Die Mafia

Schon seit Menschengedenken hat es Vereinigungen von Habenichtsen gegeben, welche sich mit Gewalt auf Kosten Wohlhabendere bereichern wollten. Sei es um das eigene Überleben zu sichern oder Macht durch Reichtum zu erlangen. Räuber- und Diebesbanden gingen zu Lande auf Beutezüge, Piraten auf den Meeren. Letztere sogar nicht selten mit Genehmigung ihrer Herrscher.

Obwohl ein Netz organisierten Verbrechens den gesamten Globus umspannt und allgemein mit dem Namen Mafia tituliert wird, denkt man hierbei zuallererst an Italien, was darauf zurückzuführen ist, dass in kaum einem anderen Land die Macht organisierter Verbände so akzeptiert  wird – oder wurde – und dabei derart mit der Gesellschaft verwoben ist wie in Italien.

Anfänge in Sizilien

Sizilien, in der Antike die Kornkammer des Römischen Reiches, war ein Land der Gegensätze. Auf der einen Seite standen hohe Erträge aus landwirtschaftlichen Gütern wie Wein, Korn und Zitrusfrüchten, die ihren Eigentümern Wohlstand sicherten. Auf der anderen Seite findet man die Bauern, welche durch ihrer Hände Arbeit diesen Reichtum erwirtschafteten, ohne selbst daran zu partizipieren. Die adeligen Grundherren lebten in der Stadt. Die Bewirtschaftung lag in der Verantwortung  von Verwaltern, welche unter dem Druck standen, den Geldhunger ihrer abwesenden Herren zu befriedigen. Dieser Druck wurde nach unten weiter geleitet, um höchstmögliche Erträge herauszupressen. Die solcherart Drangsalierten sahen oft als einzigen Ausweg, das Land zu verlassen und sich anderweitig den Lebensunterhalt zu sichern, was häufig nur durch Raub und Erpressung gelang. Milizen wurden eingestellt, um dies zu verhindern. Oft aber machten Diebe und Milizionäre gemeinsame Sache, häufig sogar mit Hilfe der Polizei.

Aufstände auf Sizilien

Sizilien gehörte zum Königreich Neapel (bzw. seit dem 08.12.1816 zum "Königreich beider Sizilien") und wurde von Neapel aus von Ferdinand III. aus der Familie der Bourbonen regiert, welcher 1815 eine parlamentarische Verfassung in Sizilien wieder rückgängig gemacht hatte. Die Folgen waren heftige blutige Volksaufstände in den Jahren 1820/21 und 1848. Liberale Adelige schlossen sich mit dem Bürgertum in Geheimbünden zu konspirativen Zwecken gegen das herrschende Regime zusammen, wobei sie sich auch bewaffneter Bauern und Briganten bedienten. Dies war der Nährboden für die Bildung von Bruderschaften in vielen Dörfern Westsiziliens und damit des Ursprungs der Mafia.

Ehre, Demut und Verschwiegenheit

In Zeiten der Anarchie war sich ein jeder selbst der Nächste, an Gerechtigkeit war noch weniger als zuvor zu denken. Es gehörte zur Ehre eines Mannes, sich und die Seinen zu beschützen. War er hierzu nicht in der Lage, suchte er die Hilfe eines Freundes. So entstanden Gruppen mit Anführern, welche unbedingten Gehorsam und Treue forderten. Oberstes Gebot war die Verschwiegenheit. Mit "Omertà" (vermutlich abgeleitet vom sizilianischen umirtà = Demut) bezeichnen die "Unsichtbaren" ihre Pflicht bzw. den Ehrenkodex, über ihre Organisation, die Mitglieder und deren Machenschaften zu schweigen. Neue Mitglieder wurden strengen Kriterien und mystischen Aufnahmeritualen unterzogen, bevor sie sich dann stolz "Ehrenmänner" nennen durften.

Ehrenmänner in allen Gesellschaftsschichten

In den Zeiten der Anarchie wuchs die Zahl waffengeübter Männer, welche Vergeltung und Schutz als Dienstleistungen anboten. Erpressung und Schutzgeldzahlungen waren zudem probate Mittel, auf das öffentliche Leben einzuwirken. Mitglieder der Mafia waren und sind nicht nur gewöhnliche Verbrecher. Auch einfache Bauern, Handwerker, Pächter und sogar Advokaten, Priester und Landbesitzer schlossen sich der Mafia an.

Der Begriff Mafia

Der Begriff Mafia wird verallgemeinernd für alle kriminellen Geheimorganisationen auf dem Gebiet des organisierten Verbrechens verwendet. Der Ursprung dieser Bezeichnung liegt indes im Dunkel. Ursprünglich stand das Wort für Schönheit und Kühnheit, später, nach der Einigung Italiens (das "Risorgimento" in den Jahren 1815 bis 1870) wurde der Wortgebrauch negativ besetzt im Sinne von Überheblichkeit und Anmaßung. In unterschiedlichen Regionen gelten spezifische Namen für die Mafia: heute bezeichnet sich die sizilianische Mafia  in Anlehnung an die zunächst nur für den US-amerikanischen Ableger gebrauchte Bezeichnung  auch als "Cosa Nostra" (unsere Sache), in Neapel "Camorra", in Kalabrien "‘Ndrangheta" (tapferer Mann) und in Apulien "Sacra Corona Unita" (heilige vereinigte Krone).

Familien

Die Strukturen derart streng hierarchisch geleiteter Geheimbünde sind überall ähnlich. Grundstein der Organisation ist die "Familie", deren Mitglieder nicht verwandt sein müssen. Meist besteht eine Familie aus fünfzig Mitgliedern. Oberhaupt ist der "Capo", der alle Entscheidungen trifft und absoluten Gehorsam verlangt. Ehre und Respekt werden, auch innerhalb der Familie, oft mit Waffengewalt eingefordert. Wie viele dieser Familien es gibt, ist nicht bekannt, da Stillschweigen auch heute noch als oberstes Gebot gilt. Die Cosa Nostra in Sizilien hat schätzungsweise 5.000 Mitglieder.

 

Bildnachweis: Mikee Nottebrock/www.pixelio.de

Autor seit 5 Jahren
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