Zeitbomben im Meer
Versenkt im Meer: 300.000 Tonnen ...

Versenkt im Meer: 300.000 Tonnen Munition (Bild: https://gtvrg.blogspot.com/...)

Die deutschen Meere sind verseucht. Berichte besagen, in den deutschen Meeren lagern rund 1,6 Mio. Tonnen Munition. Konkret wird von Minen, Torpedos, Bomben und Granaten gesprochen. Oft lagern diese tickenden Umweltbomben noch an Bord von Wracks in den der Küste vorgelagerten Abschnitten. Das tun diese schon seit etwa 75 Jahren, denn sie wurden entweder im Krieg abgeworfen oder nach dem Krieg verklappt, wie das bei Senfgasgranaten der Fall war.

 

Die Alliierten gaben sogar konkret den Auftrag dazu, die Kampfstoffe zu entsorgen. Manchmal aber, entsorgte man nicht in den dafür vorgesehenen Gebieten, sondern "on route". Dieses Dumping allerdings scheint beim Nachbarn Dänemark wenig Begeisterung hervorgerufen zu haben. Auch heute ist es noch so, dass wenn Fischer eine Giftgasgranate mit dem Fang einholen, die Abwicklung in Dänemark anders gehandhabt wird, als in Deutschland. Der dänische Fischer wird sofort in Sicherheit gebracht, ein Sonderkommando rückt an und kümmert sich um die Bombe, den Fang und die Dekontaminierung des Schiffes. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Hüllen der Granaten und Bomben in den letzten Jahrzehnten gerostet sind und dass diese Kampfstoffe heute noch genauso gefährlich sind, wie damals, als sie für den Kriegseinsatz hergestellt worden waren. 

Munitionsbelastete Gebiete Nordeuropa

Der deutsche Fischer genießt diesen Service, den man in Dänemark für selbstverständlich hält, allerdings nicht. Er kümmert sich selbst um den Fang, muss die Bombe selbst in den dafür vorgesehenen Bereich schaffen und auch sein Boot selbst von den Resten des Kampfstoffes befreien. Eine systematische Räumung erforderlich, doch ist diese nur üblich, wenn es für ein wirtschaftliches Projekt notwendig ist. Was ist denn der Fischfang, wenn nicht ein wirtschaftliches Unterfangen?

 

Nun, oftmals gibt es für diese Räumungen inzwischen Such- und Bergewerkzeuge. Diese Geräte und Schiffe scannen den Meeresboden. Ein aufwendiges und langwieriges Unterfangen, doch vor allem mit Kosten verbunden, die dann einem Investor oder Projektträger übertragen werden. Oft sind diese Prozeduren im Falle von Offshore-Projekten erforderlich. Für die Munitions- und Minen-Räumung der Küste ist jedes Bundesland selbst zuständig, obwohl damals ganz Deutschland den Krieg führte. Und hier scheint auch schon der Hase im Pfeffer zu liegen, denn der Verkehrsminister verweist an den Expertenkreis "Munition im Meer", der gerade damit beschäftigt ist, einen Munitionskataster zu verfassen, in dem er die Zufallsfunde einträgt. Andererseits ist eben für die Altlasten das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie zuständig. Das betrifft vor allem das in den Buchten gefundene TNT, das Fische oft bei unterirdischen Explosionen aufnehmen und das zu Lebertumoren führt. Die toxischen Stoffe gelangen in die Nahrungskette und gelten als kanzerogen. Daneben ist wird an den Stränden Weißer Phosphor und Klumpen von Schweröl angeschwemmt. Den Besuchern der idyllischen Strände ist oft nicht bewusst, woher diese gefährlichen Stoffe kommen. Zwar gibt es vereinzelt Hinweisschilder an den Stränden, die aber häufig ignoriert werden. 

Wie sicher können sich die Touristen und Bewohner der deutschen Küsten sein, wenn sich die Behörden hinsichtlich der Zuständigkeiten uneins sind und sich die Verantwortlichkeiten gegenseitig zuschieben? Natürlich erwartet man von einem fortschrittlichen Land wie Deutschland eine sorgende Haltung, gegenüber den Bewohnern als auch der Natur. Andererseits aber sollte man die gesamteuropäische Problematik nicht außer Acht lassen: So lagert nicht nur an der deutschen, sondern auch an den britischen, norwegischen und französischen Küsten der tickende Sondermüll, der längst geborgen hätte werden sollen. Und nicht nur dort, auch die Mittelmeerküsten sind mit Sprengstoffen und Giften, Wracks und Munition belastet. So wäre zumindest ein gesamteuropäisches Vorgehen erforderlich, denn sonst bliebe wieder ein Land übrig, das sich der Gefahr nicht bewusst ist, oder nicht über das nötige Equipment verfügt.

 

Doch ist dies nicht nur in Europa der Fall, auch in Kanada wird von gar haarsträubenden Erkenntnissen berichtet, die ein Forscher im Rahmen seiner Arbeit für eine Ölfirma im Archiv des Verteidigungsministeriums der USA fand. So wurden in einem von ihm untersuchten Küstenabschnitt 30 Tonnen sogenannter "Special Weapons" - Nuklearwaffen – entsorgt. Er hatte Gelegenheit, einen Blick in das Logbuch eines Verklappungsschiffes zu werfen. Die Entsorgung soll für 400.000 tödliche Krebserkrankungen verantwortlich sein.

 

Bilderstrecke - Wisst Ihr noch, damals als der Umweltschutz begann ...

Der Beinahe-Unfall - danach wird abgebrochen. (Bild: Arte)

Weltweite Vereklappungen

Längst ist die USA kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um den grausamen und überdimensionalen Einsatz von Kampfstoffen geht. Im Irakkrieg soll den Soldaten die die uranstaubverseuchten Panzer des Saddam-Hussein-Heeres bargen, in der Folge enorme gesundheitliche Schäden erwachsen sein, die unter dem "Golf(kriegs)syndrom" bekannt geworden war. Der Chef des Teams war vom Pentagon aus dem Ruhestand zurückgeholt worden. Er hatte zuvor Gefahrenanalysen bei chemischer Kriegsführung erstellt. Hat er die Wirkung der Radioaktivität in den uranmunitionverseuchten Panzern unterschätzt?

 

Anders machte es Russland, das 1994 für seinen fahrlässigen Umgang mit Atommüll aus U-Booten eine ökologische Katastrophe auslöste und dafür geoutet wurde. Unweit der norwegischen Grenze befindet sich der Heimathafen der gigantischen U-Bootflotte, die in den 90er Jahren jährlich um 7 U-Boote wuchs. Wie viel radioaktives Material im Meer landete, weiß niemand so genau. Aber eines zeigt es deutlich: Dass es eigentlich nunmehr kein lokales oder nationales Phänomen mehr ist, sondern die Rettung der Ökologie eine weltweit relevante Bewegung sein sollte. Bemerkenswerterweise ist die Natur dieses Planeten, die Unberührtheit mancher Gegenden in Kriegszeiten Opfer der Eskalation geworden, und nach dem Krieg genauso in Mitleidenschaft gezogen worden. Zwar wurde die Gefahr außer Sichtweite gebracht, doch ist das giftige Öl, wie etwa in der Danziger Bucht, bereits ausgetreten und hat den Boden kontaminiert. Das Ökosystem des Ozeans wird auf diese Weise geschädigt und es kann, selbst bei rascher und umfassender Bergung und Entsorgung, nur nach Jahrzehnten wieder eine Erholung eintreten.

 

Es reicht nicht, die unterirdischen Schiffsfriedhöfe, samt den Öl- und Kampfstoffen, der noch in den Schiffen lagert, unter Denkmalschutz zu stellen, wie dies in Mikronesien geschah. Es muss ein weltweites Bemühen sein und Zusammenarbeit stattfinden. Es muss ein ehrliches Bekennen zum Erhalt der Natur, der Wiederherstellung von Ökosystemen und zur nachhaltigen Entsorgung geben, zu dem sich jeder Staat, jede Staatengemeinschaft, bekennt. Und es muss in die Erinnerungskultur des jeweiligen Landes oder Landesverbandes Eingang finden, etwa durch Museen, in denen man die beeindruckendsten Stücke ausstellt, um sie Besuchern zugänglich zu machen. Es droht sonst bei Konflikten erneut vergessen zu werden und einem uneingeschränkten Gewalt- und Ressourceneinsatz geopfert zu werden. Doch halt! Noch ist ja noch nicht mal der Fischer nahe der dänischen Grenze außerhalb der Gefahrenzone!

ds

Autor seit 2 Monaten
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