Wer überpaced, zieht den Kürzeren - Was wir von Langstreckenläufern lernen können

Anfänger machen beim Lauftraining immer denselben Fehler: Sie rennen los, ohne ihre Kräfte einschätzen zu können, fühlen sich auf den ersten paar hundert Metern fantastisch und unbesiegbar und brechen dann nach einiger Zeit umso brutaler ein. Lausige fünf Kilometer waren angepeilt und plötzlich merkt man bei Kilometer zwei, dass nichts mehr geht und man steht nach Luft ringend am Straßenrand. Von so einem Zusammenbruch erholt man sich nicht mehr. Den Rest der Strecke kann man nur noch im Schneckentempo zurücklegen, wenn überhaupt.

Erfahrene Läufer wissen das und machen diesen Fehler nicht mehr so häufig. Sie beginnen den Lauf in einem Tempo, von dem sie wissen, dass sie es mühelos über die gesamte Strecke durchhalten können.

Doch schon der Anfänger kann von diesem Wissen profitieren. Wer noch nicht weiß, wie es überhaupt um seine Fitness bestellt ist, der läuft stets so, dass er sich noch mühelos beim Laufen unterhalten kann. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, die ganze Strecke zu meistern um ein Vielfaches. Tatsächlich haben Analysen ergeben, dass persönliche Bestleitungen und vor allem auch Rekorde beim Langstreckenlauf in den allermeisten Fällen mit einem gleichbleibenden Tempo über die gesamte Strecke aufgestellt werden.

Was uns das für andere Lebensbereiche lehrt, liegt auf der Hand: Wer sich zu viel auf einmal vornimmt, wird mit einiger Sicherheit scheitern. Den Weg zu einem Ziel gar nicht erst anzutreten, ist aber auch nicht die Lösung. Man kann es erreichen – nur eben mit einer anderen Gangart.

Doch Eines muss noch zusätzlich beachtet werden: Nur, wenn diese langsamen Läufe stetig wiederholt werden, haben sie einen Trainingseffekt. Nur dann machen sie uns mit der Zeit schneller oder ermöglichen es uns, längere Strecken zu laufen.

Mit kleinen Schritten zum Erfolg - Die Persönlichkeit wächst in unmerklichen Schritten

Was wäre alles machbar wenn… - Ein paar Gedankenspiele zum Nutzen der Kontinuität

Angenommen, Sie wollen ein Buch schreiben. So einen richtig dicken Wälzer mit vierhundert Seiten. Wie gehen Sie vor? Angenommen, Sie haben die Story bereits fix und fertig im Kopf und haben sich in den handwerklichen Belangen schon kundig gemacht. Sie wissen also, wie man eine Geschichte schreibt. Und jetzt? Sie werden voller Tatendrang starten und ihre zeitlichen Möglichkeiten vermutlich vollkommen überschätzen. Sie setzen sich utopische Ziele und versuchen, drei oder fünf Seiten am Tag zu schreiben. Wenn man berufstätig ist, kann das vielleicht zwei oder drei Tage hintereinander funktionieren, wenn man nach Feierabend noch bis in die Puppen arbeitet. Doch früher oder später bricht man unter diesem Stress zusammen und erreicht das Tagesziel nicht. In den meisten Fällen ist das der Anfang vom Ende.

Was empfiehlt sich also stattdessen in so einem Fall? Angenommen, man nimmt sich vor, eine Seite pro Tag zu schreiben? Wie lange braucht man dann für vierhundert Seiten? Nun, wenn man wirklich täglich schreibt, eben vierhundert Tage. Und wenn man sich entschließt, nur werktags zu schreiben und im Urlaub auch nicht? Dann dauert es entsprechend länger. Doch so lange es auch dauert: Am Ende wird man sein Ziel erreicht haben, und zwar ohne sich in der ganzen Zeit völlig verausgabt zu haben.

Anderes Beispiel: Sie versinken zu Hause im Chaos. Sämtliche Unterlagen sind in irgendwelchen Schubladen versteckt, unnützer Hausrat nimmt Ihnen die Luft zum Atmen und der Keller ist voller Gerümpel. Sie können jetzt entweder zwei Wochen Urlaub beantragen und sich in einer Gewaltaktion daran machen, Ordnung in Ihr Leben zu bringen oder Sie wenden die Erkenntnisse an, die wir oben bereits erlangt haben. Was ist besser?

Sie haben es erfasst: Der Kraftakt ist zu vermeiden. Erstens sind dann hinterher zwei Wochen Urlaub futsch und zweitens werden Sie so bedient sein, dass Sie die nächsten Monate sicher keinen Handschlag in dieser Richtung mehr tun werden. Wenn es Ihnen so ergeht, können Sie relativ sicher davon ausgehen, dass Wohnung und Keller nach spätestens zwei Jahren wieder aussehen werden, wie vor der großen Aktion.

Was nun aber, wenn wir die Aufgabe besser portionieren? Angenommen, Sie tun einfach ein wenig mehr als bisher, das aber täglich? Sie nehmen jeden Tag zwei oder drei Dokumente aus einer Ihrer Schubladen und heften sie sinnvoll weg. Oder Sie schmeißen Jeden Tag einen Gegenstand weg, den Sie nicht mehr benötigen. Es ist klar, dass es in den ersten Tagen und Wochen kaum auffallen wird, dass sich Ihre Situation stetig verbessert, doch schließlich werden Sie einen Zustand erreichen, der ins Auge fällt. Zwangsläufig wird irgendwann vorbildliche Ordnung in Ihrem zu Hause herrschen. Wenn es soweit ist, werden Sie kaum noch sagen können, wie es dazu gekommen ist. Die paar Handgriffe, die täglich dazu nötig waren, werden Ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass Sie sich kaum noch daran erinnern. Vor Allem aber werden Sie nicht mit Grausen auf eine kräftezehrende Hauruck-Aktion zurückblicken müssen.

Das waren jetzt zwei kurze Gedankenspiele, die den Vorteil der Kontinuität gegenüber dem Gewaltakt veranschaulichen. Und jetzt sind Sie dran:

Vor welcher scheinbar ihre Kräfte übersteigenden Aufgabe stehen Sie? Welche Ziele haben Sie, von denen Sie glauben, dass es immer Träume bleiben werden? Können Sie erkennen, ob und wie Ihnen die vorangegangenen Überlegungen dabei helfen könnten?

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Rene_Junge, am 08.10.2012
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Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
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