Mangel machte aus der Not eine Tugend

Noch lange nach Ende des zweiten Weltkrieges war es zumindest in der ehemaligen DDR normal, dass vor allem die Kinder jedes Jahr neu bestrickt worden. Dabei trennte man im Sommer die Sachen wieder auf, die zu klein geworden sind. Ein wenig neue Wolle oder die Bestände aus mehreren aufgetrennten Kleidungsstücken wurde für neue Sachen genutzt. Vor allem auf dem Land gewann man die Wolle natürlich von den eigenen Schafen. Diese wurden zum größten Teil im Herbst zur eigenen Versorgung geschlachtet und die Wollen gewaschen, gekämmt, versponnen und dann natürlich auch verstrickt.
Damit auch die Kinder frühzeitig diese Handarbeiten anwenden konnten, gab es auch das Fach Nadelarbeit in der Schule. Bis Mitte der 1970er Jahre lernten Mädchen und Jungen in der DDR wie sie stricken, häkeln und auch nähten mussten. Dann wurde die Nadelarbeit aus dem regulären Unterricht genommen und nur wenige Schulen hatten ausreichend Pädagogen um das Fach weiterhin fakultativ anzubieten.

Ich selbst kam 1979 in die Schule und habe diesen Unterricht nicht mehr gehabt. Allerdings hatten wir eine sehr gute Erzieherin im Hort, die bei uns die Lust an Nadelarbeiten weckte. Doch das gab es nicht an allen Schulen und so war die Enttäuschung nach einem umzugsbedingten Schulwechsel groß, weil man eben diese Beschäftigungen im Schulhort nicht mehr anbot. Aber dies sollte nicht lange so bleiben.

Babyjacke für Mädchen

Babyjacke für Mädchen (Bild: Sabine Wolfram, Plauen)

Meine persönliche Entwicklung

Nachdem wir umgezogen waren, hatten meine Eltern eine Arbeitskollegin, die sehr viel strickte. Von meiner Mutter konnte ich die Grundkenntnisse lernen. Aber diese Arbeitskollegin konnte ich immer um Hilfe bitten, wenn meine Mutter überfragt war. Ich gebe aber auch zu, dass meine ersten Versuche eher kläglich waren. Ein Topflappen, womit die meisten Kinder wohl beginnen, wurde kein Quadrat, sondern eher ein Dreieck. Und beim Stricken nahm ich die Häkelnadel um die Maschen zu stricken. Danach mussten die Maschen natürlich nach jeder Reihe wieder auf die Stricknadel kommen. Der Frust war recht schnell so groß, dass ich mehrere Jahre keine Handarbeiten mehr anschaute. Mama musste also ran, als schon Mitte der 1980er Jahre Stricksachen wieder in Mode kamen. Stulpen, durch die Aerobic-Welle und auch der Schlauchschal war damals in einer anderen Form ein unersetzlicher Begleiter im Winter.

Immerhin saßen wir dann in den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden zu acht Mädchen in der Klasse, die mit den Stricknadeln klapperten. Und wir waren stolz darauf, dass wir uns die Sachen stricken konnten, die uns gefielen. Immerhin bekam man ja durch die Werbung im Westfernsehen mit, was modern war. Auch wenn es eigentlich verboten war, diese Sender zu schauen. Doch mit der politischen Wende war der Stricktrend vorerst zu Ende, wie auch die DDR am Ende war.

Der Luxus der Unikate

Schon vor einigen Jahren begann sich die Strickmode zu erholen. Man sah auch wieder junge Frauen, die mit Stricknadeln beschäftigt waren. Ich selbst habe strickte auch in der Öffentlichkeit. Vor allem, wenn ich mit längeren Wartezeiten bei Ärzten rechnen musste. Doch es gibt nur wenige junge Frauen, die sich wirklich langfristig für Strickarbeiten begeistern können. Zumindest wenn es darum geht, dass sie die Kleidung auch selbst fertigen sollen. Wer es aber kann, fällt durch Unikate auf und erntet bewundernde Blicke von seinem Umfeld. Es dauert dann oft nicht lange, bis die ersten Anfragen kommen, ob man auch für andere Leute stricken mag. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass den Auftraggebern der Preis oftmals nicht wichtig ist. Auch wenn heute noch die Aussage passt, dass eine Oma lange dafür stricken muss, wenn es um bestimmte Anschaffungen geht.

Viele Möglichkeiten um Stricken zu lernen

So wie meine Generation das Stricken meist von Mutter und Oma gelernt hat, gibt es heute wesentlich mehr Möglichkeiten. Sicherlich werden viele Kenntnisse auch weiterhin innerhalb der Familien weiter gegeben. Aber auch Bücher und das Internet bieten die nötigen Informationen um Schritt für Schritt mit Stricknadeln und Wolle Kleidungsstücke selbst zu erstellen.

Wer nicht so anonym stricken lernen will, kann sich nach Workshops umsehen. Wenn Geschäfte vor Ort diesen Service nicht anbieten, kann man dort Informationen bekommen, wo es Termine gibt. Aber auch im Internet kann man auf großen Strickseiten, wie Nadelspiel, die Informationen erfragen. Auch die sozialen Netzwerke, wie facebook, bieten viele Gruppen zu Handarbeiten, wo man mit Sicherheit Menschen aus der eigenen Region findet, die ihre Kenntnisse gerne weiter geben.

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