Das Milla-Jovovich-Syndrom

Kennen Sie den schon? Dreht Paul W. S. Anderson einen spannenden Film … leider geht die Pointe auf Kosten bösartiger Pseudo-Filmkritiker wie meine Wenigkeit. Aber was ich erwarte ich auch einen überraschend gut inszenierten, packenden Streifen von einem Regisseur, dessen herausragende Leistung darin besteht, mit Milla Jovovich verheiratet zu sein, deren Markenzeichen es ist, in den meisten Filmen ihres Göttergatten in mindestens einer Szene nackt aufzutreten. Ich bin kein Psychologe, obwohl ich einen bräuchte, aber weiß zufälligerweise jemand, ob es ein umgekehrtes Voyeur-Syndrom gibt? Eines, bei dem man Lust aus der erregenden Vorstellung daraus gewinnt, dass sich Millionen Männer an der eigenen Gattin begeilen? Nein? Dann möchte ich es hiermit offiziell "Milla-Jovovich-Syndrom" benennen. Sollten Sie, werter Leser, eine Frau besitzen (als Dauersingle nehme ich an, dass Frauen wie Autos gekauft werden - das ist doch hoffentlich richtig, ja?) und genannte Anzeichen bei sich feststellen, kontaktieren Sie mich bitte. Sie schulden mir nämlich Lizenzgebüren und wollen doch schließlich nicht als Raubsyndromkopierer da stehen, oder?

Doch zurück zum Wesentlichen. "Pompeii" ist ein Film. Mit teilweise echten Schauspielern besetzt. Für viel Geld gedreht. Lief im Kino. Viel mehr lässt sich eigentlich nicht darüber schreiben. Na, vielleicht doch. Es muss ja einen Grund dafür geben, warum Frauen bei mir gar nicht erst zu Wort kommen.

Pompeii sehen und sterben

Wir schreiben das Jahr 62. Ganz Britannien ist von Römern besetzt. Ganz Britannien? Nein! Ein von unbeugsamen Kelten bevölkertes Dorf leistet den Eindringlingen erfolgreich Widerstand und … wird hingemetzelt, nachdem es sich um keinen "Asterix"-Comic handelt. Vor den Augen des jungen Jungen Milo (Kit Harington) werden seine Eltern auf Geheiß des Tribuns (lateinisch für: Arschloch) Corvus (Kiefer Sutherland) ermordet. Milo selbst überlebt wie durch ein Drehbuch-Wunder. Doch wenig später wird er von Sklavenhändlern aufgegriffen, im Abendkurs zum Gladiator ausgebildet und zum Behufe des Praxissammelns nach Pompeii geschickt.

Auf dem Wege zum örtlichen Mord-und-Totschlag-Zentrum werden die Gladiatoren Zeuge eines Kutschenunglücks: Eines der Pferde hat einen Platten und muss entsorgt werden. Eine der Inass_*Innen der Kutsche, die ebenso schöne, wie hübsche Cassia (Emily Browning), ist darob entsetzt, ebenso wie Pferdeflüsterer Milo, der zwar keine Probleme mit dem Zerschnetzeln seiner Opponenten hat, aber Pferde einfach nicht leiden sehen kann. Einfühlsam bricht er dem Tier das Genick, und damit auch das Herz der gleichsam attraktiven, wie bezaubernden Cassia (immer noch Emily Browning).

"Falscher Alarm! Mir geht´s gut ...

"Falscher Alarm! Mir geht´s gut, ehrlich! Gebt mir nur eine kurze Verschnaufpause ..." (Bild: https://pixabay.com)

Vielleicht war das Pferd zu diesem Zeitpunkt auch bereits tot – eingeschläfert von Kit Harington tödlich langweiligem Lustlosspiel. Es hilft alles nichts: Milo muss trotzdem zurück an die Schulbank. An die Gladiatorenschule. Nicht für die Schule, für die Todesarena leben wir – die Rotgebleichten grüßen dich, Häuptling! Wie es das Schicksal und lahmes Drehbuchschreiben wollen, soll Milos nächster Kampf ausgerechnet zu Ehren des Severus stattfinden, der rein absichtlicherweise Vater der ebenso betörenden, wie liebreizenden Cassia (Megan Fox) ist. O Dramaqueen: Cassia (Emily Blunt mit Pamela Andersons Milchtüten als Leihgabe) erfährt, dass sie den ebenso bösartigen, wie fiesen Corvus (David Hasselhoff) ehelichen soll.

Das heißt, muss, da dieser ihre ebenso mütterlichen, wie väterlichen Eltern erpresst. Milo (Vin Dusel in seiner schmierigsten Rolle) ist ebenso entsetzt, wie schockiert, und verhilft Cassia (Claudia Roth) zur kurzzeitigen Flucht. Darüber kann Corvus (Bums-bums-Boris, der endlich sein coming out of the klosett hat) gar nicht lachen, und nachdem die frisch Geflüchteten wieder eingefangen wurden, erleidet Milo (der alte Holzmichel, der Gerüchten Lügen straft, er würde nicht mehr leben) ein Peitschenschlagsyndrom und muss zurück in die Gladiatorenschule. Von wegen: "Nie mehr Gladiatorenschule!".

Im Gegentum: Der ebenso gekieferte, wie hölzerne Corvus (Till Schweiger) beweist römischen Humor (legendär der lustige Streich, sechstausend Überlebende des Dritten Sklavenaufstands entlang der Via Appia zu kreuzigen, obwohl die Ampeln auf Rot standen) und lässt die Schlacht gegen die Kelten in der Arena von Laiendarstellern nachstellen, darunter auch Milo (Oliver Onion).

 

Wird der tapfer jegliche Schauspielkunst bekämpfende Kit Harrington (Donald Trump) diese Infamie überleben? Wie nehmen die Eltern des getöteten Pferdes die Kunde vom tragischen Ableben ihres Sohnes (er hatte doch noch so viel vor! Tonnen an Hafer fressen, sich die Hufeisen abstoßen, blöde in die Gegend starren, Black, pardon: Afro-American Beauty bespringen) auf? Bricht der Vesuv ob des jämmerlichen Spektakels gar nicht aus, sondern kotzt nur besonders große Klümpchen?

So viele offene Fragen, deren Antworten natürlich nicht gespoilert werden sollen! Ich bin ja ernsthafter Filmkritiker und möchte natürlich, dass sich jeder selbst ein Bild von den präsentierten Kunstwerken macht.

Wegen Verstoßes gegen das Rauchverbot musste der Vulkan 50 Euro ausspucken (Bild: https://pixabay.com/)

Immer feste Milla Jovovich nageln

Laut der Klatsch-Postille "Wikipedia" fügte Paul Anderson seinem Namen die Initialen W. und S. hinzu, um nicht mit Paul Thomas Anderson verwechselt zu werden. Um einen meiner kruden, delphinverachtenden Vergleiche zu bringen: Das ist ungefähr so, als würde sich Kiefer Sutherlands Vater Donald einen Mittelnamen einfallen lassen, da er fürchtete, für Ronald McDonald gehalten zu werden. Man könnte es auch weniger schmeichelhaft umschreiben: Der eine Paul Anderson dreht sehenswerte Filme wie "Boogie Nights", die Kritiker wie Publikum gleichermaßen verwöhnen. Der andere Paul Anderson, der mit den Initialen von Wesley Snipes, macht Filme, bei denen das höchste Lob lautet: "Ich bedanke mich bei meinem Magen, dass er bis zum Schluss tapfer durchgehalten hat."

Mit der Computerspielverfilmung "Resident Evil" startete der Brite 2002 so richtig durch. Leider, möchte man fast hinzufügen, denn seither vergreift er sich an allem, was nicht niet- und nagelfest ist. Milla Jovovich zum Beispiel, die er offenbar fest genagelt hat. Immerhin hat das ungleiche Paar – sie: wunderschön und charismatisch, er: attraktiv und charismatisch wie ein Sack fauliger Kartoffeln – zwei Töchter, die hoffentlich sowohl optisch, als auch in Punkto Talent der Frau Mama nachgeraten. "Resident Evil 22" dürfte damit gesichert sein. Ab und an scheint sich Anderson angesichts des repetitiven "Resident Evil"-Schwachsinns selber zu langweilen. Dann dürfte er mit dem Finger über den cineastischen Globus wandern und sich vornehmen, jenen Film, auf den sein Finger gerate zeigt, einer Modernisierung zu unterziehen. Und mit "Modernisierung" meine ich: Arrogante, fettärschige Kritiker wie mich zum Haare ausraufen bringen.

Vorbildlicher Arbeitnehmer: Trotz ...

Vorbildlicher Arbeitnehmer: Trotz Grips an Arm und Bein steht der Gladiator wieder in der Arena, anstatt die Krankenkassen zu belasten (Bild: https://pixabay.com)

Dummerweise verblieben mir nach Andersons Travestie "Alien vs. Predator" keine Haare mehr auf dem Kopf, sodass hernach die Sackhaare dran glauben mussten.

Und dann kam "Pompeii" … lasst es mich so ausdrücken: Die junge Dame in der Reihe vor mir hatte kein Verständnis für jene Notlage, die mich zur Enthaarung ihres einst prächtigen Mähne zwang. Aber das war's mir wert, denn: Mit "Pompeii" setzt Anderson seinen Kreuzzug gegen spannende, unterhaltsame Mainstreamfilme auf eine Weise fort, bei der selbst Gottfried von Bouillon, bekannt für die diplomatische Einnahme Jerusalems, zur Räson aufriefe. O Anderson, Mister Anderson!

Emily Lolita Browning

Ein bisschen tut mir ja Emily Browning leid, die sich vom Image der hilflos den Männern ausgesetzten Kindfrau-Lolita aus "Sucker Punch" lösen wollte, in dem sie eine römische, hilflos den Männern ausgelieferte Kindfrau verkörpert. Mein Rat wäre, sich einen neuen Agenten zu suchen. Ich hätte gerade Zeit, Emily. Ach ja, "Pompeii" … was könnte man aus diesem tragischen Stoff nicht alles herausholen! Stattdessen wirkt der Film so, als hätte sich Paul Winnie the Poo Anderson gedacht: "Was Ridley Scott mit "Gladiator" schaffte, das kann ich auch!"

Kinderspiel, hat er doch bereits mit "Alien vs. Predator" bewiesen, dass er eine miese Scott-Kopie zu ziehen imstande ist. Entsprechend öde und abgedroschen sieht "Pompeii" aus: Kein einziger origineller Gedanke, Dialoge auf dem Niveau einer 12-Jährigen, die Dank "Twilight" gerade ihre schwülstige Phase hat, die ihr nach drei Jahren peinlich sein wird, mediokre Spezialeffekte, Kiefer Sutherland in einer Identitätskrise der Marke: "Ich soll wie üblich ein Arschloch spielen, habe aber gerade keine Lust dazu."

"Tragisch: Junge Frau (24) ...

"Tragisch: Junge Frau (24) verwechselte Zumba-Trainer mit Zombie-Trainer" (Bild: https://pixabay.com)

Gladiator war ein guter Film ... den zitier ich doch mal ganz dreist!

Wie schamlos "Gladiator" zitiert wird, zeigt sich insbesondere in der Arena. Wie weiland "Rom gegen die Barbaren Karthagos", tritt Team Rom gegen Team Celts an – und verliert entgegen den Erwartungen des Unparteiischen Alleinherrschers. Ja, da könnte nicht einmal ein Schweizer Ballsportpräsident rettend eingreifen. Genauso wenig wie bei der, hüstel, Romanze zwischen Cassia und Milo. Einem verletzten Pferd das Genick zu brechen gilt als romantischer Akt. Aha. Nun würde mich interessieren, wie Mr. Anderson das Interesse von Milla Jovovich gewann. Allerdings möchte ich hierzu keine Vermutungen anstellen, da Pagewizz auch von Kindern unter 30 Jahren besucht wird.

Und ich weiß nicht, ob es jemandem aufgefallen ist, aber "Milo" klingt verdächtig nach "Milla" – so groß scheint Andersons Sehnsucht nach seiner Göttergattin zu sein, dass er selbst einen männlichen Protagonisten mehr oder weniger nach ihr benennt, wenn er sie mal nicht die Hauptrolle übernehmen lässt. Wieso spielte Milla eigentlich nicht mit? Sie hätte doch so schön in slowmo die Asche aus dem Vulkan prügeln können! Was allemal unterhaltsamer als dieser Schmu gewesen wäre. Bis zum Vulkanausbruch dreht sich das gesamte Geschehen um die sterilen Arenakämpfe sowie die lähmend langweilige Romanze. Erst als – SPOILER! - der Vesuv sich denkt: "Ich kann dieses Gesülze nicht mehr ertragen! Lava marsch!", kehrt ein bisschen Schwung in die lahme Bude ein. In diesen Szenen zelebriert Anderson das, was er am besten kann: Sich selbst rausnehmen und den Schießbudenzauber den CGI-Tüftlern überlassen. Ob der Vulkan gewinnt oder es ein Happyend gibt, wird natürlich nicht verraten.

Paul W. S. Andersons Betablockbuster

Gewiss: Ein episches Meisterwerk durfte man vom Erfinder des "ich ändere die Regeln in jedem Resident-Evil-Film ab, merkt ohnehin keine Sau"-Betablockerbusters klarerweise nicht erwarten. Wie man aus diesem tragischen Stoff für 100 Millionen Dollar einen gleichermaßen inhaltlich, wie emotional komplett entleerten Dauerbelanglosstreifen produzieren konnte, grenzt an Publikumsverhöhnung. Immerhin: In den Kinos war "Pompeii" kein großer Erfolg beschieden, was aber keine Rolle spielt, nachdem der nächste "Resident Evil"-Film in den Startlöchern scharrt wie Listenkandidaten auf ihren Platz an den Futtertrögen der Macht.

Dennoch würde ich Paul Winston Smith Anderson gerne persönlich dazu befragen, warum er offenbar null Ehrgeiz besitzt, einen guten Film zu machen. Das ist ja weder eine Schande, noch unverständlich, wenn man sich trashiger Vorlagen bedient. Doch ab und an verlässt Anderson seine Komfortzone und nimmt sich prestigeträchtiger Vorlagen an, 2011 etwa den "Drei Musketieren". Warum auch nicht? Alexandre Dumas schrieb ja quasi die Vorstudie zu "Resident Evil", nachdem in beiden Werken gekämpft wird.

"Kameraden: Ich fürchte, wir sind ...

"Kameraden: Ich fürchte, wir sind nicht zweitausend Stadien weit, sondern zweitausend Jahre lang marschiert" (Bild: https://pixabay.com)

Und wer mit "Alien vs. Predator" zwei der beliebtesten Horrorfilmfiguren kongenial in einem einzigen Film verschmolzen hat, wer die "Drei Musketiere" einer längst notwendigen Frischkäsekur unterzogen hat, der muss sich vor der Verfilmung von einer der berühmtesten Naturkatastrophen neben Angela Merkels Abschaffung von Grenzen und gesundem Menschenverstand nicht fürchten. Schließlich will der Zuschauer nicht mit interessanten Dialogen oder fesselnden Handlungen unterhalten werden. Ich finde es überaus angenehm, jederzeit auf die Toilette oder auf einen Hot Dog gehen zu können, ohne irgendwas Relevantes im Film zu versäumen. Wie anstrengend sind doch Filme, bei denen man sich zwei Stunden lang konzentrieren muss. Paul W. S. Anderson ist der ideale Regisseur für die Generation ich-geh-Döner: Anstrengendes, belastendes Vorwissen ist ebenso wenig vonnöten wie eine Konzentrationsspanne von mehr als zwei Sekunden. So kohärentes Zeug mit warum jetzt was passiert, ist voll 1990, ey! You won't fool the children of the devolution.

Fazit: "Pompeii" geht wohl als Film durch, weil Dinge passieren und Schauspieler auftreten. Wer sich ein packendes, emotional berührendes Drama rund um eine erschütternde Tragödie erwartete, dürfte Paul W. S. Anderson mit einem richtigen Regisseur verwechselt haben. Vielleicht sollte er noch "director" zwischen seine Initialen quetschen, um Restzweifel auszuräumen. Man sieht sich beim nächsten "Resident Eviel"-Nacktauftritt Ihrer Frau, Mr. Anderson.

Autor seit 6 Jahren
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