Psychiatrie 3.0...

... so nennt Dr. Gleichklang seine Station. Hier gibt es nur Menschen, gesunde, wobei er sich da oft nicht so sicher ist, und psychisch beeinträchtigte. Manchmal, so ist seine Erfahrung, sind die so genannten Patienten fitter als die Profis, die er hier beschäftigt.

Die Zahl der Ärzte in den roten Kitteln hat jedenfalls in den vergangenen Wochen deutlich abgenommen. Das zeigt, so Dr. Gleichklang im Gespräch, sein Konzept wirkt und wird angenommen. Rote Kittel tragen nur noch die Ärzte, bei denen eine immer noch relativ hohe Rückfallgefahr besteht. Rot bedeutet hier -- ACHTUNG! Dieser Arzt könnte Sie fixieren oder mit hohen Medikamentendosen ruhig stellen wollen. Erst gestern musste ein Arzt wieder den gelben Kittel, keine Rückfallgefahr mehr, gegen den roten eintauschen. Er hatte das Seil für die Fesselspiele im Krankenhaus schon in der Hand und grinste diabolisch. Doch Dr. Gleichklang versteht hier keinen Spaß, und schon hatte der Psychiater seine rote Bekleidung wieder an.

Dabei ist Dr. Gleichklang gar kein Doktor, er hat nie studiert. Früher, in seinem ersten Leben, war er Schlosser. Die kräftigen Hände verraten heute noch, der Mann kann zupacken. Dann kam die schleichende Erkrankung, die ihm immer tiefer in den Abgrund zog. Suizidale Gedanken, Wahnvostellungen, Autoaggression.... und noch einiges mehr erlebte er. Heute ist er ein Experte aus Erfahrung, einer, der weiß, wie sich Krisen anfühlen und das Reden & Zuhören eine Einheit bilden. Nur, reden konnte er früher nur mit sich selber, zugehört hat ihm nie jemand. Abgestempelt als der Verrückte war er, der Typ mit dem Dachschaden, Ihr wisst schon...

Psychiatrie 3.0 ist auch sein Werk, hier sind die Ärzte keine Götter in Weiß, die Patienten keine Gewinn bringende Ware und er zwar der Chef von Allen, aber doch einer der ihren.

Es piept in der Jackentasche, ein kurzer Blick und Dr. Gleichklang eilt den Gang entlang. Fast hätte er das Erzählcafe verpasst. Hier darf jeder von sich erzählen, so viel und was er möchte, er darf zuhören und einfach auch nur anwesend sein. Das ist wichtig, um sich zu öffnen, der eigenen Seele Freiraum zu geben und sich selber zu entlasten, so der Doc. Es ist eine Pflichtveranstaltung für alle Ärzte und Pfleger, lernen sie hier doch ihre neuen Kollegen kennen. Kollegen?? Ja, denn die besten Experten sind die Betroffenen selber, sie wissen, wie sich ihr Leiden anfühlt, sie unterstützen sich gegenseitig und ziehen sich gemeinsam aus dem Abgrund.

Ruhig sitzt Dr. Gleichklang in der Ecke und hört dem jungen Mann zu.

Nichts bleibt, wie es war, und doch fügt sich das Lebenspuzzle immer wieder neu zusammen. Die Neugier darauf hat Dr. Gleichklang für drei Monate zum Chef der Psychiatrie 3.0 werden lassen. In wenigen Tagen wird er diesen Posten wieder räumen.Sein Nachfolger wird Lukas sein, paranoid-schizophen, Mitte 30 und noch ohne Namen.

Dr. Gleichklang ist dann wieder Ralf, heftige depressive Schübe, manchmal etwas außerhalb der Spur, doch einer, der die Station in dem Vierteljahr geprägt hat.

Denn auch das ist die Psychiatrie 3.0, aller 3 Monate wechselt der Chef. Was als Konstante bleibt, alle sind gleich, keiner wird fixiert oder zwangsmedikiert und jeder beteiligt sich an allen Arbeiten. Und Chef ist immer ein von psychischen Leiden Betroffener, die haben mehr Kompetenz als die Studierten.

Wo ist eigentlich Dr. Gleichklang geblieben? Ach ja, der wischt gerade den Flur....und hat anschließend ein Gespräch mit Dr. Feige. Der Psychologe legt sich gern bei ihm auf die Liege und erzählt ihm seine intimsten Sorgen und Ängste....

Fotos by:pixabay.com

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