ist sein Rachemotiv, zu stylish ist das Ganze in Szene gesetzt, um sich großartig Gedanken über die Doppelmoral zu machen.

Wirkliche Überraschungen bleiben aus. Der Streifen folgt den bekannten Pfaden des Rache-Thrillers, möglichen oder tatsächlichen Verrat durch Freunde inkludiert. Überhaupt ist "John Wick" ein All-Inclusive Paket mit gesichtslosen Bösewichten, dem fiesen Ober-Bösewicht, einer schönen, geheimnisvollen Killerin, und einem unvermeidlich vorhersehbaren Showdown. Nur die Polizei wäre extra zu buchen, war im Budget offenbar nicht mehr drin. Auch nicht schade. Die würden nur die Baller-Mann-Orgie verderben. Die ist nämlich entrückend fesselnd inszeniert, wie ein Kunstwerk. Wer möchte angesichts dessen stutzen und nach Logik in der Handlung fragen? Oder danach, wie der Protagonist irgendwie nahezu alle Züge der Antagonisten im Voraus ahnen kann?

Darum geht es in einem Rache-Thriller wie "John Wick" aber gar nicht. Man guckt knapp eineinhalb Stunden einem sympathischen Keanu Reeves dabei zu, wie er die Mafia eigenhändig dezimiert, sei es mit Schusswaffen oder Messern, sei es mit brachialer Gewalt. Müsste man den Streifen neben "stylish" ein weiteres Attribut zuschreiben, wäre es "schnörkellos". Dazu wird eine Prise Humor gereicht, fertig ist das Action-Menü für die Großen unter uns. Hat's geschmeckt? Ja, danke! Bis zum nächsten Mal in "John Wick 2", im cineastischen Fast-Food-Tempel Ihrer Wahl.

rainerinnreiter, am 10.01.2016
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