Die "Dangerous Wreck"-Studie

Laut einer Studie, die die inzwischen weltbekannte Biologin Dagmar Schmidt Etkin bereits vor einigen Jahren erstellt hat, liegen rund 8.500 Wracks vor den Küsten, die geborgen werden sollten. Gezählt hätte sie in erster Linie die Wracks größerer Schiffe, also über 400 Bruttoregistertonnen. Diese wären, so Etkin, an den Seeschlachtschauplätzen und entlang der Handelsstraßen versenkt worden. Dennoch würde diese Zahl nicht alle umfassen. Dringend zu bergen wären zumindest fünf der Schiffe, versenkt vor der Küste der USA. Insgesamt würden in den Meeren noch 15 Mio. Tonnen Öl in den Tankern liegen. Das Problem ist vor allem ökologischer Natur: Bei den von Etkin erwähnten Problem-Schiffen tritt bereits Öl aus!

 

Diese Wracks haben, laut Etkin, also höchste Priorität. Allerdings hat die Küstenwache die Entscheidungsgewalt, ob sie diese Projekte in Angriff nimmt oder nicht. Und tatsächlich scheint sich hier ein weiteres Spannungsfeld abzuzeichnen, denn die Politik vergibt Gelder lieber an Akteure, deren Problem akut und highly visible ist. Technisch gesehen dürfte das Abpumpen von Öl auch in großen Tiefen kein Problem darstellen. Nicht nur die USA ist dazu fähig, auch die Küstenwache Norwegens hat gezeigt, dass bei entsprechendem politischen Rückenwind Öl aus den Wracks abgepumpt werden kann. Norwegen ließ präventiv sieben Wracks an der Küste auspumpen, um einer künftigen Umweltkatastrophe vorzubeugen.

 

Die ominöse Berechnung der Bergekosten

Auch in der Danziger Bucht ticken die Zeitbomben. Eine davon heißt "Stuttgart" und ist ein Lazarettschiff. Das ausgelaufene Öl verseucht die Bucht bereits in einem Gebiet von 45.000 Kubikmeter. Dieses Öl ist hochgiftig. Das macht auch die Bergung so schwer, denn wohin mit dem gehobenen verseuchten Meeresboden? Auf Polen kommen erhebliche Kosten zu. Und das, obwohl die Rechtslage eigentlich besagen würde, dass die Verantwortung beim Flaggenstaat liegt. Doch wenn es im Rahmen einer kriegerischen Handlung sank, entstehen keine Haftungsfolgen, besagt wiederum das Kriegsrecht. Während sich die Juristen hinter den Gesetzen verstecken, wird es für die Umwelt immer brenzliger: Höchste Dringlichkeit ist geboten, will man die Unterwasserwelt von den Kriegsfolgen schützen.

 

Eine andere Frage sind die Wrack-Bergekosten, die geradezu enorm sind. Zwar ist Jim Elliott von der Vereinigung der amerikanischen Bergungsunternehmen sich gewiss, mit jedem Wrack fertigzuwerden, doch hat man gerade erst bei der Aufrichtung und Bergung des gigantischen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia durch ein italienisches Konsortium bemerkt, welch enorme Ressourcen diese Operationen verschlingen: Lohn für 500 beteiligte Mitarbeiter, ca. 600 Mio. Euro an Bergekosten. Man hatte zuvor die Kosten auf etwa die Hälfte geschätzt!

 

Die USA hat schon seit den 60er Jahren Erfahrung in der aufwendigen Bergung von versenkten Booten. Konkret hat sie die CIA eingesetzt, um wiederum im Rahmen des Azorian-Projects die USS Halibut umzurüsten und dazu den Milliardär Howard Hughes überredet, sich zu beteiligen. Das mit Kameras und Unterwasserscheinwerfern ausgerüstete Bergeboot namens Hughes Glomar Explorer wurde 1974 zur Untergangsstelle des russischen U-Boots U 129 gesteuert. Es war speziell für die U-Boot-Bergung ausgerüstet. Der Greifarm schloss sich um das U-Boot, doch dieses zerbrach im Zuge der Bergung in zwei Teile, weshalb zunächst nur einer der Teile geborgen werden konnte. Acht Tage später folgte die Bergung des Rests des Wracks. Man fand sechs tote Seeleute. Bei einer Untersuchung stellte man fest, dass das Wrack mit Plutoniumhydroxid kontaminiert war. Dies lässt auf die Detonation der Nukleartorpedos an Bord schließen. Daraus lässt sich erkennen, wie komplex ein solches Unterfangen ist. Und gefährlich.

Hughes Glomar Explorer
Der genial konstruierte Glomar ...

Der genial konstruierte Glomar Explorer (mit in die Tiefe senkbaren Greifarm und Pool für die Fundgegenstände) (Bild: http://planetearthandhumani...)

Über zwanzig Jahre Chemiewaffen-Convention!

Zwar gab es 1945 in der Potsdamer Konferenz den Beschluss der Alliierten, die Chemiewaffenvorräte in die Meere zu werfen, doch gab es auch bereits früh, 1970 einen Einstellungsbeschluss der Verklappung von Chemiewaffen. 1995 einigten sich 130 Staaten auf die Chemiewaffenkonvention, die den Einsatz, die Lagerung, die Herstellung und die Entwicklung von Chemiewaffen verbietet, und 1997 in Kraft trat. Und dennoch lagern vor der Küste Deutschlands 300.000 Tonnen Chemiewaffen.

Wie stellen wir es also an? Sollte man zuerst alle Subs die eventuell sogar noch (atomar bestückte) Torpedos an Bord haben, bergen? Soll man zuerst Zonen und Quadranten einteilen, scannen und systematisch Meter für Meter die Boote und Munition bergen? Soll man sie nach historischem Wert reihen, um damit Museen zu füllen um sie der Nachwelt zu erhalten? Oder sollte man jene Boote bevorzugt behandeln, von denen noch der eine oder andere einstige Spezialist am Leben ist und über die Bauart Aufschluss geben kann? Gerade in Hinblick auf die vor sich hinrostenden U-Boote und Schiffe in Gewässern Nordeuropas gibt es auf den ersten Blick keine Hindernisse, sie zu bergen und in ihre Einzelteile zu zerlegen. Oberflächennah wäre es eher von Vorteil, sie bald aufzuschließen, ehe sie ihre Reste an Treibstoffen und Gefahrengut noch ins Meer verteilen können. (Und das ist ziemlich ein Auftrag, denn die Grauen Wölfe, wie die Jagdbrigade genannt wurde, versenkte allein 1942 alle sechs Stunden ein Schiff.)

 

Friedlich, wie sie so rumliegen: ...

Friedlich, wie sie so rumliegen: Ein deutsches Sub - es wird gerätselt, ob es ein U 122 oder 123 ist. Baujahr: 1918. Aber wir haben ja noch Zeit! (Bild: http://gingerliberal.blogsp...)

Bergung? Nie gehört!

Und was ist denn ein mit Schweröl, Chemie- und anderen Waffen bestücktes Schiff am Meeresboden, wenn nicht ein Chemiewaffenvorrat? Dennoch hat man sich 2014 gegen die flächendeckende und bedingungslose Bergung von Munitionsaltlasen in der deutschen Nord- und Ostsee ausgesprochen. Aus Sicht der Spezialisten, hört man, die Bergung "stelle potenziell ein Risiko für die Meeresfauna und -flora dar". Und das passt so gar nicht in die sonst so um die Umwelt bemühte Bundesrepublik. Es ist eine Entscheidung die die offensichtlich bereits stattfindende Vergiftung der Nahrungskette fortsetzt. Es dauerte bis 2019, bis wieder ein Vorstoß gewagt wurde, diesmal vom Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Hans Joachim Grote, der darin eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sieht und eine Frage der inneren Sicherheit. Und auch als unbeteiligter Dritter kann man sich nur darüber wundern, dass die Mengen an Arsen, Sarin, Phosgen, Soman, Senfgas und Tabun keine angemessene Bedrohung darstellen. Klingt, als hätte man Angst davor, die Kampfstoffe zu bergen. Tatsache ist aber, der Einsatz von Tauchrobotern ist heute im Bereich der Unterwasser-Plünderer gang und gebe. Somit sollte es doch für die Trupps der Spreng/Kampfmittelbeseitigung eine Kleinigkeit sein, sich solche zu entwickeln oder anzukaufen. Die Männer (und auch die Frauen) in den Wehren sind doch immer so stolz auf ihre Fähigkeiten!

 

Klar ist, die Kosten sind enorm und lassen sich gerade bei Projekten zur Energiegewinnung leicht an den Auftragsnehmer übertragen. Aber klar ist auch, dass dies auf die Tarife aufgeschlagen wird und wieder der Endnutzer zahlt. Dies wird gern praktiziert – der Gewinn wird privatisiert, die Umweltzerstörung sozialisiert. Aber wir haben es bemerkt. Also Augen auf, Verantwortliche! Ihr könntet dabei von der Bevölkerung gesehen werden.

Hughes Glomar Explorer:

http://gcenergyservices.com/archives/561

 

Seehund Recovery:

https://youtu.be/OZLf-nW338s

 

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