Der Brief

Der BriefDen Australier Jimmy hatte es vor etlichen Jahren in die Finanzmetropole New York verschlagen, wo er sein berufliches Glück versuchte. Bislang schlug sich der Dreißigjährige als Fahrradkurier für eine kleinen Kurierdienst durch und verdiente immerhin so viele Dollars dass er sich über Wasser halten konnte. Dann eines Abends landete ein Brief in seinen Briefkasten den er aber zuerst nicht beachtete. Er war derart von den Strapazen des Tages geschafft, dass er sich vornahm, den Brief erst an seinem morgigen freien Tag zu öffnen. Die Nacht über schlief er fest wie eine Eule und wachte erst gegen 10 Uhr auf. Noch ein bisschen müde, tapste Jimmy im Schlafanzug in die Miniküche seines Zweizimmer-Apartments im dritten Stock eines heruntergekommenen Wohnhauses im Stadtteil Chinatown.

 

Jimmy holte sich Cornflakes aus einem Schrank, schüttete diese in eine große Porzellantasse und übergoss sie mit einer halben Tüte Milch. Mit ein paar Teelöffeln Waldhonig süßte er sein kerniges Frühstück. Jetzt öffnete Jimmy den Briefumschlag und widmete sich dem Inhalt.

"Dataconex Infosystems", kommentierte Jimmy als er den Schriftzug der Firma rechts oben im Briefkopf sah und las dass sie einen Kurier für Spezialaufträge suchten mit übertariflicher Bezahlung. Der Sitz des Unternehmens lag in der Nähe des Central Parks. Jimmy war von dem Schreiben hellauf begeistert und zog sofort seinen einzigen Anzug an und fuhr mit seinem Rennrad vom Stadtteil Chinatown zum Central Park. Er stoppte vor einem achtstöckigen Bürogebäude, dessen beeindruckende gläserne Außenfassade sich in der Morgensonne spiegelte. "Wow", sagte Jimmy beeindruckt und sah vor dem Gebäude eine Messingtafel eingebettet in Marmorstein. In der Messingtafel war an erster Stelle der Name der Firma Dataconex Infosystems eingraviert, gefolgt von Namen elf weiterer Unternehmen. Er öffnete die schwere mit Messingrahmen umrandete Schwenktür und stand nun im Eingangsbereich des Bürogebäudes. Im glänzenden Marmorboden spiegelte sich die weiße Decke und zwischen den zwei Aufzügen fand Jimmy eine schnöde Infotafel aus Glas vor. Die Namen der hier ansässigen Firmen standen darauf und darunter in wessen Stockwerk sie sich befanden. Das Büro von Jimmys gesuchter Firma befand sich im achten Stockwerk. Der junge Mann bestieg einen der Expressaufzüge und drückte den Knopf fürs achte Stockwerk. Innerhalb einer Minute kam der Aufzug im besagten Stockwerk an und die metallene Automatiktür öffnete sich.

 

Jimmy stieg aus und fand einen Flur vor, der mit einem feinen orientalischen Teppich bedeckt war und an deren Ende sich eine gläserne Tür befand. An der weißen Wand links und rechts des Flures hingen edle silberne Lampen in Form einer Flamme in Abständen von zwei Metern, welche den Gang in ein warmes Orange tauchten. Er beachtete die Lampen aber nicht und ging schnellen Schrittes zur Glastür am Flurende und klopfte vorsichtig.

"Herein", hallte eine rauchige Stimme aus dem Raum und Jimmy öffnete die Glastür.

"Guten Morgen, ich habe ihren Brief erhalten und möchte gerne als Kurier für Sie tätig werden.", begrüßte er einen Zigarre rauchenden schwergewichtigen Mann, der hinter einem feinen Schreibtisch aus Mahagoni mit vier Computerbildschirmen saß. Sein Büro war rustikal spartanisch auf reine Funktionalität hin eingerichtet.

"Setzen Sie sich, ich bin Peter Roundtable.", begrüßte er Jimmy freundlich.

"Jimmy Anderson", antwortete Jimmy und schüttelte seine Hand und setzte sich in einen bequemen Drehstuhl mit feiner Lederpolsterung.

"Ja, welche Qualifikation können Sie denn vorweisen?", fragte Peter Roundtable und zog an seiner Zigarre. "Ich arbeite derzeit als Fahrradkurier für Speedy Bikers und verdiene da 5,00 Dollar die Stunde.", lautete Jimmy´s knappe Antwort und schaute wenig begeistert.

"Fünf Dollar die Stunde? Ist ein Hungerlohn nicht wahr und kommen damit kaum über die Runden...", vermutete der schwergewichtige Herr. "Sie haben Recht, es ist ein Hungerlohn aber in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn habe ich einfach kein Glück gehabt trotz dass ich ein sehr guter schneller Fahrradkurier bin.", gab Jimmy ihm recht. Peter Roundtable holte aus einer seiner Schubladen ein Blatt Papier hervor und legte dieses Jimmy vor. "Was ist dass?", fragte Jimmy neugierig. "Ihr Arbeitsvertrag, Sie können heute noch bei mir anfangen unter der Voraussetzung dass Sie noch heute bei ihrem jetzigen Arbeitgeber kündigen.", erwiderte Peter Roundtable und gab Jimmy einen Kugelschreiber.

"Moment, bevor ich unterschreibe, möchte ich wissen wie sieht es mit dem Verdienst aussieht.", bemerkte Jimmy verschmitzt lächelnd.

"Sie verdienen fünf Tausend Dollar pro Kurierfahrt.", sagte der Firmenchef kühl.

"Ist ein Scherz oder?", riet Jimmy skeptisch.

"Nein, ich bin im Informationsgeschäft tätig und dort verdiene ich mir seit Jahren eine goldene Nase und kann Sie daher so fürstlich entlohnen.", gab er mit strengen Blick zu verstehen. Jimmy fragte nicht weiter nach mit was für Informationen sein Gegenüber sich dumm und dämlich verdiente. Er unterschrieb den Vertrag und Peter Roundtable hielt ihm ein Apple iPhone vor die Nase.

"Was soll ich damit?", fragte er nach.

"Kündigen Sie bei Speedy Bikers!!", forderte Peter Roundtable recht unfreundlich und Jimmy zögerte nicht lange und kündigte telefonisch seinen mies bezahlten Job. Das edle Smartphone aus Cupertino legte er sanft auf den Tisch. Peter steckte es zurück in die Tasche seines Anzugs.

"Da diese Formalität nun erledigt ist, kann ich Ihnen den ersten Kurierauftrag erteilen", freute sich Peter Roundtable und überreichte Jimmy eine rote, blaue und gelbe Luftpolstertasche.

"Wohin soll ich die Luftpolstertaschen bringen?", fragte Jimmy und bekam einen kleinen gelben Zettel mit drei Adressen barsch in die Hand gedrückt.

"Okay, dass ist alles?", fragte Jimmy skeptisch.

"Ja, bitte melden Sie sich telefonisch wenn Sie alle drei Fahrten erledigt haben.", bat Peter Roundtable und widmete sich wieder seinen Aufgaben. Er war schnell wieder in seine vier PC-Bildschirme vertieft und spekulierte an der Börse.

"In Ordnung. Ich fahre dann jetzt los und erledige die drei Aufträge so schnell wie möglich.", sagte Jimmy und packte die drei Luftpolstertaschen unter den Arm.

"Ich erwarte, dass Sie mich um Punkt fünfzehn Uhr also in exakt drei Stunden anrufen und ihre drei Kurierfahrten erledigt haben. Und jetzt verschwinden Sie!", sagte Peter barsch und blickte kurz auf. "Okay, Okay. Ich verdufte und rufe Sie in drei Stunden an.", versicherte Jimmy und verschwand zu seinem Rennrad, an dessen Lenker eine Message-Bag hing, wo er die drei Luftpolstertaschen hinein legte. Er trat wie ein Gepard in die Pedale und fuhr zuerst nach Queens, wo er die rote Luftpolstertasche bei einem Finanzdienstleister ablieferte, die blaue Tasche führte ihn nach Chinatown zu einer bekannten international tätigen Schweizer Bank und die letzte Fahrt zu einer noblen Anwaltskanzlei nach Little Italy.

"Pünktlich in der Zeit, erst 14:52 Uhr.", freute sich Jimmy als er die letzte Luftpolstertasche bei der noblen Anwaltskanzlei Sanders, Watts & Partners abgeliefert hatte. Als nächstes stoppte Jimmy bei einer Telefonzelle und rief seinen neuen Arbeitgeber an.

"Peter Roundtable", meldete er sich mit einer gestresst wirkenden Stimme.

"Hallo, hier ist Jimmy Anderson. Ich habe alle drei Postlieferungen pünktlich abgeliefert.", teilte Jimmy fröhlich gestimmt mit.

"Okay, Sie können jetzt Feierabend machen und sich morgen früh ihre Bezahlung abholen.", lautete Peter Roundtable´s knappe Antwort und legte einfach auf.

Jimmy freute sich schon über die 15.000 Dollar die er morgen bekommen würde aber am nächsten Morgen wurde er hoffnungslos enttäuscht, denn dort wo vorher noch das Büro von Dataconex Infosystems war, fand er nur einen leeren verwaisten Raum vor. Er wurde betrogen und stellte eine Betrugsanzeige bei der Polizei. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren allerdings wegen Geringfügigkeit ein und einen Rechtsanwalt konnte Jimmy sich nicht leisten.

 

In einem kleinen Artikel des Wall Street Journal las Jimmy einige Wochen später, dass Peter Roundtable ein windiger Anlageberater, Datendieb und Betrüger war, der sich manch illegaler Mittel bediente, um Millionen Dollars zu scheffeln und ins Ausland abgetaucht war. Zwei der drei Firmen denen Jimmy eine Luftpolstertasche geliefert hatte, existierten nicht mehr. Er fand nur verwaiste Büros vor. Nur die Filiale der Schweizer Bank blieb stehen.

 

© 2005/2010 by Andreas K.

Infoblogger, am 16.02.2011
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
Amazon Prime - Video, Film (Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand)
Mag.a Bernadette Maria Kaufmann (Farbspiel Band 1: Weiß)

Autor seit 5 Jahren
70 Seiten
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