ORF, 29.4.1986

Günter Schmidt, erfahrener ORF-Journalist, spricht in einer fast 10 Minütigen Nachrichtensendung von einer "'Atomkatastrophe bei Kiew, ein Reaktor brennt, bisher keine Klarheit über die Art des Unfalls". Die radioakive Strahlung, die in die Umgebung entwich, wurde sogar in Skandinavien gemessen! In Österreich war die "Strahlenbelastung geringfügig leicht angestiegen", eine Formulierung, die Fragen offen ließ. Angeblich hat es bei dieser "Hawarie", die später zu einer "Katastrophe" wurde, zwei Tote gegeben. Dann wird ein Korrespondent eingeblendet, der die Zeitungen Russlands kritisiert, in denen er vergeblich nach Informationen dieser Katastrophe suchte, um zu berichten. Auch das sowjetische Fernsehen wird eingeblendet, in der eine Nachrichtensendung namens "Zeit" eine kurze Stellungnahme, die den "Unfall" betraf, brachte.

ORF - Günter Schmidt, 29. April 1986 (Bild: https://www.youtube.com/wat...)

Die Katastrophe - und wie wir sie heute sehen (dürfen)

Der 26. April 1986 bezeichnet den Tag, an dem das damals modernste Kraftwerk der CCCP in arge Schwierigkeiten geraten sollte. Es wurde – angeblich – ein Test anberaumt. Das relativ neue Kraftwerk, das bereits vier Reaktoren umfasste, sollte in absehbarer Zeit einen fünften Reaktor erhalten. Es war bereits die stärkste Anlage weit und breit, der Stolz der Stromindustrie, die damit auch militärische Anlagen betrieb, die speziell gesichert waren. Dementsprechend wurde – so zumindest lautet die Erklärung in der eben genannten Diplomarbeit – mit dem Strom aus Tschernobyl das Stromnetz versorgt, das nicht erlaubte, die Leistung des Werkes auf unter 50 % zu senken. Für den Test allerdings war eine höhere Leistungsabsenkung erforderlich, was allerdings die Techniker in Zweifel stürzte, weil es einerseits gegen die Vorschriften war und andererseits instabile Reaktoren produzierte, die außer Kontrolle gerieten. Dem ging vielleicht auch ein fehlgeschlagener oder nicht durchgeführter Test einige Jahre zuvor voraus, der die Anlage beschädigte.

Am Abend übernahm dann die zweite Schicht und schon kurz nach Beginn des Tests kam der Reaktor ins Schleudern, ließ sich nicht ausschalten und explodierte innerhalb von Sekunden. Dies blieb auch in der nahegelegenen Stadt kein Geheimnis, wie die Aufzeichnungen der Einsatzkräfte verraten. 

In der Zentrale des Kernkraftwerks herrscht Fassungslosigkeit, der Alarm geht los, die Einsatzkräfte werden gerufen. Der Kraftwerksleiter und einer der Techniker, treffen sich im Bunker, der einst gegen kriegerische Angriffe erbaut wurde und entscheiden, dass das Stadt-Komitee zusammentreten muss, um zu entscheiden, was geschehen soll. Dies passierte auch tatsächlich. Es wird zwar gelogen, was das Ausmaß anlangt, man behauptet, der Brand sei unter Kontrolle, was die Entscheidungsgrundlage verfälscht, aber es wird recht bald überlegt, ob eine Evakuierung notwendig sein könnte. Man debattiert, dann meldet sich ein Herr zu Wort, der seine Kollegen daran erinnert, dass es sich hier um den Reaktor "Lenin" handelt und dass die Bevölkerung sich nicht um Staatsfragen zu kümmern hat.

Inzwischen ist die Feuerbrigade eingetroffen und staunt über die enormen Mengen von Hitze und bemerkt auch bald, dass hier größere Notwendigkeiten erforderlich sind, denn der brennende Reaktor setzt gigantische Mengen von Stahlung frei.

Während am frühen Morgen die Feuerwehrbrigade und die Mannschaft im Kraftwerk kollabiert, werden eine ganze Menge Leute ins Hospital eingeliefert. Es vergehen einige Stunden, zwischen der von der Ärztin beobachteten Explosion und dem Eintreffen der Rettungswagen.

Es ist der Morgen des 27.4.1986 und auch in den Zentralen in Moskau werden die Verantwortlichen langsam munter und beginnen ihre Sitzungen. Sie erfahren vom Zwischenfall und staunen. Damals gibt es eine Null-Informationsstrategie. Es wird nicht von Katastrophen berichtet, schon gar nicht von inländischen, die gibt es überhaupt nicht. Die Leute sollen in ihrem Glauben an den Staat nicht gestört werden. Legasov, der damals einer der Verantwortlichen war, wurde von dem Vorfall erst am frühen Morgen telefonisch informiert.

 

Erst mal Schweigen

Eine Rauchsäule bewegt sich auf die Stadt zu, denn der Brand ist noch nicht gelöscht, wie der Chef des AKW behauptet, sondern breitet eine Welle an Radioaktivität über das Land. Die Größe des Gebietes, das die Radioaktivität erreicht und verstrahlt ist je nach Quelle unterschiedlich und erstreckt sich von 2.500 KM² bis über 150.000 KM² – und selbst das ist kein bis heute bestätigte Angabe. Da vorerst auf eine Information der Bevölkerung verzichtet wurde, genau wie auf eine Evakuierung, gehen die Kinder im Nahen Pripyat, der Projektstadt, wie sie genannt wird, ganz normal zur Schule. Soweit ist der Film, der sich mit der Aufarbeitung des Geschehenen befasst, mit der Schilderung. Vermutlich hätte der Westen überhaupt nie etwas von diesem Zwischenfall erfahren, wäre nicht diese schreckliche radioaktive Wolke über die Felder gezogen und hätte nicht nur dort die Bedrohung deutlich gemacht, sondern auch an anderen Orten für Niederschlag und Messergebnisse gesorgt, die unüblich waren.

 

So auch in Forsmark, wo am 28.4.1986 ein damals junger Absolvent der Technischen Hochschule seinen Dienst im schwedischen Forsmark antrat, einem AKW. Erst meldete sich der Detektor am Eingang, dann bemerkte er, wie sich auch seine Kollegen anstellen mussten – Stop! Dass man im AKW kontaminiert wird ist eine Sache, aber dass man draußen kontaminiert wurde und nicht ins AKW kann, ist ihm damals neu – er beginnt mit Untersuchungen der Atome und stellt fest, dass es ganz erhebliche Belastungen gibt. Die allerdings nicht von Schweden stammen. Mit diesen Informationen tritt er seinen Chef gegenüber, der daraufhin die schwedische Behörde informiert, die eine Evakuierung veranlasst und sofort alarmiert! Es wird das Kraftwerk in der Ukraine als Urheber identifiziert und so wird die Sowjetunion genötigt, sich dazu zu äußern, was zunächst überhaupt nicht geschieht. Denn die Sowjets versuchen, die Sache unter dem Tisch zu halten.

 

Doch wenn die Nachrichtenkanäle einmal geöffnet sind, ist die Informationslawine nur noch scher zu stoppen, denn westliche Medien haben bereits die Fährte aufgenommen. Auch sind in weiteren Ländern Strahlenwerte gemessen worden, die zu Besorgnis führten: Finnland, Dänemark, Polen. Erste Medien berichten vom Brand im Kernkraftwerk.

 

Titel der ersten Episode von HBO (Bild: https://www.youtube.com/wat...)

Tschernobyl? - Nie gehört!

Am 29. April 1986 wird im Österreichischen Rundfunk der beschriebene knapp 10-Minütiger Bericht über die Messergebnisse in Schweden, Finnland, Dänemark und Polen gebracht, sowie über die Anfrage der Schweden bei den sowjetischen Behörden, die Ursache betreffend. Die Sowjetunion gibt in einer kurzen Stellungnahme im TV zu, dass es zu einem Unfall in der Anlage kam, aber die Schritte eingeleitet worden waren. Die Polen, die ebenfalls im TV berichteten, behaupteten, der Bevölkerung wurde Iod gegeben. Doch diesbezüglich herrscht geteilte Meinung in der Überlieferung, denn Jodtabletten waren erstens Mangelware, zweitens heißt es, bekam die Bevölkerung in und um Chernobyl keine. 

Zwar wird vom österreichischen TV am 29.4.1986 behauptet, dass es bereits Evakuierungen von drei Dörfern gab, doch auf der Website Wikipedia 'Cernobyl' wird behauptet, es dauert insgesamt bis Mai, bis Evakuierungen durchgeführt wurden. Und selbst da waren es vielleicht eigentlich keine Evakuierungen, sondern viel mehr als solche getarnte Deportationen. Die Leute, die mit Bussen abgeholt wurden, wurden davon informiert, dass es sich um vorübergehende Maßnahmen handelt. Doch es heißt in Berichten, dass es 300.000 Personen traf, die nicht mehr in die Gebiete zurückkehrten, denn es war verboten.

In der Anlage hatte sich Corium gebildet, ein seltenes chemisches Element, das nur bei Kernschmelzen entsteht, was damit die Spekulationen ob es eine solche war, beendet. Corium gilt als ungeheuer giftig und gefährlich. Ob der Größe der Katastrophe, wurde nun aus verschiedenen Pools Liquidatoren eingesetzt, die die Gegend, die weitgehend menschenleer geworden war, reinigten – Häuser wuschen und die kontaminierte Rußschicht unter die Erdoberfläche gruben.

 

Nachrichen der ARD - Nuklearbrand ...

Nachrichen der ARD - Nuklearbrand nicht unter Kontrolle

Inzwischen wurde aus Chernobyl Chornobyl

Die Auswirkungen der Wolke wurde in der Folge auch in Österreich mehrfach bestätigt. Wien, Niederösterreich und Burgenland bestätigten die erhöhten Messwerte. Allerdings wird von einem "geringfügigen" Anstieg gesprochen, den es zu hinterfragen gilt. Denn die radioaktive Wolke aus Tschernobyl soll tonnenweise Corium und radioaktiven Staub sowie Tonnen von Uran und Plutonium ausgestoßen bzw. in die Atmosphäre geschleudert haben. (Zwar sind die im Netz transportierten Zahlen vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine möglicherweise extrem überhöht, doch ist deren Nennung schon ein Schritt zur Aufklärung.) Der Sarkophag, der über die Anlage gebaut wurde, musste 2016 erneuert werden und verschlang eine Unsumme an Dollars. Doch auch dieser wird in ca. 100 Jahren (eigentlich sind es nur noch 94) erneuert werden müssen. Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. 

 

In der weitläufigen Gegend der ehemaligen kontaminierten Gebiete, wurden lange Zeit geringe Lebenserwartungen und hohe Krebsraten erkannt, doch wurde seitens der Führung wenig unternommen, um diese zu senken. Inzwischen bevölkern Tiere wieder die "Todeszone" um das AKW. Nicht nur Forscher sondern auch "Lost Place"-Touristen reisen vereinzelt in die Gegend. Es entstehen gerade viele Fotos, die auf Initiative einzelner Junger zurückgehen, für die bislang der Name fehlt, aber die sich um einen Umbruch und einen Aufbruch kümmern. Ein Verändern. Hoffentlich ein Positives. 

 

Sehenswerte Impressionen aus der einstigen Boom-Town http://www.chernobylgallery.com/

 

Links:

Azure Swimming Pool - Wikipedia

Swimming Pool Azure | The Chernobyl Gallery 

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