Lieber Christian Streich,

darf ich Sie so vertraut ansprechen? Sie kennen mich natürlich nicht, doch es ereilt Sie inzwischen das typische Promi-Schicksal – jeder meint, mit Ihnen per Du zu sein. Und seit Ihren regelmäßigen Auftritten in der Sportschau und im Aktuellen Sportstudio hat die ganze Bundesrepublik eine genaue Vorstellung, wie Sie aussehen und wie charmantes Alemannisch klingt. Die Videos "Streich der Woche" auf Youtube mit Ausschnitten Ihrer Pressekonferenzen haben bei Fans schon längst Kultstatus.

Wenn ich Sie zufällig treffen würde, würde ich Sie wahrscheinlich auch sofort anlächeln und etwas Nettes zum letzten Spieltag sagen – oder etwas Aufmunterndes für die kommende Saison. Schließlich haben Sie gerade eine der tollsten Mannschaften, die der SC Freiburg je zu bieten hatte. Und dürfen trotzdem in der neuen Saison wieder fast von vorne anfangen. Vier Ihrer besten Jungs – wie heißt das im Jargon? Leistungsträger? – wechseln in andere Vereine, von denen etliche in der aktuellen Tabelle pikanterweise unter dem Sportclub stehen. Warum nur?

Die Antwort auf diese Frage lautet stereotyp: wegen des Geldes natürlich. Und damit ist für die meisten schon alles "g'schwätzt". Warum sollten Spieler bleiben, wenn sie anderswo ein Vielfaches verdienen?

Sie haben sich in einer vergleichbaren Situation anders entschieden: Sie hätten bei Schalke 04 Trainer werden können. Bestimmt für viel mehr Geld als in Freiburg. Wollten Sie aber nicht. Hat Sie nicht interessiert, weil Sie finden, dass der SC Freiburg ein guter Verein mit kompetenten Leuten ist. Und weil es Ihnen auch nach all den Jahren viel Spaß macht, für den Sportclub zu arbeiten... Eine ganze Region mit tausenden von Fans atmete auf. 

Aber ganz ehrlich: Für Fußball-Bosse muss es ein entsetzlicher Gedanke sein, Ihr Beispiel könnte im Spielbetrieb Schule machen. Man darf sich einen verzweifelt mit Geldscheinen winkenden Uli Hoeneß vorstellen. Wie grauenhaft, wenn sich bei Spielern plötzlich die Einsicht durchsetzen würde, dass Geld allein selbst im Fußball nicht glücklich macht. Denn dann wären 20-Jährige nicht zu ködern, die beim SC vielleicht "nur" 300.000 Euro pro Jahr verdienen – und damit immerhin mehr als ein Großteil der Deutschen im Lauf des gesamten Berufslebens beiseite legen kann. Denn diese "Grundsicherung" könnte ihnen den Luxus erlauben, über den reinen Broterwerb hinaus nachzudenken, was sie bei ihrem Beruf glücklich macht und was beim Sport für sie zählt. Zum Beispiel, bei einem Verein zu spielen, der schuldenfrei ist. Und der mit dem einem der kleinsten Stadien, den kleinsten Etats der Liga und der jüngsten Abwehr im oberen Tabellendrittel steht. Und der seinen Nachwuchs selber ausbildet – ein Stück Nachhaltigkeit im Fußballgeschäft. Und bei dem die Spieler, wenn sie ausgewechselt werden, erst einmal vom Trainer geknuddelt werden. 

Okay, okay, das Knuddeln ist offensichtlich nicht entscheidend fürs Bleiben. Der SC Freiburg darf seine guten Spieler derzeit an Vereine abgeben, die zwar nicht alle so gut spielen, aber besser bezahlen. 

Nächste Saison könnte der Sportclub mit der absurden Situation konfrontiert sein, international mit einer Newcomer-Mannschaft im Stadion aufzulaufen. Die Doppelbelastung mit Liga und Europa League inklusive. Gutes Gelingen dafür! Aber nur Mannschaften wie die Freiburger machen die Bundesliga spannend. Es muss entsetzlich langweilig sein, als Fan von Bayern München beim Tippen immer reflexartig auf Sieg setzen und nie mehr zittern zu müssen. Ein Fan-Dasein ohne Höhen und Tiefen? Wer will denn so was?

Lieber Christian Streich, freuen Sie sich, ein wandelndes Schreckgespenst für all die zu sein, die meinen, für Geld geht alles. Fußball-Bosse, Arbeitgeber, korrupte Lobbyisten.

Mit vielen Grüßen von einer SC-Freiburg-Sympathisantin, die die aktuelle Saison einfach noch genießt und sich schon aufs Mitfiebern in der nächsten Spielzeit freut!

Mondstein, am 06.05.2013
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