Das Phasenmodell

Bisher war dabei in der Trauerbegleitung das Modell der Trauerphasen sehr gebräuchlich, welches in den 1970er Jahren von Verena Kast entwickelt wurde. Dabei ging man davon aus, dass ein Mensch im Trauerfall grundsätzlich vier Phasen durchläuft: die Phase des Ableugnens und des Schocks, die Phase der intensiven Gefühle, die Phase des Loslösens und die Phase der Neuorientierung. Man nahm dabei an, dass die Bewältigung der Trauer gezielte Arbeit benötigen würde, und dass auch die Gefühle intensiv auftreten müssten und unbedingt ausgelebt werden sollten, damit die Trauer nicht verdrängt sondern bewältigt würde. Zudem wurde vorausgesetzt, dass die Emotionen zum Verstorbenen gelöst werden müssten, dass man Abschied von ihm nehmen müsse.

Die neuesten Erkenntnisse der Trauerforschung stellen dieses Phasenmodell allerdings stark in Frage, da sich gezeigt hat, dass diese Phasen keinesfalls bei allen Menschen auftreten und der Trauerprozess viel individueller abläuft als bisher geglaubt.

Trauerbewältigung durch Resilienz

Der Begriff der Resilienz taucht in der psychologischen, aber auch in der medizinischen Forschung immer häufiger aus, geht es doch dabei um den relativ jungen Ansatz der Salutogenese in der Forschung, in dem man nicht untersucht, was Menschen krank macht, sondern erforscht, was sie gesund erhält. Unter Resilienz versteht man dabei die natürlichen inneren Selbstheilungskräfte des Menschen, die ihm dabei helfen, selbst große Krisen oder ein Trauma allein aus eigner Kraft zu bewältigen und relativ schnell wieder zu einem stabilen Zustand zurück zu finden.

Als führend in der Trauerforschung gilt zur Zeit der amerikanische klinische Psychologe Professor Bonanno, der in vielen Studien die Trauer wissenschaftlich erforscht hat. Er hat bei seinen Studien fest gestellt, dass die Trauerbewältigung sehr stark von dieser Resilienz bestimmt wird. Der Prozess ist dabei von einigen Aspekten geprägt.

  • Gefühle in Wellen statt in Phasen
    Bei der natürlichen resilienten Trauerbewältigung treten die Gefühle nicht in Phasen auf, sondern verlaufen eher wellenförmig, wobei die Intensität und die Dauer der Gefühle üblicherweise im Lauf der Zeit abnehmen. Die Intensität der Gefühle ist dabei individuell sehr unterschiedlich; sie können auch einmal recht milde ausfallen, ohne dass man sich deshalb gleich beunruhigen muss.
  • Positive Gefühle statt ständigem Schmerz
    Die Resilienz sorgt bei der Trauerbewältigung auch regelmäßig dafür, dass der Mensch sich von Schmerz und Trauer zwischendurch immer wieder erholen kann. Neben der Wellenbewegung der Gefühle sorgt sie daher dafür, dass selbst in einer frühen Phase der Trauer immer wieder einmal auch Momente des Lachens und der Freude auftauchen können. Schöne Erinnerungen an den Verstorbenen, die ein Lächeln ins Gesicht zaubern, ein spontanes Lachen bei einem Witz, das Genießen eines Filmes sind die Auszeiten, die der Mensch zur Erholung benötigt.
  • Transformation der Beziehung statt Abschied
    Die Trauerforschung hat auch heraus gefunden, dass es bei vielen Menschen bei der heilsamen Bewältigung der Trauer nicht zu einem Loslassen und einem Abschied Nehmen vom verstorbenen Menschen kommt. Da diese ja immer noch die Liebe zum Verstorbenen verspüren. Stattdessen erhalten sie ihre innere Beziehung zu ihnen aufrecht und transformieren sie, so dass der verlorene Mensch zu einem neuen inneren Begleiter werden kann, den sie auf neue Art immer noch lieben können.

Sicher sind diese Erkenntnisse für viele Trauernde eine Hilfe und Erleichterung, müssen sie sich doch keine Gedanken über eine mangelnde Intensität oder Dauer ihrer Gefühle machen, die dem Standardmodell nicht entsprechen, oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nach kurzer Zeit auch einmal wieder herzhaft lachen können. Das gehört zu einem resilienten und natürlichen Prozess der Trauerbewältigung dazu, deshalb sollte man es als gesunde Reaktion begrüßen und dankbar annehmen.

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Resilienz statt Trauerphasen
Viele Trauerbegleiter stützen sich auf Modelle, die im Bereich der Trauerbegleitung bisher als gültig angenommen wurden, meistens handelt es sich dabei um das Modell der Trauerphasen nach Verena Kast.

Trauerphasen.de
Das Vierphasenmodell der Trauer nach Kast und Yorick Spiegel. Kritische Würdigung des Modells der Trauerphasen und neue Erkenntnisse im Bereich Trauerforschung.

Trauerphasen nach Verena Kast
Um sich selbst in der eigenen Trauer oder andere trauernde Menschen besser verstehen zu können, ist es gut, Grundsätzliches über die Trauer und ihre Phasen zu kennen.

Ein Modell: Phasen der Trauer nach Yorick Spiegel
Jeder einzelne Mensch trauert auf seine ganz persönliche Art. Trotzdem haben Wissenschaftler versucht, Gemeinsamkeiten festzustellen und den Ablauf des Trauerprozesses theoretisch zu erklären.

Autor seit 3 Jahren
9 Seiten
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