Bist du sicher, dass du meine Geschichte hören willst? Die ist nichts für Zartbesaitete, kann ich dir sagen ...

Behaupte also nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Du sitzt ja jetzt schon hier neben mir und bist am Zittern. Na komm, gib's doch zu! Oder soll ich doch ein bisschen näher kommen? Na, siehst du!

Du hast ganz schön Respekt vor mir. Um ehrlich zu sein: Ich frage mich, warum. Ich bin doch viel kleiner als du. Ich habe auch ganz sicher nicht vor, dich zu überwältigen und dich nach Hause in meine Vorratskammer zu schleppen. Haha! Obwohl ich das natürlich könnte … Ein Biss in deinen Nacken und … Ach, jetzt krieg doch nicht gleich wieder Angst! Ich mach doch nur Spaß.

Ich finde es auch ganz schön mutig, dass du dich immer noch nicht von der Stelle gerührt hast. Die meisten Menschen nehmen gleich schreiend Reißaus, wenn ich auftauche. Dabei wollte ich doch schon immer mal einen Menschen aus der Nähe sehen.

Du fragst dich wahrscheinlich, ob ich denn wirklich so gefährlich bin. Schau mich nur an, das sieht man doch gleich: Dieses ganz besondere Muster trage ich nämlich nicht umsonst. Es bedeutet: Vorsicht! Mit der legst du dich besser nicht an.

Obwohl es so einige Nachmacher gibt ... die verkleiden sich wie wir und in Wirklichkeit sind sie total harmlos – na, ihr Menschen fallt da immer wieder darauf herein! Ihr seid ja so leicht einzuschüchtern.

Aber keine Sorge, ich werde dich nicht in den Nacken beißen und meinen Stachel werde ich auch nicht benutzen.

Die Zeiten der Jagd sind für mich vorbei. Bin viel zu müde. Und es gibt ja auch niemanden mehr, den ich versorgen muss.

Die meisten Mitglieder meiner Familie sind tot.

Und unser schönes Nest, unser königlicher Palast, wird bald wie ausgestorben sein. Die Betten der Kleinen, die vielen Etagen, auf denen ich und meine Schwestern schuften mussten bis zum Umfallen – alles leer. Eigentlich schade.

Auch meine Mutter, die alte Königin, ist tot. Ja, ich bin eine Königstochter – da staunst du, was? Aber von wegen Prinzessin und so … ganz im Gegenteil. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn dich deine Mutter nur zum Arbeiten geboren hat?

Für meine Mutter, die Königin, bin ich nur eine Nummer. Eine unter Tausenden. Wie viele tausend Schwestern ich überhaupt habe, das weiß ich nicht … irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.

Ja, mein ganzes Leben lang habe ich nur für meine Mutter und den Palast gearbeitet: Die Kleinen in der Kinderstube versorgen, Beute nach Hause schleppen, die Babys füttern, Abfall beseitigen, den Palast bewachen, an heißen Tagen Wasser herbeischaffen, … Nein, ein Zuckerschlecken ist so ein Leben nicht, das kannst du mir glauben!

Manchmal wünsche ich mir fast, ich wäre als Männchen aus dem Ei geschlüpft. Die sind ja vollkommen nutzlos.

Na, beinahe zumindest – für die Befruchtung brauchen wir sie schon. Damit es auch mit den Babys klappt, du weißt ja. Ansonsten haben diese Faulpelze aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie jagen nicht, sie arbeiten nicht und sie haben noch nicht mal einen Stachel! Wenn du glaubst, dass wir diese Nichtstuer bei uns auch noch durchfüttern, dann hast du dich getäuscht. Glaub mir, wir haben schon so alle Hände voll zu tun! Wer nicht für sich selbst kämpfen und arbeiten kann, der überlebt auch nicht. 

Na ja, um ganz ehrlich zu sein: Überleben wird aus meiner Familie sowieso fast keiner. Mein Vater ist längst tot, meine Mutter ist tot, die meisten meiner Schwester sind tot und ich mach's auch nicht mehr lange … das spür ich in den Fühlern, glaub mir.

Bei uns haben nur ein paar wenige eine Chance, das nächste Jahr noch zu sehen. Meine edlen Schwestern, unsere jungen Königinnen. Eine von denen sitzt dort drüben … ja, genau, dort an der Brombeere. Aber keine Angst, sie wird nicht zu uns kommen. Die sieht uns noch nicht einmal. Und mit dir reden, so wie ich das tue, das würde sie auch nicht. Dafür ist sie viel zu vornehm!

Dabei muss sie erst mal den Winter überleben, wenn sie im nächsten Frühjahr ihren eigenen Staat gründen will. Und dieser Winter, der muss ganz furchtbar sein! Oh, ich habe da Geschichten gehört ... Vielleicht sollte ich mich freuen, dass ich das nicht mehr erleben muss.

Meine Tage sind gezählt.

Nur schade, dass ich kaum noch Kraft habe, in den Palast zurückzufliegen … Ich hätte ihn gerne noch einmal gesehen. Auf unser königliches Nest war ich immer ganz besonders stolz. Schließlich habe ich selbst daran mitgebaut, weißt du. 

Meine Mutter, die Königin, hat unseren Staat gegründet. Ganz alleine hat sie mit dem Palastbau begonnen und ihre ersten Kinder aufgezogen, bis meine ältesten Schwestern alt genug waren, um ihr bei der Versorgung der Kleinen und beim Nestbau zu helfen. Ich weiß nicht, ob ich das geschafft hätte. Meine Mutter, die Königin, und unseren Palast, die hätte ich notfalls sogar mit meinem Leben verteidigt! Was das betrifft, haben wir alle immer fest zusammen gehalten, meine Schwestern und ich. Gemeinsam konnten wir jeden Feind in die Flucht schlagen … Ach, die guten alten Zeiten! 

So, jetzt brauche ich aber dringend etwas Energie, damit ich es überhaupt noch bis zur nächsten Blüte schaffe. Dort drüben blüht Efeu, habe ich gesehen. Dort will ich hin. 

Hör mal, jetzt wo wir ja sozusagen Freunde sind, wie wäre es, wenn du mich einen winzigen Happen von deinem Kuchen naschen lässt? Oder mal an deinem Saft schlürfen? Ich liebe alles, was süß ist!

Und merk dir das, mein Freund ...

Das Leben ist kurz, iss den Nachtisch zuerst. Den Ratschlag hab ich von meiner Mutter, der Königin. Hm, lass mich mal überlegen … oder sagte sie: Wer nicht arbeitet, der hat auch keinen Nachtisch verdient …? Na ja, egal. Bin schon ganz wirr im Kopf vor lauter Hunger.

Du entschuldigst mich? Werde mal sehen, ob mich meine Flügel noch bis zum Efeu da drüben tragen … kannst also aufatmen, bin gleich weg!

Lebwohl!

Auflösung

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Michaela, am 15.08.2015
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Bildquelle:
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