Vom Medikament zur Droge - Wie wurde Ritalin eigentlich zur Lifestyle-Droge?

Ritalin, das auf dem Wirkstoff Methylphenidat basiert, ist ein Medikament, das hauptsächlich bei der Behandlung von Kindern mit ADHS zum Einsatz kommt. Die Notwendigkeit, Kinder mit solchen Medikamenten ruhig zu stellen und die Diskussion, ob ADHS tatsächlich eine medikamentös zu behandelnde Krankheit ist, soll hier nicht geführt werden.

Der Artikel befasst sich mit dem Missbrauch von Ritalin durch gesunde, erwachsene Menschen.

Die Wirkung, die Ritalin auf Kinder mit ADHS hat, lässt zunächst nicht vermuten, dass es sich um eine attraktive Droge handeln könnte. Die hyperaktiven Kinder, die viel zu viele Reize ungefiltert aufnehmen und diese nicht verarbeiten können, werden durch Ritalin ruhiger und weniger hibbelig. Man sollte denken, dass dieses Medikament bei einem gesunden Erwachsenen also eher wie ein starkes Beruhigungsmittel wirkt, was einen Einsatz als Lifestyle-Droge eher unwahrscheinlich machen würde.

Tatsächlich besteht der größte Unterschied zwischen Ritalin und Kokain, das ebenfalls in den Dopaminhaushalt eingreift darin, zu welchem Zweck sie eingenommen werden.

So hat Ritalin zwar auch eine aufputschende Wirkung, doch wirkt sich dies eher auf die körperlichen Funktionen wie den Herzschlag oder auch das Müdigkeitsgefühl aus. Kokain eignet sich als Partydroge, weil es sprunghaft und hyperaktiv macht, wohingegen Ritalin im Gegenteil eine Fokussierung bewirkt und die Flut der von außen kommenden Reize eindämmt und filtert. Einige Mediziner sind daher sogar der Ansicht, dass Ritalin Kokainabhängigen bei der Entwöhnung helfen könnte.

Zurück zur Frage, wie Ritalin den Sprung vom Medikament zur Droge vollzogen hat.

In den USA ist Ritalin seit vielen Jahren das Mittel der Wahl, wenn Eltern mit ihren Kindern überfordert sind. Die Diagnose ADHS wird dort inflationär gestellt und dementsprechend weit verbreitet war in amerikanischen Haushalten auch bald das Ritalin. Die durchschlagende Wirkung, die Ritalin auf das Verhalten ihrer Kinder hatte, blieb den Eltern natürlich nicht lange verborgen. Vor Allem der steile Anstieg der schulischen Leistung ihrer Sprösslinge muss so manchem Elternteil zu denken gegeben haben.

Wenn das eigene Kind mit Hilfe dieses Mittels so viel besser lernen konnte und eine spürbar größere Stressresistenz zeigte, warum nicht selbst mal eine dieser Pillen ausprobieren? Genau das taten viele Amerikaner und die Kunde, dass Ritalin ein absoluter Lernbooster ist, machte schnell die Runde.

Heute ist Ritalin in den USA unter Studenten, Börsenbrokern, Angestellten und in vielen anderen, leistungsorientierten Gruppen weit verbreitet. Damit ist es die erste Droge, die als Zielgruppe nicht die Unangepassten und partyfreudigen Teenager anspricht, sondern karrierebewusste und ehrgeizige Vertreter des Establishment oder solche, die dazugehören möchten.

Was Ritalin bewirkt - Am Anfang macht es dich zum Überflieger

Konsumenten berichten, dass Ritalin im Wesentlichen zwei positive Effekte hat, wenn man beginnt, es einzunehmen. Erstens verlieren die Sorgen, die einem tagsüber sonst im Kopf herumgeistern deutlich an Kraft. Ritalin dämpft die Wahrnehmung der Außenwelt und der eigenen Innenwelt gleichermaßen, so dass man weniger ablenkbar ist.

Die dadurch verstärkt mögliche Fokussierung auf eine wie auch immer geartete Aufgabe führt zweitens dazu, dass man eben diese Aufgabe ausdauernder und qualitativ besser erledigt. Das Lernen fällt wesentlich leichter und auch die Erledigung gleichförmiger Arbeiten geht erheblich leichter von der Hand.

Einzelne User berichten von einem regelrechten Lernrausch. Die erste Phase des Konsums ist also durchweg mit positiven Erfahrungen verknüpft. Wer Ritalin einnimmt, besteht seine Prüfungen, hängt Mitbewerber ab und erledigt ein Vielfaches dessen, was er ohne Ritalin schaffen würde.

Das Problem daran ist nur, dass das Lernen durch Ritalin zwar leichter erscheint, die geistigen und körperlichen Ressourcen dabei aber genauso beansprucht werden, wie beim Lernen ohne chemische Hilfe. Die Mühelosigkeit ist also eine Illusion, da man sich der Anstrengung nur nicht mehr bewusst wird. Ein unbemerktes Ausbrennen der eigenen Kraftreserven ist die Folge.

Erschwerend kommt hinzu, dass Ritalin nach einiger Zeit zu Schlafstörungen führt. Die benötigte Regeneration kann so nicht stattfinden. Ferner weisen medizinische Studien nach, dass der Abbau von Ritalin im Körper Vitamine vernichtet. Mangelzustände sind die Folge und das Herz-Kreislauf-System leidet erheblich. Langjährige Einnahme von Ritalin erhöht die Neigung zu Herzinfarkten und Schlaganfällen signifikant.

Aber wenn es doch hilft?

Zugegeben: Sie werden möglicherweise bessere Leistungen im Job bringen, eine Beförderung einheimsen und ihr Gehalt deutlich erhöhen, wenn Sie Ihren Konkurrenten durch Gehirndoping immer einen Schritt voraus sind. Aber das ist leider nur bis zur nächsten Ecke gedacht.

Was hinter dieser Ecke liegt, ist vom Startpunkt aus nicht zu erkennen und macht uns daher in der Regel keine große Angst. Solange wir nicht wirklich sehen oder fühlen, was der Missbrauch von Ritalin mit uns macht, wird uns Aufklärung davon ebenso wenig abhalten, wie vom Rauchen.

Sie könnten auch argumentieren, dass Sie ja, genau wie ein Raucher, selbst entscheiden könnten, was Sie sich und Ihrer Gesundheit zumuten wollen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Den Kern der Sache treffen all diese Argumente aber nicht: Ritalin ist eine stark psychoaktive Substanz, die direkt in die Persönlichkeit eines Menschen eingreift. Sie werden Aggressiver, unduldsamer, möglicherweise sogar Schizophren oder manisch. Spätestens bei diesen Aussichten sollte klar sein, dass Ritalin keine Option sein kann, mehr vom Leben zu bekommen. Der gute neue Job, die Bewunderer und das zusätzliche Geld mögen Sie eine Zeitlang begleiten, doch das Ritalin wird es Ihnen auch wieder nehmen.

Spätestens, wenn Sie sich durch Ihre neue Persönlichkeit so weit von den Menschen in Ihrem Leben und der Realität entfernt haben, dass man sich von Ihnen abwendet, beginnt der Abstieg und kaum etwas wird ihn aufhalten.

Seien Sie also selbst Ihr bester Freund und erliegen Sie nicht der Versuchung, die auch in Deutschland immer allgegenwärtiger wird. Es gibt kein Pulver und keine Tablette, die dauerhaft glücklich machen.

mehr von mir? Dann bestellen Sie meinen Newsletter.

Alle Neuigkeiten von René Junge

Rene_Junge, am 31.10.2012
5 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
Laden ...
Fehler!