Mehr als tot - geht das?

Als ich vor ein paar Jahren meine Magisterarbeit zum Thema "verstärkende Wortbildungen" schrieb, wurde ich mit einem Wort konfrontiert, das ich zwar kannte, mit dem ich mich aber bis dahin noch nie genauer beschäftigt hatte. Dabei drängt sich linguistisch interessierten Zeitgenossen das Bedürfnis, dem Ursprung des Adjektivs "mausetot" genauer nachzugehen, geradezu auf! Fakt ist, dass Adjektive  und Substantive gesteigert werden können. Und Fakt ist auch, dass in der deutschen Sprache dafür gerne Tiere verwendet werden, denen die ihm Grundwort genannte Eigenschaft nach allgemeinem Verständnis eigen ist (wie etwa bei "löwenstark" und "Bärenhunger") 

Mäuschen (Bild: Major John / pixelio.de)

Bei "mausetot" will das  aber aus gleich zwei Gründen nicht so recht passen. Zum einen stellt der Tod bereits einen Zustand dar, der sich weder verstärken noch in irgendeiner Art steigern lässt. (Soweit mögen mir an diesem Punkt hoffentlich auch jene zustimmen, die sich intensiv mit dem Thema "Leben nach dem Tod" beschäftigen). Zum anderen: Wieso tritt hier gerade die Maus als verstärkendes Wortbildungselement auf?

Könnte es etwa damit zu tun haben, dass sich die damals irrtümlich zum Überträger der Pest erklärte Maus als Bote des "Schwarzen Todes"  tief in unser sprachkulturelles Gedächtnis eingebrannt hat? Müssten wir ihr dann nicht in Zeiten von "political correctness" eigentlich sogar eine sprachliche Form der Wiedergutmachung zukommen lassen, indem wir stattdessen den Ausdruck "flöhetot" verwenden?

Wenn "Berliner Schnauzen" Fränzösisch parlieren - Unvermögen oder Absicht?

Die Wahrheit ist: Mit Mäusen hat das Adjektiv des Anstosses nichts zu tun, sondern mit der Stadt Berlin. Vor allem im 19.Jahrhundert galt es hier als besonders vornehm, französisch zu sprechen oder Konversationen zumindest mit ein paar französischen Wortfetzen aufzuwerten.

Hand am Ohr (Bild: Rainer Sturm / pixelio.de)

Sei es nun, weil so manche Person aus "besserem Hause" am Ende dann doch nicht so sprachbegabt und kultiviert war, wie sie dachte, oder, weil sich gewitzte "Berliner Schnauzen" über dieses französische Gebahren lustig machen wollten: Das französische "mort aussitôt" (=sofort, auf der Stelle tot) wurde, weil es sich in Berliner Ohren sehr ähnlich anhörte, kurzerhand zu "mausetod". Gleiches geschah mit dem Adjetiv "mutterseelenallein", das nichts mit den Seelen allein gelassener Mütter zu tun hat, sondern dem französischen "moi tout seul"  ("ich ganz allein") nachgebildet ist.

Herr Ballhorn junior musste mit seinem Namen herhalten...

Die oben genannten Sprachanpassungen wer-den als "Verballhornung" bezeichnet, benannt nach dem Lübecker Buchdrucker Johann Ballhorn (jun.). Dieser soll Ende des 16.Jahrhunderts Abdrucke veröffentlicht haben, die im Gegensatz zu den älteren Ausgaben viele Sinn entstellende Fehler enthielten. Ursprünglich mit dem Ziel angetreten, verbesserte Exemplare zu produzieren, erreichte er genau das Gegenteil und wurde so zum Namensgeber des Verbs "verballhornen". Doch auch, wenn  es das alternativ verwendete "verschlimmbessern" nahe legt; in den wenigsten Fällen wird unbewusst und mit guter Absicht "verballhornt". Meistens dienen  "Verballhornungen" dem Spott und der Parodie; werden also absichtlich vorgenommen.

"Agathe Bauer" und "Anneliese Braun" im "Schnitzelwagen"

Alles bisher genannten Verhörer haben zwei Dinge gemeinsam. Zum einen sind sie wichtiger Bestandteil von Wortbildungsprozessen und Sprachwandel. Zum anderen sind sie unter dem Deckmantel ihrer Alltäglichkeit als solche erst einmal gar nicht zu erkennen. Nur wer sich die Mühe macht, ihr Geheimnis zu enthüllen, kommt am Ende auch in den köstlich-amüsanten Genuss ihrer Entstehungsgeschichte. Und findet in manchen Fällen sogar heraus, dass es sich in Wirklichkeit gar nicht um "echte" unbeabsichtigte, sondern absichtliche Verhörer handelt.

Doch es geht auch anders, ohne Detektivarbeit. Und diese andere, zweite Form, sich über Verhörer zu amüsieren, erfreut sich mittlerweile allergrößter Beliebtheit. Verhörer bei Liedtexten sind Inhalt von Buch-Bestsellern, füllen das Unterhaltungsprogramm populärer Radiosender und werden auf Internetseiten gesammelt und diskutiert.

Auch diese Verhörer entstammen oft fremdsprachigen Texten, aus denen wir Wörter und Formulierungen der eigenen Muttersprache herauszuhören glauben. So manche englische Textzeile, die uns in Kindertagen als scheinbar sinnlose Kombination deutscher Worte Rätsel aufgab, wurde uns erst später, mit besseren Englischkenntnissen, vollends verständlich. Doch gefeit gegen auditive Fehlinter-pretationen sind wir auch als polyglotte Erwachsene nicht. So glauben wir - der eine mehr, der andre weniger -  in der Textzeile "All the leaves are brown" des "The Mamas and the Papas"-Songs "California Dreamin´" eine Frau namens "Anneliese Braun" identifizieren zu können und deuten SNAP´s "I´ve got the Power" als Ode an eine gewisse "Agathe Bauer".

Soramimi und Mondegreen - Von "leeren Ohren" und unglücklichen Liebespaaren

Für "Hörunfälle" wie Anneliese Braun" und "Agathe Bauer" gibt es einen spezielles Fachwort: Soramimi; ein japanisches Wort, das übersetzt "leeres Ohr" bedeutet.

Roland Kaisers "Schnitzelwagen" (falsch herausgehört aus der "Santa Maria"-Liedzeile: "den Schritt zu wagen") ist ein prominentes Beispiel dafür, dass auch Songtexte der eigenen Sprache falsch verstanden werden können.  Amerikaner bezeichnen diese Verhörer seit den 50er Jahren als Mondegreens, benannt nach einem von der Autorin Sylvia Wright niedergeschriebenen Kindheitserlebnis.

Diese hatte in jungen Jahren aus der Zeile "They ha'e slain the Earl O'Murray / And laid him on the green" (Sie hatten den Earl of Murray erschlagen / Und legten ihn aufs Gras) der schottischen Ballade The Bonny Earl Of Murray" die Worte "They ha'e slain the Earl of Murray / And Lady Mondegreen." (Sie haben den Earl of Murray erschlagen / Und Lady Mondegreen.) herausgehört. Die Erkenntnis, dass hier nicht das tragische Schicksal eines Liebespaares besungen wird, kam ihr erst viele Jahre später, als sie auf den Originaltext stieß.

 

Misheard Lyrics - Verballhornung von Songtexten

Selbstverständlich können fremdsprachige Songtexte ebenfalls "verballhornt" und  absichtlich falsch ins Deutsche oder andere Sprachen übersetzt werden. Auf You Tube gibt es mittlerweile eine Vielzahl populärer "Misheard-Lyrics"-Videos, allen voran die Werke der Video- und Netzkünstlerin Kathrin Fricke alias "Coldmirror". Hier ein Beispiel:

Ein Volk von Falsch-Verstehern - Verhörer sind menschlich und gemeinschaftsbildend

Der öffentliche Austausch über Songverhörer sorgt nicht nur für Lacher, sondern durchaus auch für ein Gefühl der Verbundenheit; sofern man bereit ist, über sich selbst und die eigene "Taubheit" lachen zu können. Als ich bei meiner Recherche für diesen Artikel herausfand, dass ich keineswegs die einzige bin, die bei der "Ich+Ich"-Liedzeile "Es tobt der Hass da, vor meinem Fenster " lange Zeit einen vor dem Fenster herumtobenden Hamster zu identifizieren glaubte, war ich jedenfalls ebenso amüsiert  wie erleichtert, diesen kleinen "Fauxpas" nicht allein begangen zu haben. Irren ist eben menschlich.

kreaTexta, am 30.01.2012
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Bildquelle:
Karin Scherbart (Sudoku einfach lösen - Varianten für Anfänger, Fortgeschrittene und...)

Autor seit 5 Jahren
14 Seiten
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