Die ursprüngliche Phillips-Kurve - Lohnsteigerung - Arbeitslosigkeit

Professor Phillips veröffentlichte 1958 den von ihm erkannten Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen. Dieser war zwar schon zuvor von Irvin Fisher entdeckt worden, verursachte aber erst mit Phillips Veröffentlichung Wellen in Politik und Wissenschaft. Statistischen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg zeigten, dass eine negative Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen existierte.

Das bedeutet:

  • Hohe Lohnsteigerungen: Niedrige Arbeitslosigkeit
  • Hohe Arbeitslosigkeit: Niedrige Lohnsteigerungen

 

Seiner Interpretation nach war die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer oder ihrer Vertreter der ausschlaggebende Punkt des beobachteten Zusammenhangs. Ist die Arbeitslosigkeit niedrig, neue Arbeiter also schwer zu bekommen, so muss ein Arbeitgeber tief in die Tasche greifen, um einen neuen Arbeiter für sich gewinnen zu können und alte dauerhaft an sich zu binden. Die Verhandlungsmacht des Arbeiters steigt, desto "knapper" er ist. Bei niedriger Arbeitslosigkeit kann er bessere Lohnabschlüsse aushandeln. Die Lohnsteigerungen fallen folglich höher aus, weil am Arbeitsmarkt eine Übernachfrage nach Arbeitern existiert. Dasselbe gilt mit umgekehrten Vorzeichen in einer Situation, in der die Arbeitslosigkeit hoch ist und das Unternehmen sich frei aussuchen kann, wen es anstellen möchte. Viele Arbeiter konkurrieren um wenige Jobs und müssen daher Einbußen in den Lohnverhandlungen eingehen.

Die veränderte Phillips-Kurve - Inflation - Arbeitslosigkeit

Der makroökonomischen Theorie zu Folge besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Lohnsteigerungen und Preissteigerungen. Lohnsteigerungen, die über Produktivitätssteigerungen der angestellten Arbeiter hinausgehen, werden von Unternehmen in Form von höheren Preisen an den Kunden weitergegeben. Denn für das Unternehmen sind sie gestiegene Kosten, die nicht durch interne Verbesserungen ausgeglichen werden können. Um zur Preissteigerung zu gelangen muss also nur die Produktivitätssteigerung von der Lohnsteigerung abgezogen werden und schon gelangt man zu einer Theorie über den Zusammenhang von Inflation und Arbeitslosigkeit:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Diese Theorie fand sofort große Anhänger in der Politik. Es wurde ein einfach zu verstehender Zusammenhang beschrieben, der außerdem ein in der Theorie bis dato fehlendes Glied zwischen Preis- und Mengenveränderungen anbieten konnte. In der Wissenschaft gelangte er zu großer Beliebtheit, weil sich damit erstmals detaillierte Inflationstheorien entwickeln ließen. Auf diesen Aspekt soll hier jedoch nicht weiter eingegangen werden. Die Politik leitete aus der modifizierten Phillips-Kurve eine Rechtfertigung ab in die Wirtschaft durch Geld- und Fiskalpolitik eingreifen zu dürfen. Es lag nun in der Macht der Politiker für Vollbeschäftigung oder Preisstabilität zu sorgen. Mit den Veränderungen durch Samulson und Sollow eröffnete sich ein "Menu of Choice". Wie auf einer Speisekarte konnte man auswählen wie viel Arbeitslosigkeit und wie viel Inflation man haben möchte.

Ein Satz Helmut Schmidts erlangte in diesem Kontext Berühmtheit und wird bis heute selbst in amerikanischen Lehrbüchern zitiert: "Mir scheint, dass das Deutsche Volk – zugespitzt – 5% Preisanstieg eher vertragen kann, als 5% Arbeitslosigkeit" - Lieber 5% Inflation als 5% Arbeitslosigkeit.

Die Politik war nur durch die Position der Kurve in ihrem Handeln begrenzt: Wie viel Inflation man durch eine Veränderung in der Arbeitslosigkeit erkaufen musste. Die Politik stand von da an in der Pflicht ins Wirtschaftsgeschehen pro Preisstabilität oder pro Vollbeschäftigung einzugreifen.

Stagflation

Die Realität jedoch erwies sich als komplexer als angenommen.

Es kam zu hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation zur gleichen Zeit. Dieses Phänomen wird als Stagflation bezeichnet. Als Erklärung wird genannt, dass die oben dargestellte Kurve sich nach oben verschoben habe. Neue Theorien wurden entwickelt. Auf die keynsianische Revolution folgte die monetaristische Konterrevolution. Zukunftserwartungen wurden in das Modell eingeführt und drehten das Bild. Am Ende der Entwicklung wurde sogar die komplette Wirkungslosigkeit von Wirtschaftspolitik postuliert. Aus einer Theorie, die von Politikern als Rechtfertigung für aktive Wirtschaftspolitik herangezogen wurde, entwickelte sich eine Theorie, die jedes Eingreifen von Politik als wirkungslos betrachtete.

Erwartungen - Der Wendepunkt in der Kontroverse

Milton Friedman war der erste, der Erwartungen in das Modell einführte. Er ging von adaptiven Erwartungen aus, d.h. die Menschen lernen aus Erfahrungen der Vergangenheit. In Friedmans Welt existiert nur freiwillige Arbeitslosigkeit. Desto niedriger der Lohn, desto geringer meine Bereitschaft zu arbeiten. Wie bereits dargestellt bestand im ursprünglichen Modell ein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen. In der Weiterentwicklung wirken sich diese Lohnsteigerungen schließlich auf Preissteigerungen (Inflation) aus. Aus all diesem kreierte Friedman die Vorhersage, dass die Phillips-Kurve nur für eine begrenzte Zeit funktionieren würde: Nach kurzer Zeit würden die Arbeiter erkennen, dass sie betrogen wurden. Die Lohnsteigerungen, die sie für ihre Mehrarbeit (=weniger Arbeitslosigkeit) erhalten, werden von Inflation wieder aufgefressen. Sie wären folglich nicht mehr bereit mehr zu arbeiten, die Arbeitslosigkeit steigt auf ihr altes Niveau. Die Inflation aber bleibt bestehen!

  • Wirtschaftspolitik => höhere Löhne => niedrigere Arbeitslosigkeit
  • Wirtschaftspolitik => niedrigere Arbeitslosigkeit => höhere Inflation
  • Lohnsteigerungen werden von Inflation "gefressen" => Arbeitslosigkeit steigt wieder
  • Fazit: Arbeitslosigkeit bleibt langfristig dieselbe, Inflation aber steigt immer weiter

Jedes Mal, wenn die Bürger den "Betrug" bemerken, müssten die Politiker auf ein Neues entgegensteuern und neues Geld ausgeben, um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Da die Bürger jedoch aus der Vergangenheit gelernt haben, müsste die Politik jedes Mal etwas mehr Anstrengung investieren/die Bürger mit ihrer Politik überraschen, anderenfalls funktionieren ihre Maßnahmen nicht einmal auf begrenzte Zeit.

 

Noch radikaler war Robert Lucas. Er entwickelte die sehr umstrittene Idee rationaler Erwartungen. Bei rationalen Erwartungen lernt der Bürger nicht nur aus der Vergangenheit und leitet davon Zukunftserwartungen ab, er begreift das System an sich und antizipiert ausgehend von seinem Wissen die Zukunft. Nur äußere Einflüsse, die nicht vom Modell erklärt werden können, wie Kriege oder Naturkatastrophen, könnten zu einer falschen Zukunftseinschätzung führen. Da der Bürger das Modell kennt, würde er schon zu Beginn vorhersagen, dass durch die Lohnsteigerungen Inflation entsteht, und gar nicht erst mehr arbeiten wollen.  Die Wirtschaftspolitik würde schon gleich zu Anfang versagen. Die Arbeitslosigkeit bliebe unverändert und man spränge direkt zu höherer Inflation. Eine Phillips-Kurve existiert in dieser Gedankenwelt nicht mehr. Sobald die Menschen die Vorhersagen der Phillips-Kurve kennen, würde sie aufhören zu existieren. Denn die Menschen würden sich rational vor jeder Entscheidung die Phillips-Kurve und ihre Implikationen betrachten und durchrechnen, was für sie am Ende dabei herauskommt. Wirtschaftspolitik könnte keinen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit nehmen. Einziges verbliebenes Ziel der Wirtschaftspolitik wäre die Sicherung von Preisstabilität. Denn sie ließe sich mit rationalen Erwartungen sogar einfacher erreichen, in dem glaubwürdig niedrige Inflation zum Ziel gesetzt wird. Ist die Zielsetzung glaubwürdig, würde der rationale Bürger alle notwendigen Maßnahmen antizipieren, sein Verhalten entsprechend der Antizipation verändern und die Wirtschaft könnte direkt zu einer niedrigeren Inflation übergehen, ohne wie bei der Phillips-Kurve höhere Arbeitslosigkeit  ertragen zu müssen.

Autor seit 4 Jahren
13 Seiten
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