Tippfehler-Domain: Ein typisches Beispiel

Selbst Verbraucherschützer sind vor Trittbrettfahrern offenbar nicht gefeit. Unter www.vz-rlp.de ist die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz zu erreichen. Sich da zu vertippen ist fast programmiert. Schließlich ist die Buchstabenfolge "pl" für die Finger geläufiger als "lp". Wer aus Versehen also www.vz-rpl.de eingab, landete zeitweise auf einer Website, die auf den ersten Blick sogar aussieht wie eine Seite zum Verbraucherschutz. Mit Stichworten wie Baufinanzierung, Geldanlage, Rauchmelder und Mahnverfahren. Erst beim zweiten Hinsehen und nach einigen irritierten Klicks zeigt sich: Das ist alles Werbung. Verbraucher, die eigentlich nach einer unabhängigen Beratung gesucht haben, landen unversehens bei Links von Banken, Versicherungen und anderen gewerblichen Anbietern. Das Motiv solcher Online-Trittbrettfahrer: Jeder Klick fehlgeleiteter Surfer beschert ihnen Werbeeinnahmen.

... Tippfehler-Domain

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Website der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Die Betreiber von Tippfehler-Domains

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hat gegen die Nachahmer-Seite nichts unternommen. Sie hält es für ein aussichtsloses Unterfangen: Die Hintermänner solcher Seiten verstecken sich meist im Ausland und machen sich unerreichbar. Und selbst wenn es gelingen sollte, das Betreiben einer Seite zu untersagen, ist das unter Umständen ein nur kurzfristiger Erfolg. Denn solche Unternehmen werden nach kurzem Namenswechsel erneut aktiv.

Und tatsächlich: Der Betreiber der Tippfehler-Domain www.vz-rpl.de ist eine Firma mit Namen "Integral Assets Ltd.", die laut dem Ländercode KN in Saint Kitts and Nevis, einer Inselgruppe in der Karibik, ansässig ist. Diese Firma unterhält jede Menge weiterer Nachahmer- und Tippfehler-Domains: www. nivea-baby.de beispielsweise oder studievz.de. Insgesamt hat das Unternehmen aus der Karibik laut www.domaintool.com mehr als 3000 weitere Domains für sich gebunkert. Das heißt: Das Geschäft mit Tippfehler-Domains scheint lukrativ zu sein und wird gezielt betrieben.

Webadressen bekannter Firmen bringen es auf eine erstaunliche Anzahl registrierter Tippfehler-Domains. Bei Amazon sind es 50, bei Microsoft 80. Große Firmen mit gut besuchten Internetauftritten gehen deswegen dazu über, Fehler-Adressen mit hoher Vertipp-Wahrscheinlichkeit selbst zu besetzen, um Missbrauch zu vermeiden. Die Lufthansa hat bei der Registrierungsstelle Denic vorbeugend Tippfehler-Domains wie "ufthansa", "lufthnasa", "lufhtansa", "luhthansaa", "lufdhansa", "lfthansa", "lufthanza", "luftanza", "lutfhansa" oder "lufthnsa" untersagen lassen.

Mysteriösen Trittbrettfahrern auf die Schliche kommen

Mithilfe der privaten Website von www.paderbutze.de/typosquat/ lässt sich herausfinden, inwieweit eine bestimmte Adresse von Trittbrettfahrern missbraucht wird. Dort werden die gängigsten Varianten einer Adresse aufgelistet, die durch Tippfehler entstehen können. Zusätzlich werden die IP-Adressen bereits bestehender Nachahmer-Domains ermittelt.

In einem zweiten Schritt lässt sich anhand dieser IP-Adresse über Registrierungsstellen wie Denic oder Whois die Adressen der Nachahmer-Betreiber und der Administratoren herausfinden.

Typosquatting und Domaingrabbing

Typosquatting oder domaingrabbing, diese Stichworte fallen immer wieder, wenn von Tippfehler-Domains die Rede ist. Als squatter werden im Englischen unter anderem Hausbesetzer bezeichnet. Im Internet sind das Domain-Besetzer. Dahinter verbergen sich meist unseriöse Website-Betreiber, die Kunden anderer Adressen ködern, um mit Werbung Geld zu machen. Der englische Begriff domaingrabbing (auch: warehousing) bezeichnet die mitunter missbräuchliche Registrierung einer größeren Anzahl von Internet-Domainnamen.

Typosquatting: So urteilen Gerichte

Ansatzpunkte, um gegen das Geschäftsmodell "Tippfehler-Domain" vorzugehen, bieten das Marken- und Namens-, aber auch das Wettbewerbsrecht. Primär haftet hierfür der Domain-Inhaber, bei der Verletzung von Prüfpflichten kann aber auch der Administrator oder bei.de-Adressen die Registrierungsstelle Denic in die Pflicht genommen werden.

Haftung der Denic

Gerd Altmann/pixelio.deEs ist zwischen den einzelnen Gerichten in Deutschland umstritten, inwieweit die Registrierungsstelle Denic, die alle.de-Adressen verwaltet, bei offensichtlichem Missbrauch mit Nachahmer-Domains in die Pflicht genommen werden kann. 2011 hat sich der Freistaat Bayern dazu bis vor des Bundesgerichtshof geklagt und ein richtungsweisendes Urteil erstritten.

Der Fall: Ein Unternehmen mit Sitz in Panama (!) hatte sich bei der Denic Adressen gesichert, die alle das Wort "Regierung" und einen bayerischen Regierungsbezirk beinhalteten. Der Freistaat verlangte von der Registrierungsstelle, die Registrierung aufzuheben. Die Begründung: Die Denic hätte auf den Hinweis reagieren müssen, dass hier offenkundig eine Namensrechtsverletzung vorliegen muss. Schließlich kann eine Firma in Panama nur wenig mit einer staatlichen Stelle in Oberfranken zu tun haben. Der Freistaat Bayern bekam Recht, die Denic musste die Domains des Betreibers aus Panama löschen (BGH, Urteil v. 27.10.2011, Az. I ZR 131/10).

Verletzung des Namensrechts

Ein freier Journalist hatte die Domain www.bundesliag.de betrieben. Diese Domain wurde wegen der Verletzung des Namensrechts (§ 12 BGB) als unzulässig beurteilt (LG Hamburg, Urteil v. 31.08.2006, Az. 315 O 279/06 (bundeliag.de), rechtskräftig, GRUR-RR 2006, 44). 

Allerdings muss der Name spezifisch sein. So scheiterte die Betreiberin der Seite www.moebel.de, als sie gerichtlich gegen die Tippfehler-Domain wwwmoebel.de vorgehen wollte. Die beschreibende Kennzeichnung werde nicht als Herkunftshinweis auf ein bestimmtes Unternehmen aufgefasst (LG Hamburg, Urteil v. 16.07.2009, Az. 327 O 117/09, K&R 2009, 745).

Wann der Administrator haftet

Gegen die Verwendung der Bezeichnung www.guebstiger.de und www.guenstigert.de war eine einstweilige Verfügung gegen den für die Webseiten eingetragenen Admin-C wegen der Verletzung von Kennzeichenrechten erlassen worden (OLG Hamburg, Beschluss v. 08.01.2009, Az. 5 W 1/09 - günstiger.de, K&R 2009, 345).

Das Zeitarbeitsunternehmen "Bindan" ging wegen einer Markenverletzung (§§ 4 Nr. 1, 5, 14 Abs. 2, Abs. 6, 15 Abs. 2, Abs. 5 MarkenG) gegen die Domain www.wwwbindan.de vor, die für Unternehmen mit Sitz in Dubai eingetragen war. Der Admin-C, der für eine Vielzahl von Domains eingetragen war, habe seine Prüfpflichten verletzt und hafte daher auf Schadensersatz (LG Berlin, Urteil v. 13.01.2009, Az. 15 O 957/07 - Bindan, MMR 2009, 348, ebenso LG Stuttgart, Urteil v. 27.01.2009, Az. 41 O 101/08 KfH - Tippfehler-Domains, MMR 2009, 271).

Wettbewerbsrecht

Unlauterer Wettbewerb: Bei der Wettbewerbszentrale ging 2009 der Beschwerde einer Industrie- und Handelskammer (IHK) nach. Der Trittbrettfahrer hatte eine Tippfehler-Domain mit dem Bestandteil"ihk" für sich registrieren lassen. Auf dieser Internetseite war fremde Werbung in Form von "sponsored links" geschaltet. Alle verwendeten Begriffe dieser Website lehnten sich an die Industrie- Handelskammer und deren Kompetenzbereiche an (Ausbilder ihk, ihk Prüfungen etc.). Sie erweckte also den Eindruck, eine Seite der IHK zu sein. Die Wettbewerbszentrale wertete das als irreführende geschäftliche Handlung, die den Wettbewerb zum Nachteil der Verbraucher und der Konkurrenten beeinträchtigt.

Tipp: An die Beschwerdestelle der Wettbewerbszentrale kann sich jeder wenden, um sich über einen Wettbewerbsverstoßes zu beschweren.

Behinderungswettbewerb: www.wetteronline.de, ein führender Internetanbieter für Wetterinformationen, ging gegen die Website www.wetteronlin.de vor, klagte auf Unterlassung und bekam Recht. Das Oberlandesgericht Köln wertete die Tippfehler-Domain als Form von Behinderungswettbewerb. Das Gericht begründet sein Urteil damit, dass durch diese gezielt gesetzte Tippfehler-Domain der Ruf des Internet-Wetterdienstes geschädigt wird. Außerdem gehen dem Unternehmen durch fehlgeleitete Besucher die für seine Existenz wichtigen Werbeeinnahmen verloren (OLG Köln, Urteil vom 10.02.2012, Az. 6 U 187/11).

Für weitere Fragen: www.domain-recht.de

Für alle, die es genauer wissen wollen: Rundum aufbereitet sind alle Fragen zum Domainrecht auf der Website www.domain-recht.de.

Fotos: Gerd Altmann/pixelio.de

Mondstein, am 04.10.2012
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