Vom Sinn und Unsinn eines Betreuungsgeldes - Der Wert der Kindeserziehung und der Wert der Frau

Das Erziehungsgeld ist ein durch und durch konservatives Konzept. Es fördert das traditionelle Familienbild, in dem die Frau zu Hause bei Heim und Kind bleibt, während der Mann zur Arbeit geht und das Geld nach Hause bringt. So überrascht es nicht, dass es eine zentrale Forderung der CSU ist, das Betreuungsgeld, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, umzusetzen. Die anderen Parteien sind allesamt gegen ein Betreuungsgeld. Innerhalb der CDU gab es ebenfalls lange erheblichen Widerstand, den erst Kanzlerin Merkel durch ein Machtwort im April 2012 zum Erliegen brachte. Sie pochte auf den Koalitionsvertrag, freilich ohne den darin festgeschriebenen Finanzierungsvorbehalt zu thematisieren. Die Finanzierung war nämlich noch keinesfalls zufriedenstellend geklärt. Zwar werden die direkten Kosten des Betreuungsgeldes auf nur knapp zehn Prozent der Kosten eines für die Erfüllung des Rechtsanspruches notwendigen Ausbaus der Betreuungseinrichtungen geschätzt, doch dies könnte zu kurz gedacht sein.

Frauen, die zu Hause bleiben, statt einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachzugehen, zahlen weder in die Rentenkasse, noch zahlen sie Lohnsteuern. Statt also dem Sozialsystem Geld zuzuführen, fließt es ihnen zu. Überhaupt nicht abzuschätzen sind die Kosten, die durch mangelnde Integration von Migrantenkindern, verdeckte Verwahrlosung von zu Hause erzogenen Kindern und andere Nebeneffekte entstehen.

Gern wird als Argument für das Betreuungsgeld der hohe gesellschaftliche Wert der Kindererziehung angeführt. Sollte Erziehung nicht honoriert werden, wie jede andere, gesellschaftlich relevante Arbeit auch? Dem ist entgegenzuhalten, dass auch in Betreuungseinrichtungen wie Kitas, Horten und Kindergärten Erziehungsarbeit geleistet wird. Darüber hinaus findet dort statt, was in der modernen Ein-Kind-Familie schon lange nicht mehr gewährleistet ist: Die Ausbildung sozialer Kompetenz im Umgang mit Gleichaltrigen Kindern. Auch der Kontakt zu Kindern aus anderen gesellschaftlichen Schichten und Kulturen findet in einem gut gemischten Kindergarten eher statt, als wenn das Kind zu Hause allein mit seiner Mutter bleibt. Wenn Erziehung ein so hochzuschätzendes Gut ist, erschließt es sich auch nicht, warum der Beruf der Erzieherin oder des Erziehers dermaßen schlecht bezahlt wird. Sollte das Argument also lediglich ein Scheinargument sein? Aber natürlich. Es wird auf kurzfristige Kosten und auf den Koalitionsfrieden geschielt, statt die Sache an sich zu sehen.

Überblick zum Betreuungsgeld in Europa - Welche Erfahrungen wurden in anderen Ländern mit Betreuungsgeld gemacht?

In Norwegen, das seit 1998 ein Betreuungsgeld zahlt, welches auch bei Inanspruchnahme eines Kindergartenplatzes gezahlt wird, sieht die Entwicklung seither so aus: Diejenigen, die das Betreuungsgeld unter Verzicht auf einen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen, stammen zum größten Teil aus dem Bevölkerungsteil mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien. Außerdem ist seit Einführung des Betreuungsgeldes der Anteil der berufstätigen Frauen kontinuierlich zurückgegangen.

Eine Studie, die alle skandinavischen Länder einbezieht, in denen Betreuungsgeld gezahlt wird, kommt zu dem Ergebnis, dass Norwegen repräsentativ ist. Frauenarbeit wird weniger, Immigranten und sozial Schwache behalten ihre Kinder zu Hause und der Ausbau des öffentlichen Betreuungsangebotes gerät ins Stocken oder stagniert sogar.

Warum nicht von Europa lernen?

Gänzlich unverständlich wird das starre Festhalten an der "Herdprämie", wenn man die oben geschilderten Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern betrachtet. Es ist fast so widersinnig, als schaue man bei Stiftung Warentest nach, welches Produkt in einer Kategorie am schlechtesten abgeschnitten hat, nur um es dann zu erwerben und anzunehmen, dass es bei einem selbst schon keine der im Testbericht aufgeführten Macken zeigen werde.

Aus christlich-konservativer Sicht mag es erstrebenswert sein, der Frau durch finanzielle Zuwendungen ihren angestammten Platz im Haus wieder schmackhaft zu machen. Aus Sicht einer Gesellschaft, die auf die Köpfe Ihrer Bürger angewiesen ist, erscheint dies allerdings höchst fahrlässig

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Rene_Junge, am 06.11.2012
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Autor seit 4 Jahren
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