Tadellos: Das Rundum-Lob unserer Groß- und Urgroßeltern

Man kann es so schön nachdrücklich betonen: ta-del-los. Und schon hat man hat den strengen Lehrer hinter seinem Stehpult vor Augen oder den Oberfeldwebel, der den Spint kontrolliert. Tadellos kann wirklich alles sein. Synonyme.woxikon.de nennt für dieses Wort 25 Synonymgruppen – von ordentlich und beispielhaft über adrett und aufgeräumt bis zu fehlerfrei und frei von Schuld. Kurz: Es gab fast nichts, das nicht als tadellos bezeichnet werden konnte, wenn es denn wirklich etwas zu loben gab. Gerade während der Nazi-Zeit hatte das Wort offenbar Konjunktur: Walter Kempowski hat die Erinnerungen an seine Kindheit während der Jahre 1938 bis 1945 in dem Roman Tadellöser und Wolff verarbeitet. Der Vater Karl, der darin vorkommt, liebt Zigarren der Marke Loeser & Wolff – und zwar so sehr, dass er für sein Lob eine eigene Form der Steigerung wählt: tadellos, tadellöser, Tadellöser und Wolff.

Prima und klasse: Die Sache mit dem Oben und Unten

Wenn etwas richtig gut ist, ist es ganz oben oder vorne angesiedelt. Prima hat im Hinblick auf seine lateinische Herkunft mit diesem Dasein als Erster zu tun. Aber hier weiß der Duden doch Genaueres: Das Wort war zunächst unter Kaufleuten üblich: ein Ausdruck für Ware von bester Qualität. Erstklassig eben. Die Abkürzung dazu: I a.

Auf das Oben und Unten bezieht sich noch ein Wort aus dem Begeisterungsvokabular: klasse. Oder laut Duden: Etwas oder jemand ist so großartig, dass das oder der Betreffende begeisterte Bewunderung hervorruft. Prima würde ich zeitlich in die 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts verorten, klasse war in jedem Fall in den 60er- und 70er-Jahren gang und gäbe. Oder erinnern Sie sich da genauer?

Das war spitze: Hans Rosenthal

Ich werde ihn wohl immer vor Augen haben, wenn jemand spitze sagt: Hans Rosenthal. 15 Jahre lang (1971 – 1986) moderierte er im ZDF die Spielshow Dalli Dalli. Ab 1976 war es Kult, dass der Showmaster bei besonders guten Kandidaten den Zuschauern zurief: Sie sind der Meinung, das war... und das Publikum ergänzte: ...spitze! Hans Rosenthal machte dabei einen Luftsprung, der im Bild gefror. Für die damalige Technik eine Herausforderung.

Mal reinsehen? Das hier ist eine Folge von Dalli Dalli mit dem 17-jährigen Günther Jauch als Kandidaten, der damals bestimmt nicht ahnte, dass auch er einmal als Quizmaster zum prägenden Gesicht einer Fernsehshow werden würde. Das Publikum fand ihn jedenfalls damals schon spitze.

Und noch ein paar Sätze zu Hans Rosenthal: Er war jüdischer Herkunft, die Nazis brachten seine ganze Familie um. Er selbst überlebte nur, weil er sich als 18-Jähriger zwei Jahre in einer Berliner Kleingartenanlage versteckte.

Er blieb aber nach dem Krieg in Deutschland, kam über den Rundfunk zum Fernsehen, wo er über Jahrzehnte für gute Unterhaltung sorgte.

Toll und irre: Wenn sich die Bedeutung ins Positive wendet

Meine Mutter sagte es manchmal: "Du bist ja toll." Leider kein Kompliment, wie ihr vorwurfsvoller Unterton signalisierte. Es war eine der nachdrücklichen Warnungen, wenn ich ihrer Meinung nach so richtig daneben lag. Toll war eben nicht zu allen Zeiten positiv gemeint. Das zeigen schon veraltete Begriffe wie Tollhaus, liebestoll und tollkühn, die alle andeuten, dass da im Denken etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – aus welchen Gründen auch immer. Heute dagegen ist echt toll immer positiv gemeint. Eigentlich eine irre Karriere für so ein kleines Adjektiv. Apropos irre: Auch dieses Wörtchen hat es geschafft, der Psychoschiene zu entkommen und sich eine breite Bühne zu erobern. Es gibt bestimmt einen linguistischen Fachbegriff für diese Form des Bedeutungswandels... 

Super: das Rundum-Talent der reinen Begeisterung

In seiner sprachlichen Vielseitigkeit ist super ein Universalgenie: Es kann allein stehen, sich mit Adjektiven, Substantiven und Verben verbinden: supergeil, superlässig, superlieb, ein Superangebot, ein Superfußballer, eine Superchefin. Oder sich super verstehen oder sich super fühlen. Natürlich kommt super aus dem Lateinischen, dort bedeutet es so viel wie oben oder darüber sein.

Auch das Marketing hat dieses sprachliche Rundum-Talent entdeckt. Edeka nutzt es als Grundlage für eine ganze Werbespot-Staffel:

Supergeil und echt porno: die Youngsters im Lob-Vokabular

Wer hätte gedacht, dass Edeka die elegante Überleitung zu supergeil und echt porno liefern würde? Diese beiden unreifen Früchtchen sind die Youngsters im Vokabular der reinen Begeisterung und es bleibt abzuwarten, ob sie zu Evergreens avancieren oder irgendwann einfach veralten und wieder von der Bildfläche verschwinden. Die Kleinen im Kindergarten finden echt porno jedenfalls richtig klasse – schon allein deswegen, weil Erwachsene dann immer so schön nach Luft schnappen, rot anlaufen und überlegen, wie sie jetzt reagieren sollen. Die Großen in Verlegenheit zu bringen: echt porno!

Mondstein, am 28.05.2014
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