Schöne neue Arbeitswelt?

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Vorurteil: mehr Kooperation und Kommunikation im Großraumbüro

Ein Argument, das Befürworter von Großraumbüros allerdings immer unwidersprochen ins Feld führen konnten, war das der besseren Kommunikation und Kooperation. Selbst auf Wikipedia findet man einen entsprechenden Hinweis: "Zudem soll die Kommunikation der Beschäftigten gefördert werden."

Und auch bekannte Internetseiten wie ABSOLVENTA stimmen den beruflichen Nachwuchs auf die Vorteile des Großraumbüros ein:

  • "Die Kommunikationswege sind kurz. Anstatt zu telefonieren, zu chatten oder erst ein Meeting zu planen, kann man Face-to-Face miteinander sprechen, was immer noch die beste Form der Kommunikation darstellt. 
  • im Großraumbüro lernt man die Kollegen viel schneller kennen. Wer ist witzig, wer ein Tollpatsch, wer hat immer wieder gute Ideen? Man stellt das nicht nur im persönlichen Gespräch fest, sondern auch indem man zuhört, wenn sich die Kollegen unterhalten."

Klingt ja auch einleuchtend und folgt ein wenig dem Motto: je mehr, desto lustiger bzw. kommunikativer / kooperativer. Aber wie so oft ist etwas, das plausibel klingt, deshalb noch lange nicht richtig.

Mehr Zusammenarbeit und Kommunikation im Großraumbüro? Eine Studie weckt deutliche Zweifel

Denn eine Studie des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Klinikum der Universität München aus dem Jahr 2016 kommt zu einer völlig anderen Einschätzung. Es ergab sich bei dieser Untersuchung eine sehr spannende Konstellation: Nur ein Teil der 248 Mitarbeiter eines internationalen Großkonzerns musste in Großraumbüros umziehen, während ein kleinerer Teil in Einzel- oder Gruppenbüros verblieb. 18 Monate später beantworteten dann über 96 % (!) der Mitarbeiter einen Fragebogen zu

  • Psychosozialen Arbeitsbedingungen (Ressourcen und Stressoren)
  • Zufriedenheit mit Umgebungsfaktoren
  • Anzahl der Personen pro Bürofläche
  • Physischer und psychischer Gesundheit

Erschreckendes Ergebnis: Während die negativen Effekte wie Arbeitsunterbrechungen und Qualitätseinbußen mit der Anzahl von Personen je Bürofläche erwartungsgemäß zunahmen, wiesen "Indikatoren für Kooperation und Kommunikation (soziale Unterstützung durch Kollegen, Austausch und Sicherheit im Team, Qualität der Zusammenarbeit) keinerlei Zusammenhänge mit der Büroraumbelegung" auf.

Anders ausgedrückt: Die propagierten Vorteile eines Großraumbüros im Hinblick auf Kommunikation und Kooperation waren nicht nachzuweisen.

Fazit

Eine einzelne Studie mag noch kein endgültiger Beleg dafür sein, dass Großraumbüros für die Kommunikation und Zusammenarbeit von Mitarbeitern keinerlei Vorteile bieten.

Das Pauschalurteil der Befürworter von Großraumbüros im Sinne eines "viel hilft viel" hat allerdings durch diese Untersuchung einen deutlichen Dämpfer erlitten.

Coworking Spaces: Großraumbüro ganz anders

Deutlich von Großraumbüros zu unterscheiden ist eine - zumindest in Deutschland - noch recht neue Entwicklung: die der sogenannten Coworking Spaces. Hier finden sich Freiberufler, Selbständige und Digitale Nomaden in großen, offenen Räumen zusammen, um ihren jeweiligen Projekten nachzugehen. Meistens kann zwischen Tages-, Wochen- und Monatspauschalen gewählt werden, die an den Betreiber des Coworking Spaces zu entrichten sind.

Die Zahlen sind beeindruckend: Auf einer Internetseite wie https://www.coworking.de/ finden sich in Deutschland mittlerweile bereits über 300 Coworking Spaces.

Auf den ersten Blick einem Großraumbüro nicht unähnlich, gibt es allerdings zwei gewaltige Unterschiede:

  1. Die Arbeitenden halten sich freiwillig dort auf
  2. Sie können sich auch jederzeit an ihren privaten Arbeitsplatz zurückziehen.

Erste Untersuchungen zeigen interessanterweise, dass die Effekte im Hinblick auf soziale Unterstützung und Zusammenarbeit hier im Gegensatz zum Großraumbüro sehr positiv sind.

 

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