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„Schnapp sie dir, solange sie noch jung sind!" - Welche Musik erzieht unsere Kinder?

Die meisten Kinder und Jugendlichen, aber auch die meisten Erwachsenen, hören vor allem sogenannte Unterhaltungsmusik oder populäre Musik. Sie dominiert unsere Musikkultur nicht nur in den Radioprogrammen und CD-Sammlungen, sondern auch als (Begleit-)Musik im Fernsehen, als Zwangsbeschallung im Supermarkt und in Gaststätten, ja sogar als anheizende Zutat bei Sportveranstaltungen. Gab es aber in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg noch einen gewissen Konsens, daß die Aggressivität populärer Musik ebensowenig für Kinder geeignet ist wie der Konsum von Alkohol und Nikotin, so wurden im Laufe der Zeit immer jüngere Zielgruppen von der Unterhaltungsindustrie ins Visier genommen: "Schnapp sie dir, solange sie noch jung sind, und mach dir ihre Gedanken gefügig", so zitiert John Rockwell einen namentlich nicht genannten Musiker.

Und das ist die Lage heute: Das Kinderfernsehen schlägt den kleinen Zuschauern aggressives Geknalle um die Ohren. Tanzschulen bieten Kurse speziell für Kinder in HipHop, Streetdance und Breakdance an. In einem Spielzeugkatalog wird eine "Star Party Konsole" beworben, mit der die Kleinen (empfohlen ab 5 bzw. 6 Jahren!) die eigene Stimme zu "peppigen Soundeffekten" aufnehmen und mit einem speziellen Mikrophon verfremden können. Ein Kindergarten wirbt auf seiner Netzseite: "Im Freiburger Kindernest wird Musik gelebt – vielfältig, rhythmisch (von Samba bis Rap), natürlich und unspektakulär."

Aber auch das ist die Lage heute: Die registrierte Kriminalität in Deutschland hat sich seit den 1950er Jahren verdreifacht; Umfragen zufolge billigen heute doppelt so viele Menschen wie früher strafbares Verhalten wie Steuerhinterziehung, Sozial- und Versicherungsbetrug. Neun von zehn Jugendlichen werden früher oder später zu Straftätern. In vielen Schulen herrscht ein Klima der Gewalt. Bildung und Kultur zählten zumindest bis zum PISA-Schock wenig, und auch heute noch geht es für weite Bevölkerungsgruppen in erster Linie um "Spaß haben".

Die umfangreiche kriminologische, soziologische und psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat kein Rezept dagegen gefunden, die Politik keine wirksamen Maßnahmen vorzuweisen. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung saniert die Schulgebäude; doch wer beseitigt das Chaos innerhalb der Mauern? "Wir sind ratlos." Das stand in dem vieldiskutierten Hilferuf der Berliner Rütli-Schule: Pädagogen, also Fachleute in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, wissen nicht mehr, wie sie Disziplinlosigkeit, Leistungsverweigerung und Gewalt begegnen können. Unter der Oberfläche unserer "blühenden Landschaften" herrscht die Anarchie.

 

Augen auf, Ohren zu!

Schon immer gab es Stimmen, welche die Hauptschuld an dieser Entwicklung in den Massenmedien gesehen haben. Doch während die Gefahren von Gewalt in Film und Fernsehen sowie von gewalthaltigen Videospielen zumindest diskutiert werden, wird der Frage, welche Auswirkungen das Hören aggressiver Musik auf junge (und ältere) Menschen hat, praktisch keine Bedeutung beigemessen: "Schau hin, was deine Kinder machen", heißt eine Kampagne des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 50 "Tipps zur Medienerziehung" werden da geboten unter den Stichworten "Fernsehen", "Computer", "Internet", "Handy", "Lesen". – Musik? Fehlanzeige.

Wenn einmal Kritik an Musik geäußert wird, betrifft dies nur die Texte, wie die Diskussionen um Rechtsrock und um sogenannte Pornorapper zeigen. Aber es ist gerade die Verbindung mit dem aggressiven Charakter der Musik, der die Texte so gefährlich macht.

Tatsächlich dürften die meisten populären Musikrichtungen der Gewalt in Filmen und Videospielen an Wirkung kaum nachstehen, und das auch unabhängig von den Texten. Doch warum ist das nicht längst allgemein bekannt?

Zum einen erleben wir subjektiv meist keine Wirkung externer Einflüsse auf unsere Persönlichkeit bzw. unseren Charakter, sondern sehen uns als aus sich selbst heraus in Freiheit handelnde Individuen; dabei ist in der Wissenschaft umstritten, ob wir überhaupt einen freien Willen haben. Unbestritten ist jedenfalls, daß dieser Wille bzw. das, was wir als diesen wahrnehmen, zu einem nicht geringen Anteil von der Umwelt beeinflußt wird. Träfe das nicht zu, so wäre ja auch jede Erziehung, die über das Vermitteln von Wissen hinausgeht, sinnlos. Heute erziehen aber nicht nur Eltern und Lehrer die Kinder, sondern auch die Medien. Ja, sie sind sogar zum mächtigsten Erzieher überhaupt geworden: Der durchschnittliche Jugendliche verbringt mehr Zeit mit Musikhören als in der Schule, und gewiß auch mehr als im direkten Kontakt mit den Eltern, der sich meist auf die gemeinsamen Mahlzeiten (wenn überhaupt) beschränkt. Schon rein quantitativ also prägt nichts die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen so sehr wie Musik.

Musik drückt Emotionen aus und ruft sie auch hervor – das entspricht der Lebenserfahrung und ist allgemeiner Konsens. Wenn aber Musik das kann, dann kann sie es natürlich auch in bezug auf negative und schädliche Emotionen. Und der musikalische Ausdruck negativer und schädlicher Emotionen wiederum führt zu genau solchen musikalischen Ausdrucksparametern, wie wir sie in den verschiedenen Stilen populärer Musik wiederfinden: Schläge des Schlagzeugs bzw. des Rhythmuscomputers ("Beat"), verzerrte Klänge, eine je nachdem aggressive, oder vulgäre, oder auch lüsterne, sexuell auffordernde Gesangsstimme. Hinzu kommt die große Lautstärke, in der diese Musik meist gehört wird.

Um die Parallele zu den visuellen und audiovisuellen Gewaltmedien deutlich zu machen, bezeichne ich Musik, die aggressive Klangeigenschaften besitzt, als "Gewaltmusik". Dieser Begriff ist zwar nicht völlig, aber doch weitgehend deckungsgleich mit dem der sogenannten populären Musik: Jazz, Blues, Soul, Pop, Rock, Metal, Techno, Rap, um nur die wichtigsten Stile zu nennen.

 

Ursache und Wirkung

Natürlich wehren sich die meisten Hörer dieser Musik und die politisch korrekten Wächter der moralischen Beliebigkeit gegen die Vorstellung, Gewaltmusik sei die Hauptverantwortliche für den Wertewandel, dessen Folgen wir inzwischen beklagen. Nicht Musik beeinflusse den Charakter, behaupten sie, sondern allenfalls würden bestimmte Charaktere von bestimmter Musik angezogen. Aber warum sollte nur eines von beiden richtig sein?

Tatsächlich haben sich die Charaktere, oder wie man in der Psychologie sagt, die Persönlichkeiten der Menschen in den letzten Jahrzehnten verändert, wie der Politikwissenschaftler Siegfried Schumann 2005 in der Zeitschrift Psychologie Heute endlich einmal festzustellen wagte. Aber wie konnte das geschehen, wenn nicht durch eine höchst unwahrscheinliche kollektive Genmutation?

Auf den ersten Blick mag es überraschen, aber David Tame hatte recht, als er in den 1980er Jahren schrieb: "Die Musik spielt womöglich für den Charakter und die Ausrichtung einer Kultur eine weit gewichtigere Rolle, als man bisher zu glauben bereit war."

Die Wirkung von Musik auf die menschliche Psyche (und auch auf Körperfunktionen) ist wissenschaftlich erwiesen. Untersuchungen an Probanden ergaben, daß nach dem Konsum von Gewaltmusikvideos dort gezeigtes sexuelles Rollenverhalten übernommen wird, feindselige sexuelle Vorstellungen und negative Gefühle geweckt werden und vermehrt antisoziales Verhalten und Gewalt als Problemlösung akzeptiert wird. Es wurde auch festgestellt, daß Gewaltmusik bei Verstößen gegen Verkehrsregeln und bei Unfällen im Straßenverkehr eine ursächliche Rolle spielen kann. Bei Kindern und Jugendlichen korrespondieren schwache Schulleistungen mit Präferenzen aus dem Bereich der Rock- und Popmusik, gute Schulleistungen dagegen mit einer Vorliebe für klassische Musik. In einer Langzeituntersuchung der 1980er Jahre stellte Keith Roe fest, daß der Musikgeschmack ein guter Prädiktor für den späteren Berufserfolg war: Wer als Kind populäre Musik bevorzugte, ergriff später mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Beruf mit niedrigem sozialem Status.

Vor diesem Hintergrund müssen auch auffällige Korrelationen zwischen Musikkonsum und Verhalten als Anzeichen eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs gesehen werden: Wer Gewaltmusik bevorzugt, ist geistig weniger leistungsbereit oder -fähig, nimmt eher Drogen, wird eher straffällig, ist aggressiver, feindseliger und sexuell aktiver. Rock- und Heavy-Metal-Anhänger zeigen geringe Bereitschaft zu kognitiver Anstrengung, neigen zu Machismus, Machiavellismus, männlicher Hypersexualität, Drogen, Okkultismus, Satanismus, antisozialen Einstellungen und Verhaltensweisen. Punk-Anhänger akzeptieren weniger Autorität und zeigen größere Affinität zu Waffenbesitz, Ladendiebstahl und Kriminalität im allgemeinen. Jugendliche, die sich der HipHop-Kultur zugehörig fühlen, gehören auch eher zur Gruppe der "Risikojugendlichen". Klassikhörer dagegen haben die geringste Delinquenzrate. Kinder, die das Programm des Gewaltmusiksenders MTV sehen, verhalten sich aggressiver und weniger hilfsbereit. 

Die US-amerikanischen Wissenschaftler Paik und Comstock haben 1994 die Ergebnisse zahlreicher Untersuchen zum Zusammenhang von medialer und realer Gewalt analysiert und festgestellt, daß der Effekt bei Kindern unter sechs Jahren am deutlichsten ist: 46 % der Gewalt ließ sich aus dem Konsum von Mediengewalt erklären. Bei den Sechs- bis Elfjährigen beträgt der Wert immerhin noch 31 %, bei den Zwölf- bis 17jährigen 22 %, bei den 18- bis 21jährigen 27 %, bei den über 21jährigen 18 %. Zum Vergleich: der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs beträgt 35 %, der zwischen Asbestinhalation und Kehlkopfkrebs 9 % (vgl. Manfred Spitzer). Dennoch werden Gebäude aufwendig asbestsaniert, während Mediengewalt weiterhin rund um die Uhr aus allen Bildschirmen und Lautsprechern quellen darf.

Werner H. Hopf stellte 2004 bei Schülern der 5. bis 10. Klassen fest, daß der Mediengewaltkonsum mehr als jede andere untersuchte Variable (wie elterliche Gewalt oder Wertorientierungen) einen Einfluß auf aggressives Verhalten der Probanden hatte: "26 % der Varianz der Gesamt-Gewalttätigkeit in der Problemgruppe" ließen sich darauf zurückführen. Zwar wurde von den genannten Autoren nur die (audio)visuelle Mediengewalt untersucht, aber bekanntlich besteht der Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen zu einem großen Teil aus Sendungen, in denen aggressive Musik eine große oder gar dominierende Rolle spielt. Und auch wer gewalthaltige Videospiele gerne spielt, dürfte aggressiver Musik meist nicht abgeneigt sein.

Gewaltmusikkonsum geht stets mit einem Anstieg der Kriminalität einher: Das begann beim Jazz in New Orleans und später in Chicago, setze sich fort bei Rock'n'Roll und Beat in den 1950er und 60er Jahren, und später mit dem Rap. Auch der Konsum illegaler Drogen gelangte erst durch das Vorbild von Gewaltmusikern und ihrer Musik zu weiter Verbreitung, und nirgends sind illegale Drogen so leicht zu bekommen wie in Diskotheken und (natürlich gewaltmusikbeschallten) "Partys", wie 2002 eine Eurobarometer-Umfrage feststellte.

Eine 2001 von der TU Berlin durchgeführte Untersuchung deckte auf, daß über achtzig Prozent der Besucher von Technoveranstaltungen regelmäßig illegale Drogen einnehmen. Die berüchtigte "Love Parade" wurde denn auch von einem Sprecher der Polizeigewerkschaft als "größte Drogenparty der Welt" bezeichnet, mit einem Umsatz illegaler Drogen von schätzungsweise 25 Mio. Euro; d.h. bei einer Million Teilnehmern hätte jeder im Durchschnitt 25 Euro dafür ausgegeben. Auch hier wird der Drogenkonsum in der Regel erst durch das mit dieser Musik verbundene Umfeld angeregt. Gerade Technomusik vermag wie keine andere durch ihre tranceerzeugende Wirkung das vernünftige Denken auszuschalten. Eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegebene Studie bietet ein interessantes Detail: Der Drogenkonsum wird stärker davon bestimmt, wie häufig und wie lange ausgegangen wird, als davon, ob die Freunde Drogen nehmen. Das ist um so bemerkenswerter als der "peer group" im allgemeinen ein besonders großer Einfluß auf das Verhalten eines (jugendlichen) Individuums zukommt. Demnach wäre also zu erwarten, daß Menschen mit einem überdurchschnittlichen Drogenkonsum auch Freunde mit einem überdurchschnittlichen Drogenkonsum haben, und daß Drogenabstinenzler auch Freunde haben, die Drogenabstinenzler sind. Bei den Technomusikanhängern gibt es diesen Zusammenhang aber nicht. Stattdessen sind die Ausgehgewohnheiten der entscheidende Faktor. Und wohin gehen Anhänger von Technomusik, wenn sie ausgehen? Zu Veranstaltungen bzw. in Diskotheken oder Clubs mit Technomusik.

Aber nicht nur der Anstieg von Gewalt- und Drogenkriminalität hat mit Gewaltmusik zu tun. Die gesamte "Erosion des Rechtsbewußtseins", wie der Jurist Mark Schneider einmal die zunehmende Akzeptanz kriminellen Verhaltens genannt hat, geht auf den mit Gewaltmusik verbundenen Wertewandel zurück. Das heißt, auch die Tatsache, daß Delikte wie Steuerhinterziehung und Sozialbetrug heute so alltäglich gewordenen sind, hat damit zu tun, daß die Mehrzahl der heutigen Bevölkerung mit Gewaltmusik sozialisiert wurde; einer Musik, die rücksichtslosen Egoismus und Gesetzesübertretungen ausdrücklich befürwortet: "Legal, illegal, scheißegal" hieß es bei der Rockgruppe Slime und später bei Ferris MC. Der "Outlaw", der Gesetzlose, ist die "Essenz dessen, was Rock'n'Roll ausmacht", wie es Rick Rubin, der Produzent des Country-Sängers Johnny Cash, formulierte. Auf der Jacke einer Schülerin der 10. Klasse sah ich eine Textzeile der Rockgruppe Mando Diao: "It feels so good to be an outlaw in your perfect world" – "Es fühlt sich so gut an, in eurer perfekten Welt ein Gesetzloser zu sein".

Zahlreiche Fälle sind dokumentiert, bei denen Straftaten direkt auf Gewaltmusikkonsum zurückzuführen waren. Legendär ist das Beispiel vom Massenmörder Charles Manson, der sich durch die Beatles inspiriert fühlte. Ein 14jähriger Jugendlicher sah sich durch das Maskottchen "Eddie" der Rockgruppe Iron Maiden zu einem dreifachen Mord getrieben. In den USA verloren 1992 zwei Polizisten das Augenlicht, nachdem ihnen mit einer "twelve gauge"-Flinte, wie sie in Ice-Ts "Cop Killer" ("Polizistenmörder") beschrieben wird, ins Gesicht geschossen worden war. 1994 ermordeten Jugendliche in Milwaukee einen Polizisten und gaben der Musik des Rappers Tupac (ein Vergewaltiger, Räuber, Drogenhändler und Gewalttäter) die Schuld dafür. Im Jahr 2005 hatte in der Schweiz ein 17Jähriger mit sechs weiteren Jugendlichen ein 17jähriges Mädchen vergewaltigt; der Haupttäter hatte außerdem zwei 15jährige Mädchen zur Prostitution gezwungen. Der Anwalt eines der Mädchen gab dem deutschen Rapper Bushido eine Mitschuld, da die Täter unter dem Einfluß seiner sexuell expliziten und frauenverachtenden Texte gestanden hätten. Viele weitere Beispiele ließen sich ergänzen. 

Wenn der Konsum von Gewaltmusik zu Kriminalität führt, so sollte der Entzug von Gewaltmusik einen Rückgang von Kriminalität bewirken. Tatsächlich ist auch dies mehrfach belegt: So ging das aggressive Verhalten von Patienten auf einer forensischen klinischen Abteilung in den USA zurück, nachdem man ihnen den Gewaltmusiksender MTV entzogen hatte. In mehreren Städten führte die Umstellung vorhandener Zwangsbeschallung in Bahnhöfen und U-Bahnhöfen von populärer auf klassische Musik zu einem Rückgang von Vandalismus und zu einer Vertreibung der Drogenszene; die gleiche Maßnahme bewirkte in amerikanischen Einkaufszentren einen Rückgang der Ladendiebstähle. Als für das Münchner Oktoberfest 2005 eine Reduzierung der Musiklautstärke und gemäßigtere Musik bis 18.00 Uhr angeordnet wurde, führte bereits diese halbherzige Maßnahme zu einem Rückgang der Straftaten um 23 Prozent. In Waldkirch konnte man den fastnächtlichen Gewalttourismus aus dem benachbarten Freiburg eindämmen, indem man Techno durch weniger aggressive Musik ersetzte.

Der Einwand, daß der Zusammenhang zwischen Gewaltmusik und Kriminalität keine Ursächlichkeit der Musik belegen würde, ist also aus der Luft gegriffen. Ein weiterer Einwand, nämlich daß das Hören aggressiver Musik Aggressionen abbauen helfe, die sogenannte Katharsishypothese, ist ebensoleicht zu widerlegen: Bei der massenhaften Verbreitung und dem massenhaften Konsum dieser Musik müßte die Gewalt in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen haben. Bekanntlich ist aber das Gegenteil der Fall, und gerade die Konsumenten aggressiver Musik sind besonders gewalttätig. Tatsächlich gilt die Katharsishypothese in der Aggressionsforschung schon lange als überholt: In den zahlreichen Studien zu den Auswirkungen medialer Gewalt findet sich "kein Hinweis auf das Zutreffen der Katharsistheorie. Sie ist falsch" (Manfred Spitzer). Anderson/Gentile/Buckley haben das in ihren jüngsten Studien zu Videospielgewalt bekräftigt und überzeugend argumentiert, daß eine Katharsis (der Begriff stammt bekanntlich aus der antiken Tragödientheorie) Furcht und Mitleid voraussetzt, während die medialen Gewaltinhalte meist auf Identifikation mit dem Gewalttäter angelegt sind und aus diesem Grund geradezu das Gegenteil einer Katharsis bewirken.

 Musik wirkt. Sie verändert Gehirne. Sie ist "der stärkste Reiz für neuronale Umstrukturierung, den wir kennen", wie es der Hirnforscher Eckart Altenmüller in der Zeitschrift GEO formuliert hat (2003/11, S. 68). In der frühen Kindheit, aber auch nochmals in der Pubertät ist das menschliche Gehirn besonders großen Veränderungen unterworfen, d.h. es ist besonders empfänglich für Umwelteinflüsse, und damit auch für die Botschaften der Musik. Diese Prägung wiederum bestimmt natürlich auch die Persönlichkeit im Erwachsenenalter. Aber was verleiht der Musik, und speziell der aggressiven, der Gewaltmusik, diese Macht?

Wodurch wirkt Gewaltmusik? 

Gewaltmusik wirkt auf drei Ebenen: Durch die Klanglichkeit der Musik selbst, durch die Texte, und durch das Vorbild der Interpreten und der zur jeweiligen Musikrichtung gehörenden Subkultur.

Da ist zunächst der permanente "Beat", der das Gehirn in einen tranceähnlichen Zustand versetzt und somit besonders aufnahmefähig für die in der Musik ausgedrückten Emotionen und Botschaften macht. Zugleich ist dieser "Beat" das perfekte akustische Symbol für Gewalt und Aggression; aber auch elektronisch verzerrte Instrumentalklänge und aggressiver Gesang tragen zum aggressiven Charakter dieser Musik bei. Der Ausdruck von Haß und Aggression wird zwangsläufig auf den Hörer übertragen. Entweder empfindet er diese Aggression gegen sich selbst gerichtet, dann wird er der Musik zu entkommen versuchen; oder aber, und das ist leider die Reaktion der großen Masse, er identifiziert sich mit dieser Aggression, gerät also selbst in eine aggressive Stimmung.

Mit der Überbetonung des Rhythmischen wird die "erregungssteigernde Funktion des Rhythmus" in den Vordergrund gerückt, "mit Spannungs- und Entspannungsverhältnissen, die vornehmlich für narzisstische, aggressive und sexuelle Affektregungen charakteristisch sind". Hier nennt Helmuth Figdor die wesentlichen Parameter, die in Gewaltmusik ausgedrückt, thematisiert und durch sie angeregt werden: Narzißmus (Egoismus), Aggression und sexuelle Erregung.

Liedtexte werden erst in der gewaltmusikalischen klanglichen Umsetzung besonders gefährlich. Dabei können sogar harmlose oder unverständliche Texte als aggressiv (um)gedeutet werden: Der Klang interpretiert den Text. Auch darf man hierbei nicht nur an solch extreme Texte wie die von "Pornorappern" oder vieler Heavy-Metal-Gruppen denken. Zahlreiche in der Diskussion unbeachtete Texte der Gewaltmusik thematisieren in affirmativer Weise Rebellion, Kriminalität, Drogenkonsum und hemmungslose Sexualität, und das ist gewaltmusikalische Tradition von Anfang an.

Die dritte, indirekte Wirkungsweise der Gewaltmusik geht vom Vorbild der Interpreten bzw. der jeweils mit der Musik vermittelten Subkultur aus. So ist es kein Zufall, daß die höchsten Kriminalitätsraten bei Raphörern zu finden sind. Rapmusik ist nicht unbedingt aggressiver als Pop- oder Rockmusik, aber sie stammt aus den kriminellen Subkulturen amerikanischer Großstädte, und viele Rapmusiker sind selbst Kriminelle. Einige davon fielen sogar Bandenkämpfen konkurrierender Rap-Plattenfirmen zum Opfer: Mindestens 32 Rapper wurden seit 1995 erschossen. Man stelle sich das einmal in der klassischen Musikszene vor! Ein Zufall ist es ebensowenig, daß genau zu der Zeit, als sich die Rapmusik in Europa durchsetzte, die Gewaltkriminalität von Kindern und Jugendlichen in vielen europäischen Staaten dramatisch anstieg.

Die meisten jugendlichen Subkulturen nähren und erhalten sich durch ihre Musik. Wer würde sich hierzulande die kriminelle Subkultur amerikanischer Großstädte mit ihren Bandenkriegen, ihren Drogenhändlern und Zuhältern zum Vorbild nehmen, wenn nicht die Rapmusik wäre? Was wäre der ecstasykonsumierende Partygänger ohne seine Techno- oder Discomusik? Was wäre der rebellische Autonome, der sich gegen Eltern, Gesellschaft und Gesetz auflehnt, ohne Rockmusik? Nähme man diesen Leuten die Musik weg, was bliebe dann noch? Es ist die Musik, welche diese Subkulturen zusammenschweißt; es ist die Musik, in der sie ihre Vorbilder und Ideologien finden; es ist die Musik, welche die Ideologien immer wieder aufs neue bestätigt und verfestigt.

Zu den Ideologien der Gewaltmusik gehören vor allem zwei Maximen, die in dem sogenannten "Gesetz von Thelema" des Satanisten Aleister Crowley zusammengefaßt sind: "Tu, was Du willst. Nutze alle Mittel". Auch Musiker, die sich nicht ausdrücklich auf den Satanismus berufen, vertreten dieses Prinzip. Jürgen Laarmann, früher Herausgeber des Techno-Magazins Frontpage, hat es zum Beispiel wörtlich genau so als Botschaft der Technomusik formuliert: "Tu, was Du willst. [...] Nutze alle Mittel". Auch ein geflügeltes Wort der Rap-Szene erinnert daran: "By all means necessary", d.h. "mit allen erforderlichen Mitteln". "Tu, was Du willst" – das ist das Prinzip des Hedonismus. "Nutze alle Mittel" – das ist das Prinzip der Gesetzlosigkeit, der Anarchie. 

 

Wie wirkt Gewaltmusik?

Mit dem Hören von Gewaltmusik und dem damit normalerweise verbundenen Interesse für die Interpreten und die jeweilige Subkultur ist ein Lernprozeß verbunden: Der Hörer lernt, sich mit den Emotionen der Musik, den Inhalten der Texte, den Verhaltensweisen der Interpreten und den Idealen der entsprechenden Subkulturen zu identifizieren. Je nach dem Umfang des Hörens und je nach den persönlichen Voraussetzungen des Hörers geschieht dies mehr oder weniger schnell und mehr oder weniger weitgehend. Durch die wiederholte Auseinandersetzung mit gewaltmusikalischen Inhalten – also durch das Hören über Wochen, Monate und Jahre – wird das Gelernte verfestigt, werden die übernommenen Ideologien immer wieder bestätigt. Verbunden mit diesem Identifikationsprozeß ist eine Desensibilisierung gegenüber Gewalt, Kriminalität und übersteigerter Sexualität durch Gewöhnung und Abhärtung, wie sie auch für den Konsum von Gewaltfilmen und Gewaltvideospielen belegt ist.

Der "Beat" führt zu tranceartigen Zuständen, wobei speziell Technomusik mit ihrer extremen Repetitivität tatsächliche Trance erzeugen kann; bekanntlich wird dieser Effekt von vielen Hörern durch die Einnahme von Drogen verstärkt. Doch schon die Musik alleine kann wie eine "psychoaktive Substanz" wirken, wie der Musikpsychologe Günther Rötter sagt. Es werden Hemmschwellen herabgesetzt, das rationale Denken wird ausgeschaltet und die Risikobereitschaft erhöht. Daher ist es in Diskotheken – oder Clubs, wie sie sich heute meist nennen – besonders leicht, Drogen an den Mann oder die Frau zu bringen und willige Sexualpartner zu finden. Unter der Beschallung mit aggressiver Musik (auch Alkohol spielt oft eine Rolle) sind die Menschen zu Dingen bereit, die sie unter normalen Umständen nicht tun würden. Ein Lehrbuch der Kriminologie faßt Untersuchungsergebnisse der 1970er bis 90er Jahre lapidar zusammen: "Je häufiger Jugendliche straffällig werden [...] desto häufiger halten sie sich in der Disco auf" (Hans-Dieter Schwind).

Wenn jemand ein bestimmtes Verhalten ausführt, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß er dieses Verhalten abermals ausführt. Einmal ist also nicht keinmal, wie eine Redensart uns glauben machen will, sondern meist das erste Mal von vielen Malen. Ein Beispiel: In der Therapie gegen Phobien geht es bekanntlich darum, das angstbesetzte Verhalten (z.B. eine Spinne anzufassen oder einen Turm zu besteigen) überhaupt erst einmal auszuführen. Wenn man dies einmal geschafft hat, ist der Damm gebrochen. Nicht anders ist es mit Straftaten und anderen abweichenden Verhaltensweisen: Wer einmal die Schwelle zur Kriminalität überschritten, einmal ein Tabu verletzt hat, der wird es in der Regel immer wieder tun.

Schon bald benötigt man die enthemmende Wirkung der Musik gar nicht mehr: Drogenkonsum, Promiskuität, Unehrlichkeit, Unzuverlässigkeit, Leistungsverweigerung sind zu Persönlichkeitseigenschaften, zum als normal empfundenen Verhalten geworden. Ein von Bob Larson zitierter Rockhörer beschreibt es so: "Ich begann zu beobachten, wie mein Leben von der Musik, die ich hörte, beeinflußt wurde. [...] Ich begann zu bemerken, daß ich tolerantere Einstellungen zu Sex und Drogen bekam. Meine Musik verübte an mir nach und nach eine Gehirnwäsche [...]." Robin Denselow bezeugt: "Ein Mädchen sagte, daß Rockmusik sie dazu geführt hatte, promiskuitiv zu sein, und ein junger Mann versicherte mir, daß sein Niedergang begann, als er im Alter von zwölf Jahren anfing, Schallplatten von Barry Manilow zu hören. Dies führte zwangsläufig zu härterer Musik, Drogen, Alkohol und Gewalt." (Beide Zitate orig. englisch, Übers. K. M.).

Anders als diese Hörer bemerken allerdings die Wenigsten, daß Veränderungen, die bei ihnen stattfinden, auf die Musik und deren Umfeld zurückzuführen sind. Eltern und Pädagogen schieben solche negativen Veränderungen gerne auf die "Pubertät". Nur seltsam, daß die Pubertät bei Jugendlichen, die sich der klassischen Musik widmen, normalerweise weit weniger dramatisch verläuft...

Es mag politisch nicht korrekt sein, das festzustellen, aber es ist Realität: Es gibt Musik, die positive, konstruktive, humane Werte vermittelt, und es gibt Musik, die negative, destruktive, inhumane Werte vermittelt; je nachdem, welche klanglichen Mittel eingesetzt werden. Wer Gewaltmusik produziert, der produziert Aufforderungen zu Straftaten; denn Gewaltmusik überträgt Emotionen der Rebellion, der Aggression, des Hasses und der sexuellen Erregung auf die Hörer. Wer solche Musik verbreitet oder ihre Verbreitung fördert, ist daher mitverantwortlich für die Folgen.

 

Was tun?

Unsere Demokratie ist träge. Und sie ist mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches noch immer von diesem traumatisiert. Wer aggressive Musik kritisiert, wird deshalb gerne in eine rechte Ecke gestellt und zurechtgewiesen, daß gewisse Musik ja "schon einmal" verboten gewesen sei. Da wurde dem Autor beispielsweise von einem Heavy-Metal-Hörer vorgeworfen, sein Menschenbild übersteige "an Verachtung alle Heavy-Metal-Texte bei weitem" – Texte wohlgemerkt, in denen es um die abartigsten Sexpraktiken, um Vergewaltigung, Folter und Mord geht, und die bisweilen auch unverhohlen rassistisch sind.

Zunächst sollte es selbstverständlich sein, diejenigen Menschen vor aggressiver Musik zu schützen, die sie nicht hören wollen; so, wie es längst eine Selbstverständlichkeit ist, Nichtraucher vor Tabakqualm zu schützen. Die psychischen und physischen Folgen aufgezwungener aggressiver Musik, sei es aus der Stereoanlage des Nachbarn, bei Straßenfesten vor der eigenen Wohnung, oder wo auch immer, werden noch ebenso unterschätzt wie die kriminalisierende Wirkung dieser Musik beim freiwilligen Konsum.

Des weiteren muß Gewaltmusik endlich als die Gefahrenquelle behandelt werden, die sie ist. Wie Alkohol besteuert wird und an Jugendliche unter 16 Jahren nicht verkauft und ausgeschenkt werden darf, so muß auch populäre Musik entsprechenden Beschränkungen unterliegen. Wie Zigarettenpackungen Warnhinweise enthalten müssen, so müssen auch auf Tonträgern und Konzertkarten Warnhinweise angebracht werden. Eine Mediengewaltsteuer hat schon Manfred Spitzer in seinem Buch Vorsicht Bildschirm! gefordert. Wer Gewalt und Verbrechen sät, der soll wenigstens dafür bezahlen, denn die Folgen kosten unser aller Geld.

Was aber können Eltern und Lehrer tun, solange die Politik untätig bleibt?

Bereits in der Schwangerschaft sollte auf die Musikauswahl geachtet werden, denn das Gehör ist ab der 24. Schwangerschaftswoche voll funktionsfähig. Es ist nachgewiesen, daß Kinder, die vor der Geburt Fluglärm ausgesetzt waren, diesen nach der Geburt – anders als andere Kinder – nicht als bedrohlich empfanden und sich dadurch nicht im Schlaf stören ließen. Diese Erkenntnis legt nahe, daß eine solche Desensibilisierung auch für aggressive Musik stattfinden kann, wodurch die normale Abwehr, die ein unbedarftes Kind gegenüber den aggressiven Klängen zunächst zeigen würde, verhindert wird.

Sie sollten Ihr Kind so lange und so weit wie möglich von Gewaltmusik fernhalten. Hier kann sogar ein Verzicht auf den Fernseher sinnvoll sein, da einem auch dort diese Musik aus allen Kanälen entgegenplärrt. Sie sollten intervenieren, wenn Gewaltmusik in der Schule oder gar schon im Kindergarten (wie im eingangs genannten Beispiel) abgespielt oder selbst gemacht wird. Gewaltmusik gehört dort ebensowenig hin wie Alkohol oder ein Zigarettenautomat. Führen Sie Ihr Kind stattdessen zur klassischen Musik; lassen Sie es, wenn es das möchte, ein Musikinstrument erlernen! Dabei sollten Sie zusammen mit dem Lehrer ein Lehrwerk aussuchen, das auf "poppige" Musik verzichtet.

An allgemeinbildenden Schulen muß über Gewaltmusik und ihre Wirkungen aufgeklärt werden; darüber hinaus muß sie allerdings tabu sein. Eine Institution, die junge Menschen zu gebildeten, gesetzestreuen und sozialen Wesen erziehen soll, darf in ihren Mauern keine Musik zulassen, die diesen Werten entgegenarbeitet. Das betrifft das Abspielen im Musikunterricht und bei Schulfeiern ebenso wie das Unterhalten einer "Schülerband" oder die Duldung von entsprechend bestückten MP3-Spielern oder Mobiltelefonen.

Kinder sind im allgemeinen bis etwa zur dritten Schulklasse noch aufgeschlossen gegenüber klassischer Musik; diese Aufgeschlossenheit verliert sich danach bei den meisten sehr schnell. Daher ist es wichtig, Kinder rechtzeitig mit klassischer Musik bekannt zu machen, und sich etwa im Musikunterricht der ersten drei Schuljahre nicht auf das Singen von einfachen Kinder- und Volksliedern zu beschränken. Schon in diesem Alter können kürzere klassische Musikwerke angehört und kindgerecht besprochen werden. Wird der Boden nicht rechtzeitig bereitet, dann schlägt dem Lehrer in der Sekundarstufe von den meisten Schülern nur Ablehnung entgegen, wenn er klassische Musik behandeln will.

Es gibt einige Hinweise darauf, daß klassische Musik im weitesten Sinn, d.h. die Kunstmusik vom Mittelalter bis in die Gegenwart (mit Ausnahme der Avantgarde), eine positive Wirkung auf den Menschen hat, wenngleich diese Wirkung aus verschiedenen Gründen wohl nicht so groß ist wie die negative Wirkung von Gewaltmusik. Auf jeden Fall sollten Kinder und Jugendliche an klassische Musik herangeführt werden, damit sie ihr Bedürfnis nach Musik und musikalischer Betätigung auf unschädliche und vielleicht sogar heilsame Weise zu stillen vermögen. Die Aussage des damaligen Innenministers Otto Schily von 2001, wonach die innere Sicherheit gefährde, wer Musikschulen schließt, trifft nur insoweit zu als sie klassische Musik betrifft. Dennoch greift Gewaltmusik auch an Schulen und Musikschulen immer mehr um sich. Popularmusikprojekte werden von der Politik und vom Deutschen Musikrat gefördert, und vor kurzem wurde die Kategorie Popularmusik sogar in den Wettbewerb "Jugend musiziert" aufgenommen. Hier muß sich Schilys Diktum ins Gegenteil verkehren. Das will aber kaum jemand begreifen.

Ein grundsätzliches Verbot von Gewaltmusik erscheint heute noch utopisch. Zu stark ist die Lobby der Gewaltmusikindustrie, zu mächtig sind die Dogmen der politischen Korrektheit, zu groß ist aber auch die Beliebtheit von Gewaltmusik bei vielen Entscheidungsträgern. Wir werden jedoch eine Rechtsgüterabwägung treffen müssen zwischen der sogenannten künstlerischen Freiheit auf der einen Seite und all jenen Rechten, die durch die Folgen dieser Freiheit verletzt werden, auf der anderen. Blinde Toleranz ist keine Tugend. Respice finem, bedenke die Folgen, wie der Lateiner sagt!

Daß die Grenzziehung, ab wann ein Musikstück als Gewaltmusik anzusehen ist, in bestimmten Fällen schwierig sein kann, ist klar. Aber das ist bei Filmen und Videospielen, die bereits einer Kontrolle unterliegen, nicht anders, und darf uns nicht davon abhalten, notwendige Entscheidungen zu treffen.

Derzeit befinden wir uns freilich noch in einem Stadium, in welchem es vor allem um Aufklärung geht. Jeder Einzelne kann dazu beitragen, die Erkenntnis zu verbreiten, daß Gewaltmusik schädlich ist, daß sie Grundsätze und Werte demontiert, die sich die Menschheit in jahrtausendelangem Kampf gegen ihre destruktiven Instinkte abgerungen hat. Insbesondere Eltern und Pädagogen tragen hier eine große Verantwortung.

Die Musik, die unsere Kinder heute hören, bestimmt deren und unsere Zukunft mehr als die Allermeisten ahnen.

 

Zitierte Literatur:

Anderson, Craig A. u. Gentile, Douglas A. u. Buckley, Katherine E.: Violent Video Game Effects on Children and Adolescents, Oxford 2007.

Denselow, Robin: When the music's Over. The Story of Political Pop, London und Boston 1989.

Figdor, Helmuth u. Röbke, Peter: Das Musizieren und die Gefühle. Instrumentalpädagogik und Psychoanalyse im Dialog, Mainz u.a. 2008.

Hopf, Werner H.: Mediengewalt, Lebenswelt und Persönlichkeit – eine Problemgruppenanalyse bei Jugendlichen; in: Zeitschrift für Medienpsychologie 16/2004/3, S. 99-115.

Larson, Bob: Larson's Book of Rock, Wheaton/Ill ²1988.

Rockwell, John: Trommelfeuer. Rocktexte und ihre Wirkungen, Asslar 1983, 71990.

Roe, Keith: The School and Music in Adolescent Socialization; in Lull, James: Listener's Communicative Uses of Popular Music, S. 140-174.

– ders. (Hg.): Popular Music and Communication, Newbury Park/Calif. u.a. 1987, S. 212-30.

Rötter, Günter: Musik und Emotion; in: Motte-Haber, Helga: u. ders. (Hg.): Musikpsychologie, Laaber 2005 = Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft 3, S. 268-338.

Schneider, Mark: Vandalismus. Erscheinungsformen, Ursachen und Prävention zerstörerischen Verhaltens sowie Auswirkungen des Vandalismus auf die Entstehung krimineller Milieus, Diss. Würzburg 2001, Aachen 2002.

Schwind, Hans-Dieter: Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen = Grundlagen 28, Heidelberg 1986, 132003.

Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft = Transfer ins Leben 1, Stuttgart, Düsseldorf u. Leipzig 2005.

Schumann, Siegfried: Mit der Persönlichkeit der Bürger wandelt sich die Republik; in: Psychologie Heute, Okt. 2005, S. 28-31.

Tame, David: Die geheime Macht der Musik. Die Transformation des Selbst und der Gesellschaft durch musikalische Energie, Zürich 1991 (orig.: The Secret Power of Music, o.O. 1984).

 

Zur vertiefenden Lektüre:

Miehling, Klaus: Gewaltmusik – Musikgewalt. Populäre Musik und die Folgen, Würzburg 2006.

Klaus_Miehling, am 12.11.2009
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Bild: clker.com (Wer gute Beziehungen möchte, sollte "Giraffensprache" sprechen: Gew...)
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