Fremdartige Etikette - Die Verhaltensformen asiatischer Kampfkünste

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den Sportarten, obwohl die Entstehungszeitpunkte und Ursprünge kaum verschiedener sein könnten. Hier seien ein paar der ungewöhnlichen Verhaltensweisen erklärt, welche uns Europäern seltsam und fremd erscheinen. Zugleich will ich ein paar Irrtümer ausräumen.

 

In den japanischen Sportarten ist es üblich, sich beim Betreten der Trainingshalle auf der Schwelle zu verneigen und damit den Übergang vom Alltag zum Training zu verdeutlichen. Auch werden damit die anderen Anwesenden, Schüler wie Lehrer, begrüßt und der Respekt vor dem Trainingsraum und Trainingsgeräten gezeigt.

Im Koreanischen Taekwon-Do ist es Brauch, vor und nach dem Training die Landesfahne zu begrüßen. Das ist kein extremistisches Mittel, um Soldaten über den Sportverein zu gewinnen, sondern geht auf den Fahnenappell beim Militär zurück. Taekwon-Do war lange Zeit hauptsächlich als Training für Soldaten verbreitet.

Die Begrüßung in Karate und Judo sieht so aus, dass sich alle Schüler als auch der Meister auf die Knie niederlassen und kurz meditieren. Diese Tradition soll helfen, den Geist von Alltagssorgen zu befreien und sich auf das Training zu konzentrieren. Als erfahrener Schüler nutzt man diese Minute tatsächlich aus, um seine Gedanken zu fokussieren. Die anschließende, sitzende Verbeugung bis zum Boden zeigt höchsten Respekt vor dem Meister und erfahreneren Schülern.

Der Keikogi, Gi (Karate, Judo, Aikido) oder Dobok (Taekwon-Do), also der Trainingsanzug, ist an einen japanischen traditionellen Hausanzug angelehnt. Er dient in erster Linie dem Aufnehmen und Verdunsten von Schweiß und hält den Körper, je nach Qualität und Preis, deutlich kühler als herkömmliche Sportkleidung. In den meisten Fällen ist der Gi oder Dobok weiß, kann aber auch schwarz, rot oder blau sein. Die farbliche Unterscheidung wird beispielsweise in Wettkämpfen benutzt.

Das Trainieren ohne Schuhe kommt nicht daher, dass sich Japaner und Chinesen keine Schuhe fertigen oder leisten konnten. Vielmehr liegt es daran, dass die Trainingsmatten vor über hundert Jahren aufwendig und teuer gefertigt wurden und man diese nicht unnötig beschädigen wollte. Deshalb war das Betreten mit Schuhen untersagt.

Der "Kiai" im Karate, also der Kampfschrei, ist nicht nur ein Teil bloßer Show. Er hilft dem Karateka, die zugehörige Technik mit voller Kraft und Präzision auszuführen und setzt außerdem einen besonderen Akzent bei der Ausführung vieler schneller Techniken. Das permanente "Rumbrüllen" allerdings, wie es in den sogenannten "Karate-Filmen" aus den USA üblich ist, werdet ihr in einem deutschen Dojo nicht vorfinden.

Das ununterbrochene Zerschlagen von Brettern und Steinen ist kein integraler Bestandteil des normalen Kampfsportunterrichts. Es existieren Kampfsportschulen, die auf diese zuschauerwirksamen Bruchtests spezialisiert sind, aber der Großteil deutscher Kampfsportvereine hat damit nichts zu tun. Lediglich im Taekwondo ist der sogenannte "Bruchtest" ein Bestandteil der Prüfung.

 

Ihr seht also, es gibt für alles eine Erklärung. Im östlichen Asien hat der Begriff Respekt noch eine andere Bedeutung und daher kommt ein großer Teil dieser Verhaltensmuster. Das ist allerdings nichts, wovor man sich fürchten muss und ebenso wenig etwas, worüber man lachen sollte.

Wäre es nicht manchmal schön, wenn so etwas wie Respekt vor dem Höhergestellten, zumindest im Ansatz, auch in Deutschland existieren würde?

Ninjutsu Waffentraining
Karate Kata
Taekwondo mit Vollkontakt

Taekwondo (Bild: hamburgr / Flickr)

Samurai

samurai (Bild: NERELORCO / Flickr)

Die Herkunft der Kampfkünste

Häufig kursiert der Gedanke, dass alle dieser Kampfkünste bereits über tausend Jahre praktiziert werden. Das ist allerdings nur teilweise richtig, denn einige davon sind jünger, als einige von euch glauben werden.

Als die hohe Kunst der Ninja bekannt, findet Ninjutsu seinen Ursprung im 13. Jahrhundert oder etwas früher. Hier handelt es sich jedoch nicht um eine reine Kampfkunst, sondern um eine Kombination von unbewaffneten Kampftechniken, Waffenbenutzung, Sprengstoffkunde, Verstecken, größter Disziplin und noch mehr. Die Stärke der Ninjas bestand schließlich darin, nicht enttarnt zu werden und aus allen Entfernungen im richtigen Moment tödlich zuzuschlagen. Da Ninjutsu heute, weil es überwiegend zum unbemerkten Töten nutzt und einer fast lebenslangen Ausbildung bedarf, praktisch kaum noch unterrichtet wird, werde ich hier nicht näher darauf eingehen.

Das weltbekannte Karate existiert in seiner Form seit dem 14. Jahrhundert. Damals war Okinawa eigenständig, wurde jedoch von den Samurai besetzt. In der Folge dieser Unterdrückung und des Verbots jeglicher Kampfkünste wurden die Lehren des Karate nur im Geheimen weitergegeben. Das Bild, welches die meisten von euch nun im Kopf haben, wie ein einsamer Karate-Meister gegen imaginäre Gegner kämpft, entstand daraus, dass das Wissen auf diese Art komprimiert weitergegeben wurde. Auch heute noch werden diese "Kata" gelernt und nennen sich übersetzt Formenläufe.

Ebenfalls sehr alte Wurzeln, möglicherweise in den uralten chinesischen Kampfkünsten, hat Jiu Jitsu. Irgendwann ab 1600 entstanden, stellt es die Kampfkunst der legendären Samurai dar und ist heute maßgeblich an der Entstehung vieler anderer Kampfkünste, wie Judo und Ju-Jutsu, beteiligt.

Der erfolgreichste Wettkampfsport überhaupt ist das Judo. Der Japaner Kano Jigoro entwickelte es gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Symbiose verschiedener Kampfkünste, unter anderem Karate und Jiu-Jitsu. Sein Ziel war eine neue Kampfkunst, die eine maximale Effektivität bei minimalem Kraftaufwand bewirkte.

Aus Deutschland in Deutschland ist das moderne Ju-Jutsu als Selbstverteidigung besonders stark vertreten. Es handelt sich um eine Kombination der Techniken des Aikido, Judo und Karate und wurde erst in den Sechzigern erschaffen. Ju-Jutsu ist es, was die meisten unserer Polizisten erlernen, um sich gegen etwaige Angreifer durchzusetzen.

Das Aikido wurde anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist die einzige Kampfkunst, welche nicht zum Niederstrecken des Gegners gedacht ist. Es gilt als moderne japanische Kampfkunst, weil das Ziel darin besteht, der eigentlichen Auseinandersetzung zu entgehen.

Das koreanische Taekwon-Do ist eine der jüngsten Kampfsportarten in unserer Reihe. Nach 1945 ursprünglich als "Dangsudo" von im zweiten Weltkrieg vertriebenen Koreanern nach deren Rückkehr gegründet, hat die Kampfkunst einen langen Weg der Streitigkeiten hinter sich. Ihre Entstehung aus dem Karate heraus kann jedoch mit Beweisen belegt werden.

Die Unterschiede in den Techniken

Jiu Jitsu beinhaltet unzählige Schläge, Tritte, Block- Wurf und Hebeltechniken sowie diverse Falltechniken und auch eine geistige Lehre. Kurz: Alles, was ein guter Samurai in seinem Leben lernen sollte, um sich und andere zu verteidigen, ist im Jiu Jitsu vertreten.

 

Karate ist einerseits durch die Formenläufe und auf der anderen Seite durch umfangreiche Hand-, Faust und Beintechniken bekannt. Es gibt auch einige Hebeltechniken und Würfe, diese spielen jedoch eine untergeordnete Rolle. Punkte werden im Wettkampf durch schnelle Treffer erzielt, die den Gegner allerdings nicht verletzen dürfen.

 

Im Judo dreht sich alles um das Niederstrecken des Gegners. Hebel- und Wurftechniken stehen ebenso im Fokus wie Festhaltetechniken. Das kommt daher, dass das Wettkampfziel beim Judo darin besteht, den Gegner auf die Matte zu befördern und möglichst lange dort zu halten. Hand- und Beintechniken werden nur im gegnerlosen Kampf eingesetzt.

 

Ju Jutsu beinhaltet eine Kombination von Wurf- und Haltetechniken, deren Hauptziel darin besteht, einen Gegner schadlos kampfunfähig zu machen. Die Abwehr von waffenlosen Nahkampfangriffen wird ebenso trainiert, wie die Verteidigung gegen bewaffnete Gegner. Schläge und Tritte sind ebenfalls vertreten, da sie zur Selbstverteidigung gut geeignet sind.

 

Das koreanische Taekwondo ist für seine umfangreichen Beintechniken bekannt. Mehr als alles andere wird der Fokus auf die korrekte Beinarbeit gelegt und diese ist es auch, die im Wettkampf die meisten Punkte einbringt. Das olympische Taekwondo wird als Vollkontaktkampf mit Vollschutz ausgetragen.

 

Aikido besteht fast ausschließlich aus Würfen und Haltetechniken. Das Ziel dieser Kampfkunst ist es, Gefahrensituationen fast friedlich zu entschärfen. Das soll geschehen, indem der Aikidoka den Kampf nicht durch Demonstration von brutaler Überlegenheit gewinnt, sondern durch "Gnade im Zweikampf". Die Grundidee dahinter ist, dass der Besiegte dann nicht den Wunsch der Rache verspürt.

Noch eine kleine Geschichte zum Schluss

Asiatische Kampfkünste trainieren nicht nur den Körper, sondern fördern auch die geistige Reife und ein gesundes Miteinander. Das wird an diesem Beispiel sehr deutlich.

 

Ein Freundin wollte ihre Tochter (7) zum Sport schicken und ich empfahl ihr das Kindertraining meines Karatevereins.

Die Beiden betraten, gleichermaßen unschlüssig, die Halle und wirkten von den ganzen Kindern in weißen Karateanzügen wenig angetan. Die Mutter verschwand in eine ruhige Ecke und die Tochter setzte sich gleich neben der Eingangstür an die Wand. Sie war zu schüchtern, um von selbst Kontakt aufzunehmen und wäre vermutlich wieder gegangen, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte.

Beide wussten nicht so recht, wie sie sich hier verhalten sollten. Ich wollte der Kleinen gut zureden, kam allerdings nicht dazu, ihr Mut zu machen.

Keine Minute, nachdem die Neue eingetreten war, kam ein Mädchen gleichen Alters herüber, sprach sie an "Spielst du mit uns fangen?" und das Eis war gebrochen. Die Kleine hatte innerhalb einer Minute eine neue Freundin und an diesem Tag im Training soviel Spaß, wie schon seit Wochen nicht mehr.

 

Soviel jedenfalls zum Thema Einzelkämpfer. Im Erwachsenentraining habe ich persönlich eine ähnliche Erfahrung gemacht und wurde höchst freundlich begrüßt, als ich mich zum ersten Mal ins Dojo wagte.

Falls jemand von Euch nach dieser Geschichte mit dem Gedanken spielt, einen Versuch zu wagen, ist die Ausrüstung nicht einmal teuer.

Eine kurze Zusammenfassung

Vielleicht könnt ihr nun ein wenig besser verstehen, was die Männer in den weißen Anzügen da treiben.

Nicht alles, was wir nicht kennen, muss schlecht sein.

Öffnet euch für fremde Kulturen und geht einfach einmal zum Probetraining in eurem örtlichen Verein. Ihr wärt überrascht, wie freundlich und mitfühlend Kampfsportler sind und wie respektvoll in einem Dojo oder Dojang miteinander umgegangen wird.

Besonders seltsam, wo Kampfkünstler doch durch Filme immer als brutal und rücksichtslos dargestellt werden. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus und es beginnt schon im Kindertraining, wie meine kleine Geschichte zeigt.

Überzeugt euch einfach selbst und geht zum Training!

Autor seit 5 Monaten
7 Seiten
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