(Bild: Barni1)

Vom Rowdy zum Helden

Wie keine andere Sagengestalt beschäftigen die Taten des Herkules immer noch Kinder und Erwachsene. Warum? Er ist ein Held. Was ist ein Held? Ein Mensch, der über sich selbst hinauswächst und außergewöhnliche Taten vollbringt – ein Meister des Ich.

Der Mann war in seiner Jugend nicht ohne, so liest man. Er hat eine ganze Menge an unanständigen Dingen angestellt, und deshalb wurde er von den Göttern zur Buße verurteilt. Durch seine zwölf Taten sollte Herkules also seine Verfehlungen wieder ausbügeln.

Wir wollen seine zwölf Abenteuer an dieser Stelle nicht aufzählen. Wir gehen direkt auf den Kampf mit dem Löwen ein.

Hat es den "unverwundbaren" Nemeischen Löwen wirklich gegeben?

Nemea lag in Griechenland, in der Nähe von Korinth.

Dort also soll der antike Held den unverwundbaren Nemeischen Löwen mit eigenen Händen erwürgt haben. Herkules musste das Untier erwürgen, weil die Haut des Tieres für Messer und Speer undurchdringlich war.

Wie kommt ein Löwe nach Griechenland?
Hat es in grauer Vorzeit in Europa Löwen gegeben? Unsere Recherchen führen uns zu einer Unterart des pantera leo, wie er im wissenschaftlichen Sprachgebrauch genannt wird.
Dieser Höhlenlöwe soll um 10.000 v.Chr. auch am Rande unseres Kontinents beheimatet gewesen sein.

Es existiert also eine, wenn auch geringe, Wahrscheinlichkeit, dass ein Herkules zu jener Zeit einem Höhlenlöwen begegnet ist.

(hier stellvertretend das Skelett eines Säbelzahntigers) (Bild: 7854/ pixabay.com)

Drei Dinge, die wir über Löwen wissen

1. Die Verbreitung von Löwen in Griechenland ist nicht gesichert.

2. Löwen jagen in Rudeln. Wir lesen von Rudeln bis zu 30 Tieren.
Und sie brauchen natürlich Geschlechtspartner, um sich fortzupflanzen.
Wenn der Nemeische Löwe als Einzelgänger geschildert wurde, aber "unverletzbar" war, dann mussten sich die Bewohner dieser Region im Prinzip zehn bis zwölf Jahre in Acht nehmen, bis das Raubtier alt wurde und ohne Nachwuchs verendete. Dies ist kein toller Stoff für eine Sage.

3. Schließlich gibt es keine unverwundbaren Tiere. Es belegen alle Bücher, die wir lesen, und alle TV Berichte, die wir ansehen, dass Tiere auf der Jagd von Menschen erlegt werden können.

Wegen dieser Tatsachen - Region, Rudelverhalten und Verwundbarkeit - vermuten wir an dieser Stelle, dass das Bild des Löwen in dieser Geschichte symbolisch, stellvertretend für eine Tugend oder Untugend der Menschen, verwendet wurde.

Faktensuche,Thesen und eigene Ideen

Für die Herkules Sage, in Form der Erzählung an sich, gibt es einen ausreichenden Fundus an Literatur. Allein auf Amazon finden wir über fünfhundert Einträge. Die Beschreibung über die zwölf Abenteuer können wir also nachlesen.

Doch wo finden wir Gedanken zu der Interpretation, die uns interessiert? Wir laufen ins Leere, obwohl wir seitenweise Rezensionen auf Amazon lesen.
Wir wechseln den Suchbegriff auf die Schlagwörter "Erzählforschung" und "Ätiologie". Lexika und Bücher über Ägypten, die Bibel und zur Altertumsforschung sind aufgeführt, aber kein Titel zu unserem Thema "Symbol der Herkules-Taten".
Wir schwenken um zur Themensuche unter "Märchenforschung" und "Wissenschaftssoziologie". Wir wollen wissen, welchen Einfluss Märchen und Sagen auf das kollektive gesellschaftliche Wissen haben.

Wir überlegen, ob wir uns ein Buch von Leander Petzoldt (Historische Sagen) anschaffen und lesen wollen.

Bis zur Entscheidung versuchen wir es selbst mit dem Thema.

Wofür steht der Löwe als Sinnbild?

Für Stärke. Der König der Tiere wird er genannt.

 

Obwohl wir in TV Reportagen auch schon gehört haben, das der männliche Löwe eher eine bequemes Leben vorzieht, und dass die Löwendamen den Hauptteil der Jagd erledigen.

In der verklärten Sichtweise ist der Löwe nun einmal König.

Wenn es keinen Kampf des Herkules mit einem echten Löwen gab, so nehmen wir einmal einen menschlichen König als Hintergrund der Geschichte an. Hat Herkules eventuell den Rivalen eines anderen Königs getötet, für den er gearbeitet hat? Ist der erlegte Löwe in dieser Sage das Sinnbild für einen Königsmord? Herkules, ein griechischer Ninja?

Wir glauben nicht an diese Variante. Warum nicht?
Wir verstehen diese Sage als Kampf des Menschen mit sich selbst, als ein inneres Ringen um die Tugenden in uns. Und wir lesen von zwölf Abenteuern; da macht ein Königsmord, gleich zu Beginn, auf dem Weg zur Tugendfindung, keinen rechten Sinn.

Löwen in Wappen

Der Löwe als Königssymbol wird in unzähligen Wappen verwendet. Auf einem Spaziergang in Brüssel z.B. sind uns an vielen Stellen Löwenfiguren aufgefallen.

(Bild: schreibspass bei Pagewizz.com)

(Bild: schreibspass bei Pagewizz.com)

Wir denken auch an Heinrich den Löwen, der sich mit diesem Beinamen geschmückt hat.

Braunschweig hat z.B. den Löwen im Wappen. Warum trägt eine norddeutsche Stadt, und nicht nur diese, ein Tier im Wappen, das es in dieser Region wahrscheinlich nie gegeben hat?

Götter, Gräber und Gefühle

Löwen in Braunschweig, Brüssel und an zahlreichen anderen Orten. Wir lassen nicht nach und forschen weiter zur Symbolgehalt des Nemeischen Löwen.

Die Spur führt uns zur Göttergestalt des Tychon. Dieser war in den griechischen Sagen ein übler Bursche, der mit seinem weiblichen Pendant eine ganze Galerie von Monstern gezeugt hat, darunter auch diesen Löwen. Tychon wird mit dem ägyptischen Gott Seth gleichgesetzt, so lesen wir.

Seth, steht für – Wut und Gewalt. Da schau einer her. Ein Gott als symbolhafter Ausdruck eines menschlichen Gefühls.

Warum muss Herkules zuerst einen Löwen besiegen?

Seth, Tychon, der Löwe – Wut, Gewalt, Unbeherrschtheit. Wie besiegt man diese Eigenschaften?

Durch das Gegenteil, nämlich Tugenden - z.B. durch Selbstbeherrschung. Erst die Selbstbeherrschung ermöglicht es dem Helden, die folgenden elf Aufgaben erfolgreich durchzuführen.

Wir überlegen weiter.
Seth war eine ägyptische Gottheit. Ägypten liegt in Afrika. In Afrika gibt es Löwen – in Griechenland eher nicht. Möglicherweise hat ein griechischer Dichter die ganze Geschichte importiert und die Namen und Orte mitsamt dem Symbolgehalt entsprechend "re-labelled".
Dann werden die Zusammenhänge zum symbolischen Kampf mit dem Löwen auch wieder verständlich.

Ganz abwegig ist dieser Gedankengang nicht. Schließlich soll auch Solon die Geschichte des mythischen Atlantis aus Ägypten mitgebracht haben.

 

Zurück zu Herkules und seinem Kampf um Selbstbeherrschung.

Wir kennen in unserem Kulturkreis den "inneren Schweinehund", der gegen Ethik und Vernunft handelt.
Hier Hund – da Löwe. Hat Herkules diesen inneren Verführer in seiner griechischen Variante bezwungen?

Die Gedanken sind frei …

Ätiologie – eine respektable Wissenschaft?

Diese Lehre gehört, so lesen wir erstaunt, zum Bereich der Erzählforschung, und diese wiederum zur Literaturwissenschaft.

Es handelt sich also um eine anerkannte Wissenschaft. Offenbar werden in diesem Wissenschaftszweig umfangreiche Recherchen über Sprachverwendung und – verbreitung von Erzählungen, also auch von Mythen, Sagen und Märchen, angestellt.

Ätiologie wird übrigens mit "Lehre von den Ursachen" übersetzt.

Für die Fragen nach dem verhaltenstheoretischen Hintergrund, die wir in diesem Beitrag anstellen, suchen wir einen weiteren Rückhalt bei den Urbildern (Archetypen), wie sie in der Psychologie Verwendung finden.
Der Löwe, so lesen wir, wird mit Stolz und Kraft aber auch mit Eitelkeit, Triebhaftigkeit - und Gewalt - verbunden.
Da der Autor selbst kein ausgebildeter Psychologe ist, gelten unsere Vermutungen mit Einschränkungen. Möglicherweise liegen wir aber auch nicht ganz falsch.

And the winner is … Self Control

Viele Städte und Herrscher führen also den Löwen "im Schilde" zur Demonstration ihrer Stärke. 
Wenn die Annahme zum Begriffspaar (Gewalt/ Selbstbeherrschung) stimmt, dann führt dies auch zum bewussten oder unbewussten Ausdruck ihres Wunsches, die innewohnende Gewalt im Menschen unter Kontrolle zu bekommen.

Diese Lesart macht ein Stück weit Sinn, denn:

Unkontrolliertes Handeln ist nicht effektiv.
Kontrolliertes Handeln führt zum Erfolg.

Die Tradition der Dichter und Denker

Griechenland gilt als Geburtsstätte der abendländischen Kultur.
Die alten Griechen haben intensiv mit ihren unkontrollierten Gefühlen gekämpft; ihre Dichtung belegt diesen Kampf. Haben ihre Dichter die Figur des Herkules also zur besseren Anschauung ihres Bemühens erschaffen?
Weite Teile der Bevölkerung konnten in der Antike nicht schreiben und lesen. Der Buchdruck war noch nicht erfunden. Sagen und Märchen stellten somit eine Grundlage der Charakter-Bildung dar.

Damit schließt sich dann der Kreis wieder zum eingangs erwähnten Bereich der Erzählforschung, der sich mit den Hintergründen von Sagen beschäftigt.

Fazit. Die Sage von Herkules und seinem Kampf mit dem Löwen interpretiert sich auch als Anleitung zur Selbstkontrolle. Da schau einer an.

Wie kommt ein Hobby-Autor auf diese Geschichte?

Durch Reisen. Auf einer Reise nach Duisburg ist uns dieses Standbild des goldblonden Herkules vor dem Wallraf-Richartz-Museum aufgefallen. Neugierig sind wir seitdem der Sage nachgegangen.

 

 

 

Bildquelle: schreibspass bei Pagewizz.com

 

 

 

 

 

 

Einige Wochen später, während eines Stadtbummels durch Brüssel, haben wir dann zahlreiche steinerne Löwen bemerkt, die die Häusersimse zieren.
Im nächsten Sommer werden wir für ein Wochenende zum Kasseler Bergpark Wilhelmshöhe fahren, dort die Herkules Statue fotografieren und uns weiter informieren. Im Hotel können wir das Buch von Leander Petzoldt lesen.
Vielleicht finden wir dann einen weiteren Zugang zu unserer Interpretation der Herkules Sage.

Denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende ...

Zum Schluß

Herkules, Löwen und Mythen an vielen Orten – Reisen bildet. Und das Hinterfragen und das Schreiben machen einfach Spaß.


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