Wie heißt es so schön: "Never change a winning team"! Der Ausspruch stammt übrigens von einem ehemaligen englischen Fußballspieler mit dem fast schon fiktiv klingenden Namen Sir Alfred Ernest Ramsey. Garantiert fiktiv sind die Abenteuer eines gewissen Nathan Drake, der gemeinsam mit seinem väterlichen Freund und Mentor Sully legendären Schätzen und mythischen Orten rund um den Globus nachjagt. Freilich: Das 2015 veröffentlichte "Uncharted 4: A Thief's End" zog einen Schlussstrich unter die Abenteuerserie.

Mehr oder weniger, denn obwohl sich Nathan, Sully und Elena in den virtuellen Ruheabend zurückzogen, springt und klettert Nebenfigur Chloe Frazer in die mächtigen Fußstapfen der ungeheuer populären Adventure-Serie. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Doch alles schön der Reihe nach.

Chloe und Nadine im indischen Bleiregen

"Uncharted 4: A Thief's End" war doch nicht das Ende eines Diebes. Zumindest nicht jenes der Diebin Chloe Frazer, die es nach Indien verschlagen hat, um gemeinsam mit Söldnerin Nadine Ross den legendären Stoßzahn der indischen Gottheit Ganesha zu finden. Die Zeit eilt, denn auch der berüchtigte Warlord Asav ist hinter dem Artefakt her, das er nutzen möchte, um einen Bürgerkrieg zu entfachen. Die Schatzsuche entpuppt sich nicht gerade als Honiglecken: Neben der abenteuerlichen Spurensuche, gefährlichen Kletterpassagen und knackigen Rätseln, erweisen sich Asavs schussfreudige Anhänger als stete Gefahr. Ob sich Chloe und Nadine am Stoßzahn die Zähne ausbeißen oder erfolgreich sein werden, hängt somit vom Spieler ab.

Die totale "Uncharted"-Erinnerung

Bringen wir es auf den Punkt: Wer sich von "Uncharted: The Lost Legacy" ein an die Uncharted-Reihe angelehntes Abenteuer erhofft, wird wie bestellt bedient. Tauschte man Chloe und Nadine mit Nathan und Sully aus, ginge das Game als Teil 5 der Serie durch. Die Spieldauer ist etwas kürzer als die Vorgänger, dafür war das Spiel bei Verkaufsstart um Einiges günstiger als beispielsweise "Uncharted 4: A Thief's End" zu haben. Anders als die ersten vier Teile von Naughty Dogs Blockbuster-Serie verlässt "Uncharted: The Lost Legacy" den Handlungsort jedoch nicht und erinnert nicht nur deshalb ein wenig an die Indiana-Jones-Serie. Als deren schwächster Teil wird gemeinhin der ebenfalls in Indien spielende "Indiana Jones und der Tempel des Todes" betrachtet. Hier wie dort wechseln nicht wie in den anderen Teilen die Schauplätze, und hier wie dort sind die Nebenfiguren und insbesondere der Antagonist weitaus weniger schillernd besetzt.

Während Nathan Drake in seinen Abenteuern durchaus interessanten neuen Charakteren wie der Reporterin Elena Fisher oder eben Chloe Frazer begegnet, bleibt in "Uncharted: The Lost Legacy" keine Nebenfigur in Erinnerung. Zudem wirkt der formale Bösewicht Azav wie dem Klischee-Bilderbuch entsprungen und bleibt eindimensional. Natürlich boten auch die Antagonisten aus Drakes Adventures keine ausgefeilten Charakterisierungen, machten aber durch ihre mitunter überzogene Schuftigkeit gute Miene zum bösartigen Spiel.

Apropos Spiel: An den Spielmechaniken wurde nicht erst sonderlich herumgefeilt, und das ist auch gut so. Wer die Uncharted-Spiele kennt, findet sofort in dieses hinein. So gut wie alles aus Teil 1 bis 4 wurde übernommen: Die Klettereinlagen, die auf Reaktionszeit ausgelegten Mini-Rätsel, die ein wenig Tüftelei erforderlichen Quests sowie das Kampfsystem. Erneut stehen zahlreiche Waffen samt stets auffindbarer Munition zur Verfügung. Teilweise lassen sich die Kämpfe allerdings umgehen bzw. ermöglichen Stealth-Einlagen Abwechslung von den erfreulich kurz gehaltenen Ballereien, die gerade in Uncharted 1 bis 3 unnötig in die Länge gezogen wurden. Am oftmals dümmlichen Verhalten der Computergegner hat sich hingegen wenig geändert. Ein bekanntes Problem bei Naughty Dog, das schon beim Meisterwerk "The Last of Us" für berechtigte Kritik sorgte.

Im indischen Dschungel-Camp

Sei's drum. Ein Game wie "Uncharted: The Lost Legacy" lebt schließlich vom Spielspaß, der Grafik und der Atmosphäre. Auch hierbei erinnert der Spin-off nicht zufällig an die Nathan-Drake-Abenteuer, vor allem an den (angeblich) letzten Teil "A Thief's End", sodass man sich des Eindruck nicht erwehren kann, Naughty Dog hätte sich der Grafik aus dem Vorgängertitel bedient. Selbst die Fahrt-Einlagen mit einem Jeep über Stock und Stein erinnert verblüffend an Nathans Madagaskar-Rallye, ebenso wie die starren Levels, die eine open world lediglich vortäuschen. Sämtliche Wege müssen wie vorgegeben abgeschritten werden, um im Spiel vorwärts zu kommen. Eine Entscheidungsfreiheit wie in open-world-games existiert nicht.

Selbst die Rätsel ähneln jenen, die Nathan Drake absolvieren musste, bis hin zu einer langen, aufreibenden Actionsequenz auf einem fahrenden Zug wie im zweiten Uncharted-Teil. Atmosphärisch weiß das Game zu gefallen, auch wenn die Dschungel-Schauplätze seltsam steril wirken. Ansprüche an Realismus sollte man von dieser Serie ohnehin nicht erwarten: Wie weiland Nathan Drake führen Chloe und Nadine völlig unmögliche Klettermanöver durch und hangeln sich in luftigen Höhen selbst mit einer Knarre in Händen zielsicher durchs Gebirge oder hüpfen rückwärtig meterweit von einer Gesteinswand zur nächsten, als wäre die Gravitation aufgehoben.

Geklonte Lara Croft?

Dezent spaßhemmend ist leider das Protagonistenpärchen. Als Nebencharaktere passten Chloe und Nadine gut zum selbstironischen Nathan bzw. zum gerne mal schlüpfrige Altherrenzoten absondernden Sully. In der Rolle der alleinigen Protagonistinnen wirken die beiden leider ein wenig blass. Während Chloe noch ein bisschen rauen Witz versprüht, findet man als Spieler zur Söldnerin Nadine keinen rechten Zugang. Der Versuch, Chloe eine Hintergrundgeschichte zu geben, ist ehrsam, erinnert aber zu stark an jene Lara Crofts, wie überhaupt Chloe auch optisch verdächtig an die Tomb-Raider-Heldin gemahnt. Nadine Ross, die in "Uncharted 4: A Thief's End" noch die Schurkin verkörperte, musste ein bisschen jener Kampfkraft lassen, die es ihr im vierten Uncharted-Teil noch ermöglichte, zwei kräftige, erwachsene Männer wie Püppchen zu verdreschen. Auch ihr wurde eine pseudomäßige Hintergrundgeschichte verpasst, sodass sich mitten im Game ein wenig das Gefühl einstellt, Hersteller Naughty Dog hätte Lara Croft gleich zweimal klonen wollen, nach dem Motto: Eine Lara Croft ist gut, wie gut müssen erst zwei davon sein?

Entsprechend hölzern und bemüht klingen denn auch die Dialoge zwischen den beiden. Vom Wortwitz zwischen Nathan, Sully, Elena & Co. Ist hier kaum bis gar nichts mehr zu spüren. Gerade die Uncharted-Spiele sind ein Paradebeispiel dafür, wie man eine Abenteuerserie mit teils völlig absurden Handlungen und mythischen Elementen mittels süffisanten Kommentaren und trockenem Wortwitz hinreichend auflockert. Sprich: Die Chemie zwischen Chloe und Nadine will einfach nicht so recht funktionieren. Da hilft selbst das Auftauchen eines aus "Uncharted 4: A Thief's End" bekannten Charakters wenig.

"Uncharted: The Lost Legacy": Gut, aber nicht gut genug für Uncharted

Natürlich kommt während der etwa acht Stunden – falls man sich Zeit lässt und jedes Pixel erkundet - langen Spielzeit keine Langeweile auf und man möchte wie bei einem Pageturner wissen, wie es weitergeht. Das insbesondere aus den Uncharted-Teilen 1 bis 3 bekannte Kribbeln und Zittern um die sympathischen Protagonisten stellt sich nicht ein. Letzten Endes erscheint "Uncharted: The Lost Legacy" wie der Nachtisch zu einem überreichlichen Hauptgang: Eigentlich hat man keinen Hunger mehr, aber wenn es schon so verlockend auf dem Tisch steht, nimmt man das Dessert halt auch noch mit. Im Vergleich zu den Teilen 1 bis 4 fehlt es hauptsächlich an örtlicher Abwechslung und an liebenswerten Protagonisten. Chloe wäre sicher ausbaufähig, indem man ihr die Lara-Croft-Attitüden austriebe und ihr einen oder mehrere interessante Charaktere an die Seite stellte. Nadine vermag über die Rolle der Fantasy-Kampf-Amazone kaum hinauszuwachsen.

Der Spielspaß wird davon lediglich getrübt, nicht jedoch beeinträchtigt. Wer die Uncharted-Reihe liebt, wird diesen Teil wohl kaum zum Lieblingstitel erklären, sich aber dennoch gut unterhalten fühlen. Der geradezu süchtig machende Wiederspielfaktor der Vorgängerteile fehlt aber. Ob es weitere Spin-offs oder gar ein Reboot der Serie geben wird, steht in den Sternen. "Uncharted: The Lost Legacy" wäre jedenfalls ein guter Abschluss der Uncharted-Reihe. An Möglichkeiten zu einem Reboot der Drake-Serie sollte es gerade angesichts des Endes von "A Thief's End" nicht mangeln, ganz zu schweigen von potenziellen Prequels. Naughty Dog ist schließlich immer für eine Überraschung gut – warum sollte nicht eines Tages, mit erneutem Verweis auf "A Thief's End", ein weiteres aufregendes Abenteuer mit einem Drake in die Playstation, äh, ins Haus stehen?

rainerinnreiter, vor 21 Tagen
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