Kampf gegen die Mafia

Was Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Not geboren begann,  hat sich im Laufe der Zeit zu einem weltweit agierenden Konzern ausgeweitet. Von einem Staat im Staat ist die Rede. Oder hat sogar die Schattenwirtschaft das Heft in der Hand?

Die Gesellschaft der Ehrenwerten Männer

Galten Mafiosi der ersten Stunde (vgl. den Artikel Mafia – die Entstehung einer rieseigen kriminellen Vereinigung) noch als Banditen, so gelang es ihnen im Laufe der Zeit, einen Mythos um ihre eigenen Organisationen zu bilden. Geheime Aufnahmerituale, strenger Ehrenkodex und vor allem extreme Verschwiegenheit waren die Wegbereiter für die nebulösen Geheimgesellschaften. Richteten sich ihre Aktivitäten zunächst gegen Wohlhabende, insbesondere die in Sizilien verhassten Großgrundbesitzer, so kam das einfache Volk meist ungeschoren davon. Salvatore Giuliano  (1922 - 1950), ein sizilianischer Mafioso, welcher in Anschläge auf die Kommunistische Partei Italiens verstrickt war, genoss zumindest anfänglich die Protektion von Kirchenvertretern und amtierenden Politikern. Sogar als "Robin Hood der Armen in Sizilien" wurde er bezeichnet und in seinem Heimatort Montelepre lange verklärt. "Uomini d'onore", die Ehrenmänner, waren im Bewusstsein der süditalienischen Gesellschaft fest verankert.

Mafia und Politik

Im Laufe der Zeit hatte die Mafia alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen und wurde schließlich als bedrohliche Macht erkannt. Im faschistischen Italien gelang es Cesare Mori, dem Statthalter Mussolinis auf Sizilien, die  Macht der Mafia zu brechen. Jedenfalls augenscheinlich. Im Hintergrund bestanden allerdings die Clans und "Familien" weiter. Deren Stunde schlug, als in Sizilien nach Kriegsende die Schlüsselpositionen in allen relevanten Bereichen des öffentlichen Lebens mit "Antifaschisten" besetzt werden sollten. In der konservativen Partei Democrazia Cristiana herrschte die sizilianische Mentalität des "do ut des", des Gebens und Nehmens, worauf sich Minister und sogar Ministerpräsidenten stets verlassen konnten.

Mafia und Wirtschaft

Wesentlich effizienter als Erträge aus Aufträgen der öffentlichen Hand erwiesen sich neue Wirtschaftszweige. Lieferte das inzwischen von der Mafia perfekt ausgeklügelte Prinzip der  Schutzgelderpressungen auch weiterhin eine ständige Einnahmequelle, waren anderweitig Gewinnmargen ungeahnten Ausmaßes zu erwarten. Prostitution, Waffen-, Drogen- und später auch Menschenhandel wurden zu reichlich sprudelnden Quellen des Reichtums, flankiert durch die steigenden Möglichkeiten der politischen Einflussnahme. Die Folge waren allerdings auch blutige Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Clans.

Tägliche Gewalt

Um die riesigen Gewinne aus dem Drogengeschäft entbrannte in den 1980er Jahren ein gnadenloser Machtkampf, der oft auf offener Straße mit wilden Schießereien ausgetragen wurde. Zugleich verschwanden der Mafia missliebige Personen unauffindbar in Säure aufgelöst, in Beton eingegossen oder unter Müllbergen "beerdigt". Bei diesen grausamen Auseinandersetzungen kamen die Regeln des alten Ehrenkodex ins Wanken. Frauen, Kinder oder Priester wurden fortan nicht mehr verschont.

Frühling von Palermo

Der Mafiakrieg forderte zunehmend auch unter Unbeteiligten Opfer, zufällig oder gezielt. Zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens, welche die Macht der Bosse beschneiden wollten sowie einfache Bürger, die sich dem Diktat der Mafia-Padrone nicht länger unterwerfen wollten, verloren ihr Leben. Trotz des gefährlichen Klimas aus Angst und Misstrauen wuchs Mitte der 1980er Jahre der Widerstand in der Bevölkerung. Tausende engagierten sich in Antimafia-Projekten. Mit Zivilcourage sollte die Macht der Bosse gebrochen werden. In Einzelfällen gelangen sogar Erfolge wie der der "sizilianischen Frauen für den Kampf gegen die Mafia". Sie erreichten tatsächlich durch einen öffentlichen Hungerstreik die Entlassung von Politikern Palermos, welche als Blockierer der Aufklärung von Verbrechen der Mafia galten. Für die meisten jedoch blieb das Ende der Cosa Nostra ein Traum, für den einzelne ihr Leben ließen und andere in gesellschaftliche Isolation gerieten.

Falcone und Borsellino

Diese beiden Namen stehen für unerschrockene Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen. Der Richter Giovanni Falcone war als gebürtiger Palermitaner mit der allgegenwärtigen Gewalt aufgewachsen und – ähnlich wie sein Kollege und engster Vertraute Paolo Borsellino – entschlossen, sie zu bekämpfen. Trotz täglicher Bedrohung durch seine Gegner und Widerstände in der eigenen Behörde gelang es ihm, zahlreiche Täter zu überführen. 704 Verdächtigen wurde 1987 der Prozess gemacht, 400 zu langen Haftstrafen verurteilt. Diese Urteile wurden am 30.01.1992 in letzter Instanz bestätigt. Was durchaus eine Seltenheit war, denn oft wurden Urteile aus "Mangel an Beweisen" wieder aufgehoben. Zeugen waren gekauft oder eingeschüchtert worden. Im Justizministerium in Rom errichtete er eine Super-Staatsanwaltschaft, die er selbst leiten wollte.

Tod der Kämpfer

Dieses Ziel sollte Falcone nicht erreichen. Am 23. Mai 1992 starben er und seine Frau sowie drei Sicherheitsbeamte nach einem Bombenattentat. Wenige Wochen später fiel auch Borsellino am 19. Juli 1992 einem Sprengstoffanschlag zum Opfer. Zwei Namen nur von mehr als 100 Politikern, Juristen und Polizisten, welche seit 1980 im Kampf gegen die Mafia getötet wurden.

Widerstand

Nach dem Tod der prominenten Mafiajäger kam es zu Massendemonstrationen mit 100.000 Menschen in Palermo, einem Generalstreik und infolgedessen zu einer Staatskrise. Spitzenpolitiker aus Rom traf der Zorn des Volkes. 7.000 Soldaten wurden nach Sizilien gebracht und die Regierung nahm ernsthaft den Kampf auf. Sechs Mafia-Bosse wurden gefasst, überführt wurde der korrupte Polizeipräsident von Siziliens Hauptstadt Palermo. Plötzlich waren auch viele Bosse zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit. Gleichwohl nahm das Blutvergießen kein Ende. Erst als 1999 sieben Clan-Chefs zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren, hörte das Morden auf.

Totgesagte leben länger

Die Cosa Nostra wurde für besiegt erklärt. Ein Irrtum, welcher schon oft nach Teilerfolgen begangen worden ist. Die Geschäftsbereiche haben sich indes lediglich verlagert. Es wurde nunmehr mit legalen Geschäften operiert, sei es im Bankwesen, der Bauwirtschaft oder bei der Müllbeseitigung, häufig, um illegal erworbenes Geld zu waschen. Ganz dezent wird im Verschwiegenen agiert, der Staat schaut weg und ignoriert die Existenz der Mafia.

Palermo heute

Dass die Mafia auch heute noch tätig ist, zeigt ein Projekt aus Palermo. Die Bürgerinitiative "Addio Pizzo", 2004 gegründet, wehrt sich gegen Schutzgelderpressungen. Geschäftsleute weigern sich "Pizzo" zu zahlen. Touristen, ein mächtiger Wirtschaftsfaktor, werden anhand einer Broschüre darüber informiert, welche Hotels, Restaurants und Geschäfte sich der Initiative angeschlossen haben, um so das Netzwerk unterstützen zu können. Der Flughafen Palermo-Punta Raisi trägt zum Gedenken an die integeren Richter inzwischen den Namen "Falcone e Borsellino". Eine schöne Geste, doch bislang wohl nur ein Feigenblatt.

Bildnachweis: Mike Nottebrock/www.pixelio.de

Autor seit 5 Jahren
15 Seiten
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