Polygamie in der Gesellschaft - Der Kampf um ein Gesetz

Unsere westliche Gesellschaft ist auf Monogamie als Familienmodell aufgebaut. Jede Form der Polygamie ist in Deutschland gesetzlich verboten, gemäß § 1306 BGB, und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden. Als Polygamie wird der Zustand der Vielehe bezeichnet, also wenn jemand mehr als einen Ehepartner hat. Geht man die Ehe mit nur zwei Partnern ein, nennt man das Bigamie (Doppelehe).

Automatisch gehen die Gedanken zu islamischen Verhältnissen, wo Vielweiberei (Polygynie) gang und gäbe ist. Und wo Frauen meist eine untergeordnete Rolle spielen in der Gesellschaft. Jedoch war Polygamie auch im Mormonentum fest verankert bis sie im Jahre 1890 abgeschafft wurde. Einige wenige fundamentalistische Glaubensgemeinden im Westen der USA, in Mexiko und in Kanada halten jedoch an der Polygamie als Lebensform fest.

Eine dieser Randgruppen ist die fundamentalist mormonische Gemeinde im Südwesten der kanadischen Provinz Britisch Kolumbien. Die Gemeinde gehört der Sekte der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage an (auf Englisch: Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, kurz FLDS Kirche) und glaubt, dass Polygamie ihnen einen Platz im Himmel sichert.

Die Bountiful-Gemeinde ist seit einiger Zeit in den medialen Vordergrund gerückt. Der Grund ist eine grundlegende Gerichtsverhandlung, die ein kanadisches Gesetz in Frage stellt, welches Polygamie strafbar macht. Nach diesem Gesetz kann Polygamie mit 5 Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Die Gerichtsverhandlung befasst sich mit der Frage, ob das Anti-Polygamie Gesetz verfassungswidrig ist, da es das Recht auf Religionsfreiheit beschneidet.

Der Prozess - Polygamie im Gerichtssaal

Die Staatsanwaltschaft befürwortet das Anti-Polygamie Gesetz in seiner jetzigen Form. Polygamie sei in sich eine Lebensweise, die Kindesmißhandlung, Zwangsehen und sexuellen Mißbrauch fördert. Sie sei eine Bedrohung der westlichen Gesellschaft, da junge Mädchen früh an wenige, meist ältere Männer verheiratet werden. Junge Männer werden aus der Gemeinschaft verbannt und der Frauenhandel blüht.

Die Gegenseite argumentiert, dass es bereits Gesetze gegen diese Art von Gewalttaten gibt. Das Anti-Polygamie Gesetz kriminalisiere jedoch die angeblichen Opfer der Vielehen, die Frauen, ebenso wie die Männer, die sich bis zu 20 Frauen nehmen. Polygamie selbst sei nicht die Ursache des Mißbrauches, was durch viele glückliche polygame Familien belegt werde. Außerdem sei das Gesetz nicht vereinbar mit dem Grundgesetz mit Hinblick auf das Recht auf Assoziation, Religionsfreiheit und Glaubensfreiheit.

Wer hat nun Recht? In dem Prozess wurden viele Interessensgemeinschaften angehört, unter anderem auch Frauen und Männer, die in den polygamen Verhältnissen der Siedlung Bountiful leben oder gelebt haben. Die gehörten Geschichten reichen von grauenvoll bis glückselig.

Da gibt es junge Männer, die von sexuellem Mißbrauch im Alter von 5 Jahren erzählen. Frauen, die mit 14 bereits verheiratet werden mit Männern, die dreimal so alt sind. Sogar ein 12-jähriges Mädchen wurde laut Gerichtsunterlagen an einen amerikanischen Polygamisten verheiratet. Teenager Schwangerschaften sind an der Tagesordnung. Die Schulausbildung wird dann oft nicht beendet, was die Abhängigkeit der jungen Frauen vergrößert. Mädchen und Frauen sind den Männern Gehorsam schuldig. Und all das im Namen des Glaubens, denn nur wer ein polygames Familienleben führt, wird im Himmel aufgenommen.

Andere Frauen wieder erzählen von der großartigen Verbindung und Nähe, die sie innerhalb der Familie fühlen. Der Fürsorge, die sie von ihrem Ehemann erfahren. Familien mit 30 und mehr Kindern, die zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Einige der Frauen haben eine Ausbildung außerhalb der Gemeinde erhalten. Mädchen könnten die Ehe verweigern. Auch werden Mädchen unter 18 Jahren angeblich nicht mehr verheiratet in der Gemeinde. Die Frauen versichern, sie seien keine Opfer. Die schlimmste Erfahrung für sie sei dagegen die konstante Bedrohung durch das Gesetz. Denn wenn Kindesmißhandlung oder sexueller Mißbrauch im Einzelfall vorkommt, könnten sie sich nicht für Hilfe an die Behörden wenden. Sie sind ja der Polygamie schuldig und haben sich damit selbst strafbar gemacht.

Auch wird das Anti-Polygamie Gesetz mit dem Anti-Schwulengesetz verglichen, welches Homosexualität früher kriminalisierte. Das Anti-Schwulengesetz wurde 1969 abgeschafft und in vielen kanadischen Provinzen ist die gleichgeschlechtliche Ehe seit der Jahrhundertwende legalisiert worden. Die Anwälte argumentieren, dass Homosexuelle diskriminiert wurden und sich verstecken mussten, bevor das Gesetz abgeschafft wurde. Erst dann konnten sie ein lebenswürdiges Dasein führen. Das gleiche Schicksal sollte nun Polygamisten vergönnt sein.

Abstimmung – Polygamie legalisieren?

Polygamie in Deutschland - Wünschenswert oder nicht?

In Deutschland hat man es in der Regel weniger mit mormonischen als mit islamischen Randgruppen und der damit einhergehenden Polygamie zu tun. Doch auch manche Deutsche mit keinerlei Bindung zu einer der Polygamie zugeneigten Religion oder Herkunft würden sich eine Legalisierung der Vielehe wünschen. Es wird ja oft betont, dass Männer von Natur aus eher interessiert sind, mit mehreren Frauen intim zu sein. Die Theorie besagt, dass Frauen dagegen mehr an einer monogamen Lebensweise festhalten würden. Ganz sicher hat jeder so seine eigene Meinung zu diesen Ausführungen, die häufig von Männern angebracht werden. Belassen wir es hier dabei.

Jedoch gibt es auch gesellschaftliche Auswirkungen der Polygamie zu bedenken. Eine wurde bereits angesprochen: ein Ungleichgewicht der Geschlechter, wenn wenige Männer viele Frauen heiraten und dadurch andere frauenlos bleiben. Dies kann zu sozialer Ausgrenzung führen oder auch zu gewalttätigem Verhalten und Vergewaltigungen. Klar, das scheint ein sehr vereinfachtes Konzept zu sein. In China und Indien wird diese Tendenz jedoch bereits festgestellt, hier allerdings wegen den häufig praktizierten geschlechtsselektiven Schwangerschaftsabbrüchen. Auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau muss bedacht werden. Natürlich, wenn Polygamie erlaubt wäre, könnten sich auch Frauen mehrere Männer nehmen (Polyandrie).

Auch die finanziellen Belastungen sollten berücksichtigt werden. Wer mehrere Frauen hat und mit diesen jeweils mehrere Kinder zeugt, lebt ein teures Leben. Ob ein Mann den finanziellen Bedürfnissen dieser Situation immer gerecht werden kann, ist zumindest fragwürdig. Werden dann die staatlichen Sozialleistungen vermehrt in Anspruch genommen, sind die Steuerzahler wieder mal gefragt. Die steuerlichen Vorteile von Ehegatten würden sich auβerdem für Polygamisten vervielfachen.

Die deutschen Behörden haben jedoch auch schon in Einzelfällen für die Polygamie entschieden. Im Falle eines irakischen Einwanderers, der im Heimatland mit zwei Ehefrauen verheiratet war, hat die deutsche Ausländerbehörde sich für eine Aufenthaltserlaubnis beider Ehefrauen ausgesprochen, obwohl das Ehegattenprivileg laut deutschem Recht nur auf eine Ehefrau zutrifft [Quelle: Wikipedia Polygamie Artikel]. Entscheidungen dieser Art sind sehr umstritten bei Politikern und Medien.

Kanadier, am 19.04.2011
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