Jeder kennt das: Irgendetwas ärgert einen, der Partner nervt oder die Situation am Arbeitsplatz belastet. Unmut und Wut stauen sich auf. Und irgendwann platzt einem der Kragen. Man rastet aus. Oft an der falschen Stelle. Und gegenüber den falschen Leuten. Für andere sind diese Reaktionen dann überhaupt nicht nachvollziehbar.

Zweite Möglichkeit: Natürlich lässt sich ein Unbehagen für eine gewisse Zeit zur Seite schieben. Doch auf Dauer bleibt das nicht ohne Folgen. Denn unterdrückte Gefühle schaffen es immer, sich einen Weg nach außen zu bahnen. Und wenn sie in Form von  Magenbeschwerden, Depressionen oder Suchtkrankheiten daherkommen. 

"Die Depression ist eine Aggressionskrankheit"

"Aus Angst, dass sich die Beziehung (zu ihrem Partner) weiter verschlechtern könnte, stecken Frauen oft Zurück und sagen nicht, wenn sie verletzt oder wütend sind. Damit machen sie ihre Situation noch schlimmer, weil die Wut bei ihnen bleibt. Die Depression ist auch eine Aggressionskrankheit. Es geht um die Aggression, die nicht gezeigt wird."

Ursula Nuber, Diplompsychologin, Psychoherapeutin und stellvertretende Chefredakteurin des Magazins "Psychologie heute" im Gespräch mit der Badischen Zeitung (Ausgabe vom 7. September 2012). Das vollständige Interview finden Sie hier.

Die Psychotherapeutin Diana Beata Balkhausen erzählt in ihrem Ratgeber "Ärger Wut, Ohnmacht" von Menschen, die unter verdrängten negativen Gefühlen leiden – oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Und sie lenkt den Blick darauf, dass die ach so negativen Gefühle durchaus positive Seiten haben.

Ihnen kommt eine wichtige Funktion zu. Denn sie geben Signale, wo etwas in der Beziehung zu anderen nicht stimmt. Sie können als Schlüssel genutzt werden, um Belastendes anzugehen und die eigene Beziehung zu anderen zu klären. Diana Beata Balkhausen nennt diese konstruktive Herangehensweise den "versöhnlichen Umgang mit ungeliebten Gefühlen". 

 

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Doch Gefühle wie Wut und Ohnmacht bewusst anzugehen, fällt schwer. Die Autorin liefert auch eine Erklärung, warum es in unserer Gesellschaft so schwer fällt, einen adäquaten Umgang mit Aggressionen zu finden. Denn solche ungeliebten Gefühle sind bei uns eindeutig negativ bewertet – und sie werden sanktioniert. Wer aggressiv ist, gilt als unbeherrscht und uncool. Wer auf andere sauer ist, bekommt ein schlechtes Gewissen, negativ über seine Mitmenschen zu denken. Das Ergebnis: Ärger, Wut und Aggressionen werden lieber verdrängt statt von allen Seiten aufmerksam beleuchtet.

Diana Beate Balkhausen zeigt in ihrem Ratgeber eindrücklich, warum Aggressionen ein wichtiger Bestandteil der eigenen Entwicklung sind. Das fängt schon bei kleinen Kindern an, die sich ärgern, wenn sie krabbelnd ihr Ziel nicht erreichen. Dieser Frust setzt jedoch ungeahnte Kräfte frei, es auf andere Weise zu versuchen. Eltern tun deswegen gut daran, in solchen Situationen das Gequengel der Kleinen einfach für eine Weile auszuhalten. 

Auch bei Erwachsenen können sich aggressive Gefühle als hilfreiches Signal erweisen, wenn sie frühzeitig ernst genommen und aufgegriffen werden. Es gilt auszuloten, worin der Ärger begründet ist. Ist es der Vorgesetzte am Arbeitsplatz, der die eigene Arbeit nicht genügend schätzt? Oder sind es Unzufriedenheiten mit dem Partner, aus welchen Gründe auch immer? Oder resultieren eigene Aggressionen aus weit zurückliegenden Erfahrungen von Missbrauch, Krieg und Gewalt? Es lohnt sich, seinen unguten Gefühlen in aller Ruhe nachzugehen. Wenn man alleine nicht weiterkommt, auch mit therapeutischer Hilfe. Nur so lässt sich das positive Potenzial von Aggressionen nutzen. 

Der Ratgeber belässt es nicht bei theoretischen Überlegungen. In einem abschließenden Kapitel stellt die Autorin Übungen vor, wie man den eigenen Gefühlen besser auf die Spur kommt. Wut lässt sich oft direkt am eigenen Körper wahrnehmen. Auch kreative Methoden helfen, Gefühle auszudrücken. Allerdings werden diese Wege nur skizziert.

Fazit: ein ermutigendes Buch

Die gute Seite vermeintlich negativer Gefühle zu sehen, das ist der Clou des Ratgebers von Diana Beata Balkhausen. Das Buch ermutigt, eigenen Ärger und aggressive Gefühle mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten. Nach dem Lesen kommt man fast nicht umhin, sein eigenes Genervtsein schneller und genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn sich einzugestehen, was am anderen belastet, ist nicht gleichbedeutend mit Ablehnung. Im Gegenteil: Wer wunde Punkte benennen kann, hat gute Chancen, sie mit anderen zu besprechen und auszuräumen. Insofern ein ermutigendes Buch.

Über die Autorin: Diana Beata Balkhausen, Jahrgang 1960, ist körperorientierte Psychotherapeutin und Diplompädagogin. Sie arbeitet in freier Praxis wie auch im klinischen Bereich. 

Über den Holotropos-Verlag: Der Name ist Programm: Holotropos bedeutet "sich aufs Ganze zubewegen". Der kleine Spezialverlag mit Sitz in Offenburg greift Ansatzpunkte auf, um psychischen Problemen ganzheitlich zu begegnen. Verlegerin Regina Beller gibt Autoren eine Plattform, die Spiritualität und Wissenschaft mit Arbeitsfeldern der Transpersonalen Psychologie verbinden.

Mondstein, am 24.08.2012
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Bildquelle:
Elisabeth Patzal/pixelio (Sich zu Glücksmomenten verhelfen)

Autor seit 4 Jahren
47 Seiten
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