Der Ursprung des Mythos - Zank und Streit über Luhmanns Nachlass

Nachdem Luhmann seinen Zettelkasten erstmals in einem Interview erwähnt hatte, fragten sich die Menschen natürlich, was man sich darunter vorstellen könne. Ein Zettelkasten, der so umfangreich und gut strukturiert war, dass er es Luhmann ermöglichte, über eine riesige Palette an Themen fundiert zu forschen und zu schreiben, musste ja ein ganz großes Ding sein.

Leider ließ er selbst sich niemals näher dazu aus, wenngleich Videoaufnahmen davon existieren, wie er mit seinem Kasten arbeitet. Was genau er da tat, ließ sich aber nicht ergründen. Man kann auf diesem Video sehen, wie er neue Zettel in seinen Kasten sortiert und teilweise lange überlegt, wo genau er seine jeweilige neue Notiz einordnen soll.

Nach seinem Tode entbrannte dann zu allem Überfluss noch ein erbitterter Streit über seinen Nachlass, den nach langem Ringen dann schließlich seine Tochter gewann. Als Alleinerbin seiner gesamten Arbeitsunterlagen fiel damit auch der Zettelkasten an Sie.

Heute ist die Universität Bielefeld im Besitz des Kastens und erforscht ihn eingehend. Die Universität hat den Zettelkasten Luhmanns zu einem unbekannten Preis von dessen Tochter gekauft.

Was wir heute über Luhmanns Zettelkasten wissen - Die wissenschaftliche Auswertung von Luhmanns Zettelkasten

Heute ist der Bielefelder Soziologe Johannes Schmidt mit der Erforschung des Aufbaus von Luhmanns Zettelkasten befasst. Bemerkenswert ist die Erkenntnis, dass es sich um eine Systematik handelt, die an die Struktur des Internets mit seinen Hyperlinks und Querverweisen erinnert.

Der Kasten ist also keinesfalls streng nach Themen geordnet. Zwar gibt es Abschnitte, die mehrere Zettel zu einem Thema hintereinander beinhalten, aber gleich darauf folgen dann oft Notizen zu komplett anderen Themen. Das erklärt sich nach Schmidt folgendermaßen:

Angenommen, Luhmann arbeitete gerade am Thema Systemtheorie. Er hätte dann zu diesem Thema Notizen gesammelt und in seinen Kasten sortiert. Jede Notiz bekam dann eine Nummer. Es begann mit Nr. 1, dann folgte Nr. 2 und so weiter. So weit, so gut.

Stieß Luhmann aber jetzt in seinen Notizen z.B. auf Zettel Nummer 2, auf einen Nebenaspekt des dort behandelten Themas oder Gedanken, der vordergründig nicht zum eigentlichen Thema gehörte, dann tat er etwas ausgesprochen Kluges: Statt ein neues Thema in einem anderen Kasten zu beginnen, schrieb er einen Zettel zu diesem Nebenaspekt, benannte ihn mit 2a und fügte ihn hinter dem Zettel mit der Nummer 2 ein.

Fand er dann zur Notiz 2a wieder einen Gedanken, der thematisch nicht vollkommen zu diesem passte, schrieb er einen Zettel 2a1. Das ließ sich dann beliebig fortführen.

Wenn natürlich der Zettel mit der Nummer 2 zwei weiterführende Aspekte hergab, wurdenn entsprechend Zettel mit den Bezeichnungen 2a und 2b geschrieben, die dann eben beide wie oben beschrieben durch weitere ergänzt werden konnten.

So entstanden assoziativ Kategoriebäume von beliebiger Tiefe. Wie genau er damit arbeitete, um Aufsätze und Bücher aus diesen Notizen zu destillieren, hat man indes immer noch nicht herausgefunden. Es steht zu vermuten, dass jeder Benutzer anders mit so einem Kasten umgehen würde. So assoziativ die Entstehung der Struktur war, so intuitiv arbeitetet Luhmann womöglich auch damit.

Auch wenn der Zettelkasten in dieser speziellen Form vielleicht nur für Luhmann selbst zu gebrauchen war, so zeigt sich doch immerhin, dass ein solcher Aufbau einer Kartei durchaus das Potenzial hat, die eigenen Gedanken und Rechercheergebnisse auf relativ einfache Art zu ordnen.

Wikipedia-Artikel über Niklas Luhmann:

Hier klicken

mehr von mir? Dann bestellen Sie meinen Newsletter.

Alle Neuigkeiten von René Junge

Rene_Junge, am 14.09.2012
5 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Bildquelle:
johannes flörsch (Wie finde ich die Sternschnuppen der Perseiden 2016?)
Karin Scherbart (Wie macht man einen Regenbogen selbst?)

Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
Laden ...
Fehler!