Mrs. Harris - in ihrem zweiten Abenteuer

Sir Wilmot (Ernst Schröder) hat eine Idee. Er hat festgestellt, dass seine langjährige Putzfrau (Inge Meysel) politische Ansichten hat. Nun überlegt er, sie in ihrem Heimatwahlkreis zur Kandidatur zu stellen, will aber in Wirklichkeit nur einen Schwachen Kandidaten, um dem Mitbewerb eine Posten zuzuschachern. Als sie trotzdem gewählt wird, ist der Wind plötzlich aus den Segeln, denn die Abgeordneten sind geradezu peinlich reserviert und distanzieren sich von ihr, was ihren raschen Rücktritt bedeutet.

Das verhängnisvolle Frühstück mit Sir Wilmot.

Der Plot (absichtlich ausführlich)

Inge Meysel alias Ada Harris ist als alternde Raumpflegerin in einem Haushalt angestellt. Ihr Chef ist ein hochehrwürdiger alleinstehender machtbewusster Parlamentarier, der als Strippenzieher im Club zeigt wo es lang geht. Während einer Krankheit, als er längere Zeit zuhause ist, beginnen die beiden Gespräche über Politik, Gott und die Welt. Es fragt sie eines Tages, ob sie für ein politisches Amt kandidieren würde, denn gerade solche Leute wie sie würden dort fehlen. Leute, die sich auf das Gespräch mit den Bewohnern und ihre Sorgen verstehen. Zunächst ist sie nicht zugeneigt, weil sie denkt, das ist nichts für sie. Es fehle ihr die Schulbildung.

 

Seine beiden Wahlkampfstrategen besuchen sie und fragen intensiv, ob sie Interesse hat. Sie stellt sich eines Tages doch einem parteiinternen Ausschuss, in dem der Kandidat festgelegt wird. Doch nach der ersten Hürde wird es zäh für die mutige Frau aus Battersea, denn ihre Leistungen, etwa den Kinderspielplatz zu erhalten oder einen Dieb in die Flucht zu schlagen wird nicht erwähnt, viel mehr wird klar, dass ihr Wahlkampf von Intrigen begleitet ist. Die Flugblätter sind voller Fehler, die wohl entweder auf das Wahlkampfkomitee zurückgeht, die sich intellektuell überlegen sieht. Oder auf Sabotageaktionen der Druckerei, was wohl eher der Fall ist. Eines Tages erhält das Wahlkampfbüro eine Sach-Spende in Form von Druckwerken von der Gegenseite, denn der Chauffeur ihres Chefs hat sich eingeschaltet und von der Flugblätter-Aktion erfahren. Es soll eine Absprache gegeben haben, wonach ihr Chef das Team beschwor, nur ja alles zu unternehmen, dass der Kandidat der Gegenseite ruhmreich aus der Wahlschlacht kommt. Und die liebe Ada Harris steht indes mutterseelenallein im Regen und verteilt fehlerhafte Flugblätter.

 

Als sich ihr früherer Bekannter via Frankreich und die BBC einschaltet, ist auch die eigene Partei in Aufruhr. Die Absprach der beiden Oberhäusler droht zu platzen, die eigene Partei droht sich zu mobilisieren. Überraschend gewinnt sie am Wahltag die Wahl. Doch ihr Amtsantritt vor der Queen ist das einzige, das ihr gelingt. Zunächst wird sie mal von ihren Herrschaften als Putzfrau gekündigt, denn sie können ja nicht einen Diener des Parlaments die Böden schrubben lassen. Dann erfährt sie davon, dass sie eigentlich den Auftrag hatten, ihre Wahl zu verhindern, weshalb sie nicht mit ihr arbeiten wollen. Indirekt bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als sich um "ein Kronamt zu bewerben", damit spielt sie den Strategen in die Hände, verliert aber innerhalb von Sekunden die Oberhand.

Die Serie der zarten "Mrs. Harris"

Dies ist die Ausgangsposition von Inge Meysels Londonabenteuer in dem sie eine berufstätige Frau höheren Alters verkörpert, die sich nicht überschätzt, sondern authentisch ist – und dennoch scheitert. Es wird klar, wie wenig man gegen politische Intrige und Gegenwind ausrichten kann, ohne Freunde und Unterstützer mit Einfluss; und sogar mit, wenn der Gegner sich nicht in die Karten schauen lässt. Gerade der Medienbereich ist erst auf dem Plan, wenn es jemanden gibt, der eine Person in einer Position sehen und behalten möchte.

 

Mrs. Harris: Ein Kleid von Dior (1982)

Mrs. Harris: Freund mit dem Rolls-Royce (1984)

Mrs. Harris: Der geschmuggelte Henry (1986)

Mrs. Harris fährt nach Moskau (1986)

Mrs. Harris fährt nach Monte Carlo (1989)

Mrs. Harris und der Heiratsschwindler (1991)

Inge Meysels Biografie

Inge Meysel, die zierliche Erscheinung des deutschen Film und Hörspiels wurde 1910 in Rixdorf (Neu-Köln, Deutschland) geboren und als Tochter eines jüdischen Kaufmanns und seiner Frau Margarete. Mit siebzehn schloss sie die Schule ab und begann 1930 eine Theaterkarriere in Zwickau, Berlin und Leipzig. 1933 bis 1945 wurde die Karriere durch das Regime unterbrochen, denn es ereilte sie ein Auftrittsverbot. Sie wurde Telefonistin und technische Zeichnerin. Ihr Vater überlebte die Zeit in einem Kellerversteck.

 

Nach dem Krieg nahm sie ihre Karriere am Hamburger Theater wieder auf. Zunächst in Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, dann an der Thalia. Sie wurde zur Charakterdarstellerin und feierte Erfolge: "Die tätowierte Rose" (Tennessee Williams), Meine beste Freundin (John von Druten) und wechselte ans Theater am Kurfürstendamm in Berlin. Mrs. Harris wurde sie erst 1982. Der Film gehört zu einer Reihe, die in der Zeit von 1982 bis 1991 entstand. Es war die Zeit, in der sie auch widerborstige weibliche Charaktere verkörperte.

 

Inge Meysel trat immer wieder mal in die politische Öffentlichkeit: Mal 1925 bei einer Rede gegen die Todesstrafe der Demo der Jungdemokraten. Dann mal 1972, als sie den Wahlkampf Willy Brandts unterstütze und saß 1978 im "Sexismus-Prozess" neben Alice Schwarzer als Klägerin. 1987 kam es zu einem denkwürdigen Interview, das sie als erfahren in gleichgeschlechtlicher Liebe outete, dies wurde dann bis in die 1990er immer wieder mal Thema in den Talkshows, in denen sie sich auch als Freundin von homosexuellen Männern outete, in dessen Gesellschaft sie gerne verreise. Ab 2003 scheint Inge Meysel von Altersdemenz heimgesucht worden zu sein, stellte aber noch einige hochbetagte Omas dar, wie in "Polizeinotruf 110". Sie wurde auch mit dem Hörspiel berühmt und ihr Portfolio bietet eine reiche Auswahl an Hörspieltiteln von 1933 bis 1997. Als quirlige aber sympathische Ausnahmeerscheinung hatte sie aber auch Erfolg und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Einige davon scheint sie überhaupt gepachtet zu haben, wie etwa den Bravo Otto, den sie gleich elfmal erhielt. Daeben erhielt sie die Goldene Kamera (1965 und 1999) sowie die Bambis (1968, 1970 – 1973, 1990). Man wollte ihr auch 1981 das Bundesverdienstkreuz verleihen, das sie mit den Worten "Dafür, dass man sein Leben anständig gelebt hat, verdient man keinen Orden." ablehnte.

Highland, am 15.12.2022
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Bildquelle:
bing/Schweiz, Postkarten Motivmit den Be (Post-Heimat-Abenteuer-Film)

Autor seit 2 Jahren
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