Wie Tsunamis entstehen - Nicht jede Riesenwelle entsteht auf die gleiche Weise

Es gibt mehrerer Arten, auf die Tsunamis entstehen können.

  1. Seebeben: Um zu verstehen, wie ein Seebeben zu einem Tsunami führen kann, muss man sich vergegenwärtigen, was bei einem solchen Beben mit dem Meeresboden geschieht. In manchen Fällen entlädt sich die aufgestaute Spannung der tektonischen Platten in der Weise, dass sich die Platten lediglich horizontal verschieben. In diesen Fällen führt ein Seebeben nicht zu einem Tsunami. Wenn dagegen eine vertikale Bewegung der Platten stattfinden, sich also eine ruckartig unter die andere schiebt, kann ein Tsunami entstehen, weil dadurch eine gewaltige Wassersäule in Bewegung gesetzt wird. Findet das Beben dann noch in geringer Tiefe statt und hat eine Stärke von mehr als 7, setzt sich ein Tsunami in Bewegung.
  2. Unterseeische Vulkanausbrüche: Es ist leicht einsehbar, wie ein Unterseevulkan einen Tsunami auslösen kann: Ein Ausbruch spuckt Gas und Lava aus. Das Wasser wird dadurch explosionsartig verdrängt und wieder haben wir die Situation, dass sich eine Wassersäule, die sich vom Meeresboden bis zur Oberfläche erstreckt, ringförmig in Bewegung setzt. Nicht jeder Unterseevulkan löst einen Tsunami aus. Es kommt immer auf die Menge des ausgestoßenen Materials im Verhältnis zur Heftigkeit der Eruption an.
  3. Unterseeische Erdrutsche: Auch bei Erdrutschen an Steilhängen unter der Meeresoberfläche kommt es vor, dass die Masse des in Bewegung geratenden Materials groß genug ist, um genügend Wasser für die Entstehung eines Tsunamis zu verdrängen. Tsunamis dieser Art können absolut verheerend sein. Wir werden später sehen, dass es diese Variante ist, die uns in unseren Breiten Sorge bereiten sollte.
  4. Meteoriteneinschläge: Sind hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt. Sie sind in ferner Vergangenheit schon vorgekommen, sind jedoch statistisch gesehen so selten, dass wir uns darum hier nicht weiter kümmern wollen. Wie absolut vernichtend Tsunamis dieser Art sein können, entzieht sich dem Vorstellungsvermögen der meisten Menschen. Seien wir froh, dass ein solches Ereignis seit Menschengedenken noch nie aufgetreten ist.

Wie häufig sind Tsunamis in der Nordsee?

Das letzte Mal, dass ein Tsunami die Küsten der Nordsee getroffen hat, war im Jahr 1858. Von Sylt, Helgoland und Wangerooge gibt es Augenzeugenberichte dazu. Außer Deutschland waren auch die Küsten der Niederlande, Frankreichs, Englands und Dänemarks betroffen.  Man ist sich relativ sicher, dass es sich tatsächlich um einen Tsunami und nicht etwa um eine Springflut gehandelt hat, weil einige Details der Berichte eindeutig auf charakteristische Merkmale von Tsunamis hindeuten. Vor allem die Schilderungen, dass sich das Wasser vor Eintreffen der Welle zunächst von der Küste zurückgezogen hat, lassen auf einen echten Tsunami schließen.

Einige hundert Jahre zuvor, im Jahr 1580, ereignete sich ein  Seebeben in der Straße von Dover, das ebenfalls einen Tsunami auslöste. Die Welle traf die nordfranzösische Stadt  Calais. Einen Tag später folgte ein weiterer Tsunami, der bis in die Normandie vordrang. Diese zweite Welle hatte schätzungsweise eine Höhe von bis zu fünfzehn Metern.

Die größte bisher aus der Nordsee bekannte Tsunami-Katastrophe ereignete sich vor 7.000 - 8.000 Jahren. Unter dem Namen  "Storegga-Ereignis" ist es in die wissenschaftliche Literatur eingegangen.: Auf einer Länge von 800 Kilometern rutschte der Kontinentalhang vor Norwegen ab. Über 5.000 Kubikkilometer Material gerieten in Bewegung und lösten einen heftigen Tsunami aus, der England, Schottland und Norwegen traf.  Als Grund für diesen gigantischen Hangrutsch vermutet man eine Destabilisierung des Hanges durch abtauendes Methanhydrat. Dieses gefrorene Methanhydrat verleiht dem Kontinentalhang auch heute noch seinen Halt. Als es damals abtaute, führte dies zur Katastrophe.

Könnte es wieder zu einem Tsunami in der Nordsee kommen?

Viele Fachleute sind heute der Ansicht, dass die Nordsee zu flach ist, um einen Tsunami von bedrohlichen Ausmaßen entstehen zu lassen. Sie argumentieren, dass sich die Welle weit vor der Küste bereits brechen würde.

Frank Schätzing beschreibt in seinem Roman "Der Schwarm" aber genau das Szenario, das sich vor 8.000 Jahren beim Storegga-Ereignis abspielte, nur dass er eine solche Katastrophe in unsere Zeit verlegt. Was also ist von solchen Katastrophen-Szenarien zu halten?

Ohne selbst Wissenschaftler zu sein, ist es schwierig, darauf eine plausible Antwort zu finden. Bedenkt man aber, dass die Veröffentlichungen der Studien, welche einen Tsunami in der Nordsee für unmöglich halte, aus dem Jahr 2006 stammen, lohnt sich ein Blick in die aktuelle Presse. Der Spiegel berichtete am 07.04. 2012 von zwei Forschern, die vor der Gefahr warnen, dass so etwas tatsächlich auch heute geschehen könnte. Die Wissenschaftler haben zahlreiche Hinweise auf den Tsunami von 1858 und das Storegga-Ereignis ausgewertet. Gerade der Tsunami von 1858 lässt ein solches Szenario auch heute plausibel erscheinen. Die Nordsee war damals nicht tiefer als heute und doch wurden die Küsten überrollt.

Betrachtet man das Argument, dass die Nordsee für einen schweren Tsunami zu flach sei genauer, wird man feststellen, dass es am Thema vorbei geht. Möglicherweise müssen deutsche Hafenstädte keine Wasserwand von über dreißig Metern Höhe fürchten, doch das ist auch gar nicht nötig, um eine Katastrophe auszulösen. Wer die Fernsehbilder des Tsunamis aus dem Jahr 2004 gesehen hat, weiß, dass bereits eine sechs bis zehn Meter hohe Flutwelle ausreicht, um eine Küstenregion bis weit ins Landesinnere zu verwüsten.

Die von einem möglichen Seebeben oder Hangrutsch in Bewegung gesetzte Wassersäule wird sich trotzdem auf die Küste zuschieben und sie überrollen. Ob sich die Welle bereits weit vor der Küste bricht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Bleibt zu beurteilen, wie es heute zu einem Hangrutsch der Größenordnung von vor 8.000 Jahren kommen könnte. Das Methanhydrat, das den Hang zusammenhält, ist derzeit offenbar stabil. Anlass zur Sorge kann aber die fortschreitenden Erwärmung der Meere geben. Es ist durchaus denkbar, dass der Klimawandel hier eine weitere Gefahr für die Menschheit bereit hält, die bisher noch nicht ausreichend beachtet wurde.

mehr von mir? Dann bestellen Sie meinen Newsletter.

Alle Neuigkeiten von René Junge

Rene_Junge, am 15.10.2012
2 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
Laden ...
Fehler!