@ Sven Hagolani

 

Wohlstandsfloskeln werden massiv attackiert

Was den Wohlhabenden in den Mund gelegt wird, ist dazu angetan, dass man ein unangenehmes Rühren im Magen verspürt: "Wir verwalten das Erbe und die Privilegien, die man uns in den Schoß gelegt hat". Oder: "Wir kaufen ohne Ende": Da ist sie, die Konsumbesessenheit jener, die es sich leisten können. Eine zur Schau getragene Adelsnoblesse, angeblich verliehen durch eine naturgegebene Fügung. Dass es aus dieser Gruppe auch Individuen gibt, die die Sachlage etwas feinnervig differenzierter betrachten, wird komplett ausgeschaltet. Und kein Wunder, dass sich gegen derartige Äußerungen ein scharfer Widerstandsgeist regt. Eine radikale Stimme fordert die radikale Verteilung der Güter, ein revolutionärer Kämpfer braucht einen Feind zum Kampf und ein Anarchist hält Eigentum für Diebstahl, gemäß dem französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon. Ein Klassenkämpfer, der vielleicht jeden vom Staat zugeschossenen Minimalbrocken knurrend annimmt, will die Spenden und Stiftungen der Wohlhabenden nicht. Bei all den locker hingeworfenen Bemerkungen wird schnell klar, auf welcher Seite die Zuschauer stehen – es ist die der Erniedrigten und Beleidigten. Im Grunde kommt das Projekt von She She Pop 40 Jahre zu spät: Man fühlt sich an eine belehrende Uni-Spontanaktion aus den 70er-Jahren erinnert, in einer Zeit, wo sensibilisierte, denkende Studentenfraktionen in Westdeutschland noch hochpolitisch waren und das Theater als eine Agitprop-Veranstaltung verstanden. Hierzu eine Aussage von Peter Zadek: "Ich halte im Theater nichts von Theorien darüber, ob der Kapitalismus besser oder schlechter als der Kommunismus ist." Nun, ganz die Augen verkleben kann man auch nicht, selbst nicht im Theater. Immerhin schließt der Abend mit einer diskussionswürdigen Schlussfrage: Was, wenn das Eis bricht?

 

Das Publikum ist der Star

War She She Pop noch erträglich, ja einigermaßen ergiebig, so ist Monster Truck mit I feel nothing ein ziemlicher Reinfall. Die Truppe von Monster Truck ist abwesend, doch sie lassen durch Texte von sich grüßen. Eigentlich, so wird vorgegeben, war eine Performance über den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini intendiert, aber sie fällt aus und wird durch einen Rockabilly-Entertainer ersetzt. Das virile Surrogat steht da in einer Art von weißem Overall, das mit blinkenden Goldstückchen ausgestattet ist. Und er spult ein Rock n' Roll-Medley ab: Unter anderem You look like an angel, Blue suede shoes, Return to center, Jail House Rock und Tutti Frutti. Der Musiker hat nicht etwa eine klebrige Gel-Tolle auf der Stirn, auch keinen rohrartig hervorspringenden Haarkamm. Nichts ist Parodie oder Persiflage, der Sänger wartet nicht mit gummiartigen Beinbewegungen auf. Und das vor einer Bühne, auf der ein froschgrünes Bett und ein Podest gar nicht beansprucht werden. Hier handelt es sich um seichtes Entertainment, aber das bereits innerlich berauschte, sich selbst feiernde Publikum findet alles lustig, was auf der Bühne passiert. Man ist unter sich und will sich auf alle Fälle amüsieren lassen, selbst wenn man solch einen Auftritt in einer Unterhaltungsbar mit Elternbegleitung rundweg ablehnen würde. Fazit dieser vorenthaltenden Performances: Am unterhaltsamsten war noch das Publikum, im positiven wie im negativen Sinne.

Theaterdiscounter Berlin

Monologfestival 2016: Aus Liebe zur Welt: Die Umordnung der Dinge.

Vom 20.-30. Oktober 2016

She She Pop mit "Besessen"

Monster Truck mit "I feel nothing"

Kritik vom 29.10. 2016

 

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