Team und Technik ins Kernkraftwerk bringen

Schon lange vor dem eigentlichen Dreh im Kernkraftwerk mussten wir uns sowohl gesundheitlich, wie auch sicherheitstechnisch überprüfen lassen. Die Gesundheitsprüfung und die Überprüfung durch deutsche Sicherheitsbehörden ist Voraussetzung für die Beantragung eines Strahlenpasses. Nur mit diesem ist es überhaupt möglich in ein Kernkraftwerk zu gelangen. Genauso umständlich ist es Filmequipment in ein Kernkraftwerk zu bringen. Notwendige Sicherheitsprüfungen und bürokratische Formalien vor Ort beanspruchten unsere 5-köpfige Crew einen ganzen Tag lang. Danach ging der Einzug in die neue Heimat, einen Baucontainer, recht schnell. Dies sollte für die nächsten fünf Wochen unsere Basis sein, um während der Revision des Kernkraftwerks 24 Stunden lang 7 Tage die Woche jeden wichtigen Arbeitsschritt dokumentieren zu können.

Nachdem das Kraftwerk vom Netz gegangen war wurde sein Innerstes geöffnet. Die Kameras sollten von nun an jeden Arbeitsschritt live verfolgen - vom Wechsel der Brennelemente über die Arbeiten an der Turbine bis zum Ausbau verschiedener Armaturen. Nun könnte man sagen, dass es sich um nichts weiter als ganz normale industrielle Aufnahmen handelt - wären da nicht die Faktoren Sicherheit, Strahlung und Radioaktivität. Die stellt den Kameramann und seine Technik vor eine große Herausforderung. Jeder Arbeiter darf entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen nur einer gewissen Strahlendosis ausgesetzt sein - so auch wir, die Kameramänner. Strahlenschutz ist oberstes Gebot und wird vom zuständigen Personal penibel überwacht.

Ist die Dosishöchstleistung erreicht, darf man sich nicht mehr im radioaktiven Bereich aufhalten. Ein Problem, wenn so ziemlich alles Relevante genau dazu zählt. Wir mussten uns also klar organisieren. Wer kann wann in welchem Bereich drehen? Glücklicherweise lehrte uns da die Erfahrung aus einem ähnlichen Projekt in Brasilien dies nicht leichtfertig zu handhaben. Wir hatten also einen konkreten personellen Plan für die nächsten Wochen.

Die Kameras mussten, samt Stativ, eingepackt werden - in Frischhaltefolie. Das klingt seltsam, ist aber die beste Möglichkeit die Technik vor Ablagerung radioaktiver Partikel zu schützen. Vor dem Einschleusen in die strahlenden Bereiche musste unser Equipment ausgemessen werden. Gerade das beschichtete Objektiv einer Kamera hat eine Eigenstrahlung. Das zu messen ist wichtig, denn beim Ausschleusen aus diesen Bereichen wird alles nochmals gemessen. Ist der Strahlenwert zu hoch, wird das Equipment im Kraftwerk bleiben und als radioaktiver Müll entsorgt.

Die größte Herausforderung war der Automatikmodus der Kameras, der aufgrund der Folie oftmals unumgänglich war. Die Handhabung des eingepackten Stativs war ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Aber auch hier halfen die Tricks und Kniffe aus einem ähnlichen Projekt in Brasilien.

Brian Morrison (Pionierfilm GmbH) und Bernd Förster (egdus) beim Vorbereiten einer Kamera. (Bild: Pionierfilm GmbH)

Die drei Kameras im Einsatz

Wir hatten vor Ort drei unterschiedlich große Kameras. Wir wussten, dass wir in sehr engen Umgebungen, aber auch sehr großen Räumen drehen würden. Der Reaktorflur eines Kernkrafwerks ist riesig. Das Brennelementebecken ist gute 20 bis 30 Meter tief. Nur ein gutes Teleobjektiv, absolut zuverlässige Akkus und verhältnismäßig einfacher Handling kann hier optimale Aufnahmen der mitunter sehr langfristigen Prozesse liefern.

Unsere kleinste Kamera war eine Handheld-Kamera in der Größe normaler Consumer-Kameras. Sie war ideal für Aufnahmen in engen Räumen, von denen es in einem Kernkraftwerk genug gibt. Sie ist blitzschnell eingepackt und hatte in unserem Fall den klaren Touchscreenvorteil, denn Schalter umlegen und Rädchen drehen ist unter Folie schwierig. Die größte Hürde bei solchen kleinen Kameras ist der fehlende Henkel, der es dem Kameramann normalerweise ermöglicht Perspektiven schnell und einfach wechseln zu können. Auch das Pumpen des Autofocus war sehr schwierig zu handhaben. Gerade dies ist bei HD Aufnahmen, die ja von Natur aus einen weit geringeren Schärfebereich zulassen, problematisch.

Unsere nächstgrößere Kamera war eine in der Größe einer Sony HVR-Z7. Sie bestach durch Ihre Größe und die Qualität ihres LCD. Der Wechsel der Aufnahmemedien ging schnell und auch der Gain- und Weißabgleich ließen sich trotz Folie mehr oder weniger einfach regeln. Das Einpacken der Kamera hat leider sehr lange gedauert. Die Lichtbedingungen im Kraftwerk haben der Kamera zu schaffen gemacht. Der Gain war permanent auf 12dB. Zwar war das Rauschverhalten der Kamera sehr gut, doch gerade im HD Bereich stellte dies den Editor vor eine große Aufgabe.

Als dritte Kamera kam eine Schulterkamera zum Einsatz. Sie war nicht für den speziellen "Folieneinsatz" geeignet. Sie spielt ihre Stärken in all den Situationen aus, in denen man sie nicht einpacken musste. Das waren zum Beispiel während der Aufnahmen auf der Leitwarte oder in sekundären Bereichen, die keiner radioaktiven Belastung ausgesetzt waren. Hier tat sie was ein Kameramann von einer guten Kamera erwartet – glasklare Bilder liefern.

Alle drei Kameras brauchten natürlich Stative. Hier haben wir zurückgegriffen auf semiprofessionelle Manfrotto Stative, die leichter in der Anwendung waren und schneller ein- und ausgepackt werden konnten. Alle Kameras verfügten über die unumgängliche Hinterkamerabedienung, ohne die vieles nicht geklappt hätte. Die Stative konnte man aufgrund der Frischhaltefolie nicht so handhaben wie im freien Feld. Das war uns von vornherein bewusst und wir mussten unsere Arbeitsweise daran anpassen. Die Kameras waren deshalb immer auf Augenhöhe, wenn sie nicht gerade vom Stativ genommen wurden. Schwenken und Neigen funktionierte verhältnismäßig problemlos, da wir die Stative zwar sicher, jedoch auch luftig mit Frischhaltefolie einpackten.

In der Nachbearbeitung hat sich herausgestellt, dass in unserem konkretem Fall keine gravierenden Bildunterschiede zwischen den 3 HD Kameras feststellbar waren. Die größten Hürden war die Entfernung des Rauschens, sowie die Kompensation des Schärfepumpens. Die Bedingungen waren für jede einzelne Kamera sehr schwierig, doch sie haben sich allesamt hervorragend geschlagen. Am Ende hatten wir grandiose Bilder und wieder eine Menge neues Wissen.
Und unser Motto für den Dreh lautete: Gut gewickelt ist halb gewonnen.

Schutzanzüge für Mitarbeiter während der Revision. (Bild: Pionierfilm GmbH)

Weiterführende Links

Pionierfilm GmbH - Filmproduzent aus Ludwigshafen
Die Pionierfilm GmbH ist ein professioneller Anbieter von Filmproduktionen rund um Imagefilm, Werbefilm, Schulungsvideo und Co.

AKTIV Kommunikations und Marketing GmbH
Die AKTIV Kommunikations und Marketing GmbH ist eine in Nürnberg sitzende Agentur, die mit der Pionierfilm GmbH bereits diverse Filmprojekte umgesetzt hat.

Kameramann Bernd Förster aus Höchstadt a. d. Aisch
Bernd Förster hat als Kameramann bei der Projektabwicklung mitgewirkt.

Fachmagazin Videofilmen
Fachmagazin, in dem dieser Artikel in abgewandelter Form bereits erschienen ist.

Fachverlag Schiele und Schön
Der Fachverlag Schiele und Schön verlegt das Magazin Videofilmen und ist fester Verlag von Ralf Biebeler.

ralfbiebeler, am 19.05.2013
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Bildquelle:
johannes flörsch (Wie finde ich die Sternschnuppen der Perseiden 2016?)
Karin Scherbart (Wie macht man einen Regenbogen selbst?)

Autor seit 5 Jahren
52 Seiten
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