Das Lob als Belohnung

Als Elternteil möchte man das Beste für sein Kind. Und man erwartet das Beste von seinem Kind. Jeder weiß, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Und so wird auch ein Kind bessere Leistungen erbringen, wenn es dafür gelobt wird. Zumindest ist das die Theorie.

Also versichert man seinen Kindern, wie stolz man sei auf die Eins oder Zwei, die es nach Hause gebracht hat. Wie intelligent sie seien, wenn ihnen das Lernen leicht fällt. Wie talentiert sie doch seien, wenn sie Klavier spielen. Man gratuliert ihnen zu ihrer Sportlichkeit oder ihrer künstlerischen Ader.

Dieser Ansatz macht intuitiv Sinn. Das Kind soll sich gut fühlen, wenn es etwas gut gemacht hat. Dann wird es das nächste Mal wieder eine Eins nach Hause bringen. So wird das Kind zu einem glücklichen und selbstbewussten Erwachsenen. Vereinfacht kann man das vielleicht mit der Hundeerziehung vergleichen. Der Hund setzt sich auf das Kommando "Sitz” hin und wird gelobt. Das mag der Hund; deshalb setzt er sich beim nächsten "Sitz”-Kommando wieder hin.

Kann man denn auch falsch loben?

In den Neunzigern wurde an der Columbia University von Claudia Mueller und Carol Dweck ein Experiment zum Thema "Psychologie des Lobes” durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Journal of Personality and Social Psychology im Jahr 1998 veröffentlicht. Ich habe von diesem Experiment in dem Buch Wie Sie in 60 Sekunden Ihr Leben verändern von Richard Wiseman gelesen. (Der Link führt zur Amazon Buchbeschreibung.)

Mehr als 400 Kinder zwischen 10 und 12 Jahren haben an dem Experiment teilgenommen. Den Kindern wurde ein typischer Intelligenztest gegeben. Die Aufgaben bestanden aus logischen Figurenreihen. Die Kinder mussten entscheiden, welche Figur als nächstes in die Reihe passt. Die Tests wurden anschließend bewertet, jedoch den Kinders wurde erklärt, dass jedes von ihnen ein gutes Ergebnis erzielt und 80% der Aufgaben richtig gelöst hätte.

Die Wissenschaftler haben dann einer Gruppe der Kinder außerdem noch erzählt, dass sie wirklich intelligent sein müssten, dass sie so viele Aufgaben lösen konnten. Eine andere Gruppe hat keine weiteren Kommentare erhalten.

Nun, was denken Sie, wie sich diese unterschiedliche Behandlung auf die Kinder ausgewirkt hat?

Im nächsten Phase des Experiments konnten die Kinder zwischen zwei Tests auswählen. Einer der Tests wäre recht schwierig und es könnte sein, dass sie nicht bestehen, aber er sei eine Herausforderung und sie würden etwas davon lernen, selbst wenn sie durchfielen. Der andere Test wäre dagegen viel einfacher und die Kinder würden vermutlich besser abschneiden, gleichzeitig allerdings auch nur wenig daraus lernen.

Welchen Test hätten Sie gewählt?

Etwa 65% der Kinder, denen versichert worden war, sie seien besonders intelligent, entschieden sich für den einfacheren Test. Im Gegensatz dazu, nur 45% der Kinder, die nicht besonders gelobt wurden, entschieden sich für den einfacheren Test.

Wie kann man das verstehen? Sieht fast so aus, als ob Lob doch nicht so gut ist für Kinder. Nun ja, die "intelligenten” Kinder wollten natürlich um jeden Preis vermeiden, nicht so intelligent auszusehen, sollten sie den schwierigeren Test nicht bestehen.

In einer dritten Phase des Experiments mussten die Kinder weitere Aufgaben lösen, die jedoch wesentlich schwieriger waren als der erste Test. Die meisten Kinder schnitten nicht so gut ab. Nach dem Test wurden die Kinder gefragt, ob ihnen die Aufgaben Spaß gemacht haben und ob sie zu Hause weiter an ihnen arbeiten würden. Hier wurden klare Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sichtbar. Die Kinder, die nur einen einzigen Satz zusätzlichen Lobes erfahren hatten, zeigten wesentlich weniger Freude an den schwierigeren Aufgaben als die zweite Gruppe. Die Wahrscheinlichkeit, dass die als intelligent gelobten Kinder freiwillig zu Hause weiter an den Aufgaben arbeiten würden, war wesentlich geringer.

Nachdem die Kinder nun diesen schwierigen Test hinter sich gebracht hatten, wurden sie gebeten, noch einen letzten Test zu schreiben. Dieser war genauso einfach, wie der erste Test. Obwohl alle Kinder im ersten Test vergleichbare Ergebnisse erzielten (die wirklichen Ergebnisse, nicht die gefälschten, die den Kindern mitgeteilt wurden), driftete die Leistung der zwei Gruppen nun auseinander. Die als intelligent gelobten Kinder hatten schlechtere Ergebnisse als die anderen.

Das genaue Gegenteil von unserer ursprünglichen Annahme, dass Lob unseren Kindern bessere Noten beschert. Soll man denn nun gar nicht loben?

Ein Kind mag sich toll fühlen, wenn man ihm erzählt, es sei intelligent. Gleichzeitig schafft man damit aber auch die Angst vor dem Versagen. Es wird nun schwierige, herausfordernde Situationen vermeiden, um nicht unintelligent zu wirken. Zusätzlich mag das Kind meinen, da es ja so intelligent ist, braucht es auch nicht so intensiv zu arbeiten wie andere Kinder, was die Wahrscheinlichkeit natürlich erhöht, dass es nicht so gut abschneidet. Die Motivation geht nun weiter in den Keller und das Kind fühlt sich hilflos. Es war wohl doch nicht so intelligent, wie die Erwachsenen dachten. Na, da kann es nun auch nichts dran ändern. Es ist wohl ein hoffnungsloser Fall. Diesen negativen psychologischen Effekt sollte man nicht unterschätzen.

Als die Kinder aufgefordert wurden, ihren Klassenkameraden zu erzählen, wie sie abgeschnitten hätten, haben beinahe 40% der intelligenten Kinder gelogen. Im Vergleich dazu haben nur 10% der nicht extra gelobten Kinder gelogen.

Kinder richtig loben

Ist nun jegliches Lob schlecht und falsch? Nein. Es gab noch eine dritte Gruppe in dem Experiment. Auch diese Gruppe erhielt ein zusätzliches Lob nach dem ersten Test mit dem gefälschten Ergebnis von 80%. Jedoch wurden diesmal ihre Bemühungen gelobt, nicht ihre Fähigkeiten. "Du musst dich ja ganz schön angestrengt haben, um so ein gutes Ergebnis zu erzielen.” Diese Gruppe verhielt sich auffallend anders als die beiden bereits vorgestellten Gruppen. Als sie die Wahl zwischen dem schwierigeren, herausfordernden und dem leichten Test hatten, entschieden sich nur 10% für den leichteren Test. Sie hatten auch mehr Spaß an den schwierigen Aufgaben in der dritten Phase als die Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden, Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu Hause weiter an diesen arbeiteten war ebenfalls größer. Im finalen Test mit den einfacheren Aufgaben hat die dritte Gruppe mehr Aufgaben lösen können als beim ersten Test in Phase 1.

Das Experiment hat klar gezeigt, dass ein großer Unterschied besteht zwischen Lob für Fähigkeiten und Lob für Bemühungen und Einsatz. Wenn Kinder für ihren Einsatz gelobt wurden, fühlten sie sich ermutigt, schwierigere Aufgaben zu lösen, unabhängig vom Ergebnis. Die Angst vorm Versagen kam gar nicht erst auf. Diese Kinder hatten eine größere Motivation, sich herausfordernden Situationen zu stellen, was sehr wahrscheinlich zu größerem Erfolg führt.

Man kann also sagen, nicht jedes Lob ist gleich gut. Lob kann sogar verhehrende Folgen auf die Zukunft eines Kindes haben. Richtig eingesetzt, ist es Gold wert. Erzählen Sie Ihren Kindern also nicht, sie wären intelligent und talentiert, sondern loben Sie sie für ihren Einsatz und ihre Bemühungen. Auf diese Weise investieren Sie in die Zukunft Ihrer Kinder.

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Kanadier, am 28.07.2011
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Autor seit 5 Jahren
22 Seiten
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